Review

Wer nicht das Privileg besaß, den japanischen Sender „Animax“ auf den Schirm zu bekommen, durfte 2006 die Serie „Ghost In The Shell: Stand Alone Complex“ auf MTV bestaunen. Der Ursprungsfilm „Ghost In The Shell“ ebnete 1995 zusammen mit „Akira“ den Animes den internationalen Weg. Zeitlich spielt die Serie zwischen den ersten beiden Kinofilmen, agiert aber eigenständig und verfolgt, bis auf einige Anspielungen, eine separate Story.

Daher sollte man übermäßige Vergleiche zum Originalmaterial fairerweise vermeiden. Natürlich spielt der Film qualitativ in einer ganz anderen Liga als die Serie. Der gleiche Aufwand wurde natürlich nicht in „Ghost In The Shell: Stand Alone Complex“ gesteckt, weil, nun ja, es eben eine Serie ist und man schneller mehrere Folgen an den Start bringen muss. Dennoch wurde sie mit genauso viel Liebe und alles andere als amateurhaft produziert.

Neben dem hauptsächlichem Sci-Fi-Thema lässt der Anime auch eine Menge Krimi-/Thriller-Flair durchsickern. (Coypright: 2002-2004 Shirow Masamune-Production I.G/KODANSHA)

Neben dem hauptsächlichen Sci-Fi-Thema lässt der Anime auch eine Menge Krimi-/Thriller-Flair durchsickern. (Coypright: 2002-2004 Shirow Masamune-Production I.G/KODANSHA)

Wir schreiben das Jahr 2030 in der fiktiven japanischen Stadt Niihama-Shi. Die moderne Technologie ermöglicht es den Menschen, viele Körperteile durch künstliche Implantate oder Prothesen zu ersetzen. Sogar ein Großteil des Hirns lässt sich durch ein sogenanntes Cyberbrain ersetzen. Im Shell (einer Art Biokapsel) stecken Persönlichkeit und Identität des Menschen, der Ghost. In dieser Welt wurde die militärische Spezialeinheit „Sektion 9“ gegründet, um gegen Cyberkriminalität, Spionage und sogar Terrorismus vorzugehen.

Durch diese globale Vernetzung, da sich die Menschen ihren Kopf buchstäblich an Terminals o.Ä. anschließen können, zeugt dieser Anime schon von einem vorausschauenden Charakter. Die am häufigsten auftretenden Probleme liegen hierbei wohl auf der Hand: Hacking. Sektion muss sich mit einem dieser Hacker herumschlagen, der sich selbst „Der lachende Mann“ nennt und als Massen-Phänomen aufzutauchen scheint. Darüber hinaus gibt es aber für Major Motoko Kusanagi und ihr Team noch einiges fernab dieses Falles zu tun.

„Ghost In The Shell: Stand Alone Complex“ fängt optisch das Sci-Fi-Gefühl sehr gut ein, mit technischen Überholungen alltäglicher Dinge oder moderner Kommunikationsmittel. Allerdings gibt es keine zu abgefahrenen Erfindungen wie schwebende Autos und so lässt der Anime seine Zukunftsvorstellungen doch einigermaßen „realisierbar“ wirken.

Ebenfalls geht es auf moralischer und ethischer Ebene noch ein Stück tiefer. Da durch die „Cyborgisierung“ die Linie zwischen Mensch und Maschine weiter verwischt wird, werden dem Begriff „Leben“ ganz neue Bedeutungen zugeschrieben. In erster Linie versteht sich die Serie allerdings hauptsächlich nicht als Vertreter des Action-Genres, sondern legt viel Wert auf den Thriller-/Krimi-Aspekt.

Daher sollte man sich, abgesehen vom Ende der Staffel, auf nicht allzu dramatische Kämpfe einstellen. Klar gibt es diverse Feuergefechte, Kampfszenen oder Verfolgungsjagden, diese wirken aber nicht allzu sehr auf die Spitze getrieben. Überhaupt lässt man sich für die Animationen eine Menge Zeit, sie flüssig und realistisch darzustellen. Zu Beginn relativ unspektakulär werden diese im Verlauf der Folgen immer besser, was auch aus den Interviews mit den Machern herausgeht.

Da ihr "Ghost" schon von Kindheit an in einem Cyborg-Körper steckt, gehen Motoko Kusanagis Kräfte weit über menschliche Grenzen hnnaus. (Copyright: 2002-2004 Shirow Masamune-Production I.G/KODANSHA)

Da ihr „Ghost“ schon von Kindheit an in einem Cyborg-Körper steckt, gehen Motoko Kusanagis Kräfte weit über menschliche Grenzen hinaus. (Copyright: 2002-2004 Shirow Masamune-Production I.G/KODANSHA)

Die Charaktere nähern sich auch zunehmend dem Originalfilm an. Was das Design von Motoko Kusanagi angeht, so finde ich persönlich das des Films um einiges gelungener. Dort sieht man ihr die Ausstrahlung eines Cyborgs wirklich an, während sie in der Serie mehr wie eine nette Nachbarin rüberkommt. Aber wie vorhin erwähnt, ist es nicht empfehlenswert, diese beiden Erzeugnisse zu vergleichen.
Die Züge der Protagonisten ergeben sich überwiegend aus Aktionen abseits ihrer Arbeit, dennoch wird auf die Hintergründe nicht zu sehr eingegangen. Ein Problem stellt das allerdings nicht dar, da „Ghost In The Shell: Stand Alone Complex“ den kompletten Fokus auf den Plot legt und die Figuren immer ihrem Charakter entsprechend reagieren.

Es gibt an dieser Serie tatsächlich nur ein paar subjektive Kleinigkeiten auszusetzen. Beispielsweise das Intro. Dieses wurde komplett mit 3D-Modellen kreiert und ist auch entgegen der Serie weniger interessant. Das kann man sich einmal gönnen, aber danach überspringt man es automatisch.
Dieses Mal gibt es auch Probleme bei der deutschen Synchronisation. Die Besetzung ist zwar weitgehend gut gewählt, u.a. mit Tilo Schmitz‘ basslastiger Stimme oder Christin Marquitan („The Walking Dead“, „True Blood“), aber ich sehe ein großes Problem in der akustischen Ausdrucksweise der Tachikoma. Die spinnenartigen, mit einer künstlichen Intelligenz ausgestatteten Roboter der Sektion 9 haben entgegen ihrem metallischen Aussehen sehr hohe (fast schon an Schulmädchen erinnernde) Stimmen. Indem die deutschen Stimmen noch eine Spur hochgepitcht wurden, fällt es auf Dauer schwer, ihren Dialogen zu folgen. Und wenn es dann noch eine Folge ist, die sich ausschließlich mit den Gesprächen der Tachikomas beschäftigt, zerrt dies wirklich an den Nerven. Weiterhin wurden in der deutschen Synchro so manche essenziellen Effekte auf Stimmen einfach weggelassen.

Um kurz auf das Intro zurückzukommen. Die Musik hingegen ist äußerst hörbar. Geschaffen – sowie der restliche Soundtrack der Serie – von Yoko Kanno (u.a. für „Cowboy Bebop“, „Wolf´s Rain“, etc.). Also kann man sich wieder auf Musik einstellen, die sich der Stimmung des Animes stetig anpasst.

Neben der Cyberkriminalität muss sich Sektion 9 auch mal mit Amok laufenden Robotern rumschlagen. (Copyright: 2002-2004 Shirow Masamune-Production I.G/KODANSHA)

Neben der Cyberkriminalität muss sich Sektion 9 auch mal mit Amok laufenden Robotern rumschlagen. (Copyright: 2002-2004 Shirow Masamune-Production I.G/KODANSHA)

Weiterhin gibt es eine ganze Bandbreite an Extras auf den sechs DVDs. Neben den Trailern zum Beispiel Interviews mit den japanischen Originalsprechern, falls jemand mal neugierig auf so einen Studioalltag in Japan ist. Viel interessanter jedoch ist das Making Of von „Ghost In The Shell: Stand Alone Complex“, da hier wirklich detailliert und verständlich erklärt wird. Vor allem deswegen, weil der Anime von einer Menge CGI profitiert. Die Hintergründe dazu entstanden glücklicherweise aus Handarbeit.

Muss man Vorwissen in Form des Kinofilms mitbringen, um in diese Serie neu einzustarten? Jein. Man wird zwar stellenweise mit einer Menge Informationen beworfen, aber als Zuschauer wird man auch angenehm an den Plot herangeführt und Fremdbegriffe werden suggestiv erklärt. Die einzelnen Folgen gestalten sich unterhaltsam und beinhalten alles von politischen Intrigen bis hin zu grausamen Thriller-Themen, die es gilt aufzuklären. „Ghost In The Shell: Stand Alone Complex“ spricht mit seinen komplexen, teilweise dystopischen Aspekten ein erwachsenes Publikum an. Äußerst sehenswert und hebt den Spannungslevel regelmäßig an, sodass man sich nach der letzten Folge erfüllt fühlt und gleichermaßen traurig, dass es zu Ende gegangen ist.

Handlung

Schön, aber tödlich … Motoko Kusanagi und die Offiziere von Sektion 9 sind wieder da! Zusammen mit den drolligen, aber nichtsdestotrotz tödlichen Tachikoma-Robotern führen sie die Verbrecherjagd in der realen und der Online-Welt fort. Doch auch bestens vorbereitete Agenten wie sie können in Schwierigkeiten geraten, wenn sie es mit einer konspirativen Aktion zu tun bekommen, die von einem mysteriösen Hacker namens Lachender Mann angeführt wird!

(Copyright: Nipponart)

Details

Format: Dolby, PAL
Sprache: Japanisch (DTS-HD 5.1), Deutsch (DTS-HD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bildseitenformat: 16:9
Anzahl Disks: 6
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Production I.G.
Publisher: Nipponart
Erscheinungstermin: 26.06.2015
Produktionsjahr: 2005
Spieldauer: ca. 650 Minuten
Extras:Interview mit den Machern, Original-Trailer, Booklet, Blank Endings

Copyright Cover: Nipponart



Über den Autor

Christopher