Review

1975 veröffentlicht James Graham Ballard seinen dystopischen Roman „High Rise“. Rund 40 Jahre später folgt daraus unter dem gleichen Titel ein ebenfalls dystopischer, beinahe zerstörerischer Film. Unter der Regie von Ben Wheatley, den einige vielleicht durch seine Arbeit an „Doctor Who“ kennen dürften, entstanden 112 äußerst befremdliche Filmminuten, die für einige Verwirrung beim Zuschauer sorgen dürften.

Doch zunächst beginnt alles ganz harmlos im London der 70er Jahre. Protagonist Robert Laing bezieht eine neue Wohnung in einem modernen Hochhaus. Ausgefallene Architektur, rohe Betonwände, Luxus umgeben ihn sowie ein Haufen verpackter Kisten. Das Gebäude selbst ist ein kleines Wunderwerk, denn auf den 40 Etagen finden sich ein Schwimmbad, ein Supermarkt und andere Annehmlichkeiten. Und dann wären da noch die Bewohner. Ein Schmelztigel, so bezeichnet der Architekt Anthony Royal selbst sein Gebäude. So findet sich ein Querschnitt der Bevölkerung in den einzelnen Etagen, vom Arbeiter bis zum Filmstar. Allerdings gilt die Regel: Je höher du wohnst, desto wichtiger bist du für die Hausgemeinschaft.

Dass so eine Mischung auch Probleme bergen kann, hat Royal allerdings wohl nicht bedacht. Schon bald stoßen die verschiedenen Bedürfnisse aneinander. Wer darf wann das Schwimmbad nutzen? Welche Party ist die coolste? Und: Wer hat seinen Müll nicht richtig entsorgt? Auch Laing kann sich diesem Sog nicht entziehen, obwohl er sich als Bewohner der „Mitte“ mit vielen gut versteht.

Tja, und dann werden aus kleinen Nachbarstreits plötzlich Mord, Totschlag, Chaos, Orgien, Armut, Hunger, Party und Drogen: Das Hochhaus wird zum abgeschotteten Mikrokosmos, in dem der Verstand aussetzt und Gelüste regieren. Schon relativ zeitig nimmt die Story dabei eine derart abstruse Wendung, dass man als Zuschauer einfach nur perplex dem Geschehen beiwohnt. Obwohl die Erzählung schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat und Medien heute nicht gerade zimperlich mit ihrer Berichterstattung sind, schafft es Regisseur Wheatley hier noch für Irritation und Anstoß zu sorgen.

Das mag zum einen an der Story liegen, die ohne rechten Anfang und mit offenem Ende keinen perfekten Spannungsbogen beschreibt und so ganz viel Platz für Interpretationen lässt. Zum anderen setzt Wheatley diese Eindrücke in beeindruckende Bilder um; seien es Laing, der in einem Anfall von Wahnsinn seine Wohnung mitten im Chaos in fröhlichem Grau streicht, ein Schädel, der vor Studenten fachmännisch zerlegt wird oder die Schönheit der Chaos-Choreografie in einem leeren Supermarkt.

Tom Hiddleston in "High-Rise". (Copyright: Universum Film)

Tom Hiddleston in „High-Rise“. (Copyright: Universum Film)

Außerdem laufen die beteiligten Schauspieler zu Höchstleistungen auf: Einmal wäre da natürlich Tom Hiddleston, der vor den Augen der Zuschauer nach und nach seine eigenen Aggressionen und Bedürfnisse freilegt. Oder Jeremy Irons, der als Architekt im Elfenbeinturm (mit Pferd! Auf dem Dach!) wahrlich in seiner eigenen Welt gefangen ist. Oder Luke Evans, der in seinem eigenen Wahnsinn anscheinend als einziger die Verrücktheit seiner Mitmenschen noch bemerken kann. Jeder für sich spielt hier wirklich überzeugend seinen Part.

Nichtsdestotrotz bleibt das Gesamtbild von „High-Rise“ befremdlich. Warum genau Menschen innerhalb eines Gebäudes zum Wolf werden, bleibt der Spekulation des Zuschauers überlassen. Ohne jeglichen Anhaltspunkt und durch die Geschwindigkeit der Entwicklung bleibt am Ende nur Irritation. Wer der retrospektiven Dystopie wegen ihrer Qualitäten eine Chance geben will, sollte daher starke Nerven mitbringen.

Trailer

Handlung

1975. Zwei Meilen westlich von London bezieht Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) auf der Suche nach Anonymität sein neues Appartement – nur um bald festzustellen, dass seine Mitbewohner gar nicht daran denken, ihn in Ruhe zu lassen. So ergibt er sich schließlich in sein Schicksal, freundet sich mit den neuen Nachbarn (Sienna Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss) an und wird dadurch zunehmend in das komplexe soziale Gefüge hineingezogen. Während er so seine Probleme damit hat, seinen Platz inmitten dieser Gesellschaft zu finden, bekommen Laings gute Manieren und sein Verstand ebenso deutliche Risse wie das Gebäude selbst: Die Lichter gehen aus, die Aufzüge bleiben stehen, aber die Party hört nicht auf. Die Menschen sind das Problem, der Alkohol ist die Währung, Sex das Allheilmittel. Erst sehr viel später, als er auf dem Balkon sitzt und den Hund des Architekten verspeist, fühlt Laing sich endlich zuhause.

(Quelle: Universum Film)

Details

Sprache: Deutsch (DTS-HD 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bildseitenformat: 16:9 – 2.40:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: DCM Film DistributionUniversum Film GmbH
Erscheinungstermin: 18.11.2016
Produktionsjahr: 2015
Spieldauer: 119 Minuten
Extras: Vom Roman zum Film / Interviews mit Cast & Crew

Copyright Cover: Universum Film GmbH



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer