Review

Was versteckt sich in den dunklen Gassen, verrauchten Cafés und hinter halb leeren Rotweingläsern des Paris der 30er Jahre? Intellektuelle, die „Bohème“, ein Traum von Freiheit und Sex?

So zumindest zeigt sich das sepia getönte Paris im Film „Henry & June“. Grundlage war das Paris, das Schriftstellerin Anaïs Nin in ihren Tagebüchern zeichnete. Tagebücher, von denen man noch fast ein Jahrhundert später sagen könnte, dass diese für die weibliche Sexualität ein Befreiungsschlag waren.

An heißen Szenen mangelt es dem Erotikdrama "Henry & June" nicht. (Copyright: Koch Media)

Kein Mangel an heißen Szenen – Erotikdrama „Henry & June“ (Copyright: Koch Media)

Dieser beginnt bei Anaïs selbst, die sich als Ehefrau eines braven Bankers zunächst der Lust am Schreiben und dann, als sie Henry und June Miller kennenlernt, der Lust an der Lust widmet. Hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu ihrem Mann, der erotischen Anziehungskraft der Femme fatal June, den sexuellen Höhepunkten mit Henry und der Schriftstellerei, versucht Anaïs sich selbst zu finden.

Den Filmemachern hier unnötigen Sexismus vorzuwerfen, ginge am Ziel vorbei; möchte man die – zugegeben komplizierte – Beziehung zwischen Anaïs, Henry und June darstellen, lässt sich auf diese Komponente nicht verzichten. Dabei geht Philip Kaufman, in dessen Händen sowohl Drehbuch als auch Regie lagen, aber stets mit einer gewissen Diskretion vor, die dem Zuschauer eine besondere Intimität zwischen den drei ganz unterschiedlichen Protagonisten vermittelt. Der kleine Blick durchs Schlüsselloch erhöht die sexuelle Spannung, ohne dass es zusätzlich auf explizite Einblicke ankäme. Nichtsdestotrotz kassierte der Film in Deutschland auch bei dieser Neuveröffentlichung zu Recht die Freigabe ab 16 Jahren, immerhin revolutionierte er 1990 gar das amerikanische Filmbewertungssystem.

Auch wenn man in den 131 Minuten Laufzeit vor lauter heißen Szenen die Story glatt vergessen möchte, lohnt es sich, seine Sinne beisammenzuhalten. Zwar plätschert die Geschichte insgesamt eher vor sich hin (quasi von einem Bett ins nächste), manchmal wirken die erotischen Erlebnisse sogar wie eine lose Aneinanderreihung und weniger wie eine zusammenhängende Entwicklung, aber das mag der literarischen Vorgabe geschuldet sein.

Komplizierte Beziehung: Anais Nin (Maria de Medeiros) zwischen Femme fatale June (Uma Thurman) und Liebhaber Henry Miller (Fred Ward). (Copyright: Koch Media)

Komplizierte Beziehung: Anais Nin (Maria de Medeiros) zwischen Femme fatale June (Uma Thurman) und Liebhaber Henry Miller (Fred Ward). (Copyright: Koch Media)

Gerade bei der Darstellung der Charaktere ist „Henry & June“ dennoch überzeugend, denn die Darstellung von Kaufmann hat doch einiges an Einfühlungsvermögen aufzuweisen. Sich von den üblichen sexuellen Konventionen zu lösen, scheint in den 30ern des vergangenen Jahrhunderts mehr abzuverlangen, als man es sich in unserer immer als übersexualisiert bezeichneten Medienwelt vorstellen kann, und diesen inneren Kampf stellt Maria de Medeiros (Anaïs Nin) ganz zauberhaft dar.
Außerdem sei als zweite starke Protagonistin natürlich noch Uma Thurman erwähnt, die mitten im Chaos als zerbrechliche, aufbrausende, kokette June Miller brilliert, die durch ihre starke Leistung das filmische Epizentrum bleibt, obwohl sie die Hälfte der Zeit gar nicht zu sehen ist.

Es bleibt dann schließlich beim Zuschauer nach den spärlichen Informationen der Geschichte zu entscheiden, wo die Wahrheit liegt. Ist June die unerträgliche Person oder zerstören Henry und Anaïs ihre zarte Seele? Wir wissen es nicht, aber wenn etwas so ansehnlich präsentiert ist, schaut man gern ein zweites Mal hin, um die Wahrheit zu ergründen.

Für ein rundes Filmerlebnis sorgt schließlich die gute optische und akustische Qualität dieser Wiederveröffentlichung, die auf Blu-ray mit Vollformat überzeugt ‑ wobei man hier natürlich kein gestochen scharfes „Avatar“-Erlebnis erwarten darf. Bei einem 30er Jahre Setting und einem Filmformat, das zwischen Drama, Biografie und Erotikfilm changiert, gehört der leichte Sepia-Stich am Ende einfach zum guten Ton.
Genrefans können hier also ganz beruhigt zugreifen.

Handlung

Als sie den amerikanischen Autoren Henry Miller (Fred Ward) im Jahr 1931 in Paris kennen lernt, begibt sich eine junge Schriftstellerin namens Anais Nin (Maria de Medeiros) auf eine Selbstfindungsreise und notiert jede ihrer Erfahrungen in ihrem Tagebuch. Auf der Suche nach neuen Wahrheiten werden Anais und Henry von dessen unwiderstehlich sinnlicher Ehefrau June (Uma Thurman) in Versuchung geführt.

Philip Kaufmans Film „Henry & June“ beschreibt das erotische Leben zweier Menschen, die zu den Literaturgiganten des 20. Jahrhunderts zählen.
„Henry & June“ ist eine unvergessliche Reise in „unerforschte Bereiche“ menschlicher Beziehungen, basierend auf den lange Zeit unveröffentlichten Abschnitten von Anais Nins Tagebüchern.

(Quelle: Koch Media)

Details

Sprache: Deutsch (DTS-HD 2.0), Englisch (DTS-HD 2.0)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Koch Media GmbH
Erscheinungstermin: 13.08.2015
Produktionsjahr: 1990
Spieldauer: 136 Minuten
Extras: Deutscher und Englischer Kinotrailer, Bildergalerie

Copyright Artikelbild: Koch Media GmbH



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer