Review

Singend durch die Märchenwelt, so könnte die Devise des Disney-Musical-Fantasyfilms „Into the Woods“ lauten, den es inzwischen auf DVD, Blu-ray und digital zu kaufen gibt.
Doch wie es bei Märchen der Fall ist, unterscheiden sie sich deutlich von der Realität. Während in „Into the Woods“ daher für die Protagonisten so einige Wünsche in Erfüllung gehen, geht der Zuschauer über weite Strecken leer aus. Die Gründe dafür sind den folgenden Zeilen zu entnehmen.

„Into the Woods“ ist zunächst einmal nicht neu. Ursprünglich handelt es sich dabei um ein Broadway-Musical von Komponist Stephen Sondheim, das nun von Regisseur Rob Marshall, u.a. bekannt für seine Arbeit an „Chicago“ oder „Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“, gemeinsam mit den Produzenten von „Wicked“ verfilmt wurde.

Da Filme, in denen der Gesangsanteil weitaus höher als die Dialogdichte ausfällt, oftmals polarisieren, lockt man die nicht auf Anhieb interessierten Zuschauer in diesem Fall mit einer namhaften Besetzung vor die Kinoleinwände und Fernsehbildschirme, allen voran mit Meryl Streep, Emily Blunt, Anna Kendrick und Johnny Depp. Das Staraufgebot komplettieren zudem u.a. James Corden und Chris Pine.
Insbesondere Kendrick und Depp bewiesen bereits ihr Talent für musiklastige Verfilmungen, man denke nur an „Pitch Perfect 1 & 2“ oder „Sweeney Todd“, leider ist die Screentime des vermeintlichen Publikumslieblings Depp als „böser Wolf“ derart gering, dass sogar eher von einer Statisten- statt einer Nebenrolle die Rede sein müsste. Wer somit hofft, mehr von Johnny Depp zu sehen, schaut sich lieber ein Poster des Schauspielers an.

Märchenhaftes Recycling - aus alt mach neu: Meryl Streep als böse Hexe will ihre Schönheit wiedergewinnen. (Copyright: 2014 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved)

Märchenhaftes Recycling – aus alt mach neu: Meryl Streep als böse Hexe will ihre Schönheit wiedergewinnen. (Copyright: 2014 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved)

Der Wolf ist also (und das beinahe im wahrsten Sinne des Wortes) der Depp. In welche Rollen schlüpfen die anderen Schauspieler?
Inhaltlich kombiniert „Into the Woods“ die grimmschen Märchen „Rotkäppchen“, „Aschenputtel“, „Rapunzel“ und „Hans und die Bohnenranke“, um daraus eine zusammenhängende, in sich geschlossene Geschichte zu basteln.
Diesbezüglich wurden einige Aspekte der Originalerzählungen beibehalten, vieles jedoch auch verändert.
Eine Spielzeit von ca. 120 Minuten lässt auf den ersten Blick genügend Platz, um die gesamten Ideen umzusetzen, wirkt allerdings letztlich doch überraschend kurzweilig. Insbesondere wenn es darum geht, den Charakteren mehr Tiefe als notwendig zu verpassen, scheitert „Into the Woods“. Dies betreffend wird sich zum Beispiel bei der Figur Aschenputtel nicht nur darauf beschränkt, aus einem einfachen, gedemütigten Mädchen eine Prinzessin zu machen, sondern ihr wird ein zwiespältiger Charakter angedichtet, indem sie sich nicht entscheiden kann zwischen ihrem Leben als Aschenputtel oder einem Leben an der Seite ihres Prinzen. Vom Ansatz her eine gute Idee, in der Umsetzung kommt diese Tiefe und Entwicklung nicht zum Ausdruck.

Wäre dies noch nicht tragisch genug, fielen scheinbar dem finalen Cut ebenfalls so einige Schlüsselszenen zum Opfer, sodass manche Ereignisse und Tatsachen wie aus dem Nichts auftauchen, ohne vorher in irgendeiner Weise angedeutet worden zu sein. Logikfehler, Lücken bzw. nicht nachvollziehbare Handlungen und Beweggründe sind die Folgen. Detaillierte Beispiele lassen sich kaum ohne zu spoilern darlegen, diejenigen, die sich den Kritikpunkt dennoch genauer ansehen wollen, dürfen gerne folgenden Absatz aufklappen.

Spoiler

Plötzlich und durch fehlende vorherige Erwähnung völlig unverständlich und nicht nachvollziehbar ist „Prinz Charming“ (Chris Pine) nicht mehr nur seinem geliebten Aschenputtel (Anna Kendrick) verfallen, sondern eigentlich ein notorischer Herzensbrecher. Eine Wendung, die weder gut noch ausreichend ausgearbeitet wurde und somit absolut überflüssig wirkt, auch wenn sie weitere Figuren von „Into the Woods“ miteinander verbindet.
Zudem sollte man sich mit der Grimmschen Welt, vor allem mit dem eher unbekannteren Märchen „Hans und die Bohnenranke“ ein wenig auskennen, denn auf nähere Erklärungen wird stets im Film verzichtet, stattdessen wird lieber gesungen.

Es ist übertrieben, zu behaupten, dass die besten Szenen bereits im Trailer zu sehen sind, denn rein optisch kann man mit nett anzusehender Cast und passenden Kostümen durchaus punkten, auch wenn die Kulissen und Schauplätze oftmals sehr künstlich wirken. Dies betont die Musical- statt Filmseite von „Into the Woods“.

Chris Pine (Aschenputtels Prinz, rechts) und Billy Magnussen (Rapunzels Prinz, links) im inbrünstigen Duett über die Qualen der Liebe. (Copyright: 2014 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved)

Chris Pine (Aschenputtels Prinz, rechts) und Billy Magnussen (Rapunzels Prinz, links) im inbrünstigen Duett über die Qualen der Liebe. (Copyright: 2014 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved)

Apropos Musical: Wie erwähnt wird natürlich gesungen – und das zulasten des Spannungsaufbaus. Dabei stolpert man auf dem schmalen Grad zwischen ernsthafter Musical-Kunst und Lächerlichkeit. Letztere findet ihren Höhepunkt wohl in dem Duett der beiden Prinzenbrüder über ihre jeweilige Liebesqual. Dieses hätte nicht unnatürlicher und überzogener ausfallen können. Mit Boyband-Touch und den Eindruck erweckend, es mit einem komödiantischen Ylvis-Song zu tun zu haben, dem es an Parodie-Elementen nicht mangelt, erzeugt diese overgeactete Szene reichlich Fremdscham.
Darüber hinaus wirken die Songs ebenso kurzweilig wie der gesamte Film; es bleibt kaum etwas hängen. Trotz netter, aber zugleich sehr typischer Melodien, findet man weder Ohrwürmer noch Ecken und Kanten vor. Die Option, einen Song am Ende mit schrillem, lautem, hohem und lang gezogenem Ton ausklingen zu lassen, wurde ebenfalls ausgereizt, sodass dieses „Stilmittel“ schnell anfängt zu nerven.
Als Tipp sei noch gesagt, dass man mehr auf die englischen Originaltexte statt auf die deutschen Untertitel achten sollte, denn diese fallen, weil man nicht krampfhaft eine passende, sich reimende Übersetzung suchen musste, weniger gezwungen aus. Für Kinder eignet sich der Film jedoch insofern gar nicht, als dass die Songs auf Englisch sind, die Untertitel schnell mitgelesen werden wollen und trotz FSK-6-Einstufung nur wenig „kindertaugliches“ Material geboten wird.

Das Menü vorliegender DVD-Version fällt schließlich sehr übersichtlich aus und die wenigen einzelnen Menüpunkte werden lediglich durch Piktogramme dargestellt. Um sich schnell zurechtzufinden, gilt es entweder, sich mit den Symbolen bereits auszukennen oder sich versuchsweise durchzuklicken, bis der gewünschte Punkt erreicht ist. Wenig zeitraubend ist letztere Methode insofern, da die DVD keinerlei Bonusmaterial oder über das Mindestmaß an Menüpunkten hinausreichende Optionen zur Verfügung stellt. Anders soll dies auf der Blu-ray aussehen, die u.a. ein Making of, Audiokommentare, die Features „Eine großartige Besetzung“ und „Hinter den Kulissen“ sowie alle Lieder mit Text zum Mitsingen und das zusätzliche Lied „She’ll be back“, gesungen von Meryl Streep, zu beinhalten verspricht. Wer also abgesehen vom Hauptfilm auf Mehrwert hofft, sollte in Sachen Extras den Kauf der Blu-ray-Variante in Erwägung ziehen.

Schade, „Into the Woods“ hat sehr viel Potenzial. Allein die Starbesetzung klingt verlockend und doch drängt sich der Eindruck auf, dass hier in kurzer Zeit viel Material verarbeitet werden wollte, das letztlich nicht den Ansprüchen des Zuschauers genügt. Für das Ergebnis scheint es die Mühe der Filmcrew und Schauspieler nicht wert gewesen zu sein, da dem Musical-Film aber grundsätzlich einige gute Ansätze und Ideen zugrunde liegen und noch dazu die deutliche Handschrift einer Disney Produktion zu erkennen ist, gewinnt die Verfilmung zumindest ein paar Sympathiepunkte.

Trailer

Handlung

Der Bäcker und seine Frau wünschen sich nichts sehnlicher als ein Kind, doch aufgrund eines bösen Zaubers, mit dem die niederträchtige Hexe sie belegt hat, bleibt diese Sehnsucht unerfüllt. Der Fluch kann jedoch gebrochen werden, wenn sie vier Dinge innerhalb von drei Tagen beschaffen: eine Kuh weiß wie Milch, Haar gelb wie Mais, einen blutroten Umhang und einen goldenen Schuh. Auf ihrer Suche begibt sich das Paar in den geheimnisvollen Wald, wo sie auf den mutigen Jungen Hans, die schöne Rapunzel, das gutgläubige Rotkäppchen und das selbstbewusste Aschenputtel treffen, deren Schicksal und eigene Wünsche fortan eng miteinander verwoben sind. Auch die Hexe verfolgt ein großes Ziel: sie will ihre Schönheit wiedererlangen.
Werden sich die Herzenswünsche aller Märchenwesen erfüllen? Wie weit werden sie dafür gehen und welchen Preis müssen sie zahlen?
Gib acht, was du dir wünschst – es könnte in Erfüllung gehen!

(Quelle: Disney)

Details

Format: Dolby, PAL, Widescreen
Sprache: Russian (Dolby Digital 5.1), German (Dolby Digital 5.1), English (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Türkisch, Russisch, Arabisch, Tschechisch, Polnisch, Rumänisch, Slowakisch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 2.39:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 6 Jahren
Studio: Walt Disney
Erscheinungstermin: 25.06.2015
Produktionsjahr: 2014
Spieldauer: 120 Minuten

Copyright Cover: ©2015 Disney



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde