Review

Der wohl vorerst letzte Ghibli-Film. Allein dieser Gedanke löst bei eingefleischten Fans eine gewisse Schwermut gepaart mit einem trotzigen Unwillen aus, denn die durch diese Aussage ins Utopische empor geschraubten Erwartungen müssen ja eigentlich ins bodenlose stürzen. Und so schluckt man die wallenden Emotionen halbherzig hinunter, legt „Erinnerungen an Marnie“ ein und versucht das Ganze mit etwas Würde zu ertragen. Bis – ja, bis die erste Szene aufleuchtet. Und schon ist man wieder mittendrin im Ghibli-Universum.

Nach einem erneuten Asthma-Anfall schickt Yoriko ihr Pflegekind Anna schweren Herzens zu Verwandten aufs Land, wo das 12-jährige Mädchen sich erholen soll. Früher ein lebhaftes Kind, ist Anna heute ruhig und zurückgezogen, fühlt sich selbst als Außenseiterin und hegt einen tiefsitzenden Groll. Gegen sich. Kontakte zu knüpfen fällt ihr schwer – so auch in dem kleinen Ort am Meer, wo sie nun bei Tante und Onkel wohnen soll. Sie zieht sich in die Stille der wunderschönen Landschaft zurück und entdeckt zufällig beim Erkunden der neuen Umgebung eine alte, verlassene Villa, die sie fesselt und fasziniert. Immer wieder zieht es sie dorthin, bis sie eines Tages die junge Marnie dort trifft.

Das hübsche blonde Mädchen aus wohlhabender Familie scheint mutig, frei und glücklich zu sein. In ihr findet Anna ihre erste richtige Freundin und erlebt mit ihr zusammen wundersame Momente. Eines Tages jedoch verschwindet Marnie und eine neue Familie zieht in die Villa ein. Die Tochter des Hauses, Sayaka, findet in ihrem Zimmer das Tagebuch von Marnie und zeigt es Anna. Diese muss in diesem Moment feststellen, dass ihre einzige Freundin nicht die war, die sie vorgab zu sein. Zusammen versuchen die beiden Mädchen das Rätsel um Marnie zu entschlüsseln.

Filme aus dem Studio Ghibli Hause haben stets einen ganz besonderen Zauber. Schon der Look ist magisch und transportiert eine eigene Stimmung. In „Erinnerungen an Marnie“, ein Film, der auf dem Kinderbuchklassiker „When Marnie was There“ von Joan G. Robinson basiert, entführt uns Regisseur Hiromasa Yonebayashi ans Meer, wo Ebbe und Flut alles ständig wandeln und in ihrem ewigen Wechsel zugleich eine beruhigende Monotonie entstehen lassen. Die Szenerie ist traumhaft schön und detailreich ausgearbeitet, die Farben sind weich und hell. Ein wunderschöner Ort, fast wie ein Traum.

Auch die Erzählweise und die Charaktere haben dieses spezielle Flair, wie es kaum einem anderen Animationsstudio gelingt: ruhig, bewusst, pointiert, berührend. So ist auch Anna. Der Zuschauer wird direkt in der ersten Szene von ihrem inneren Kampf in Besitz genommen. Die düsteren Gedanken, die ein so junges Mädchen quälen, und ihr Anspruch, niemanden davon wissen zu lassen, schnüren einem die Kehle zu, schockieren. Man kann erst wieder frei durchatmen, wenn Marnie das erste Mal auf die Bühne tritt. Wie ein Engel eilt sie Anna – und den Zuschauern – zur Hilfe und öffnet ihren eisernen Käfig Stück für Stück.  Doch dann ist sie wieder fort. Und man fragt sich: Ist Marnie nur ein Wunschtraum? Ein Geist? Eine Erinnerung? Wer ist Marnie? Und bei jeder Begegnung scheint es greifbarer zu werden, dass Anna nicht die einzige ist, die gerettet werden muss.

Filme aus dem Studio Ghibli Hause haben stets einen ganz besonderen Zauber. Schon der Look ist magisch und transportiert eine eigene Stimmung. (Copyright: Universum Film)

Filme aus dem Studio Ghibli Hause haben stets einen ganz besonderen Zauber. Schon der Look ist magisch und transportiert eine eigene Stimmung. (Copyright: Universum Film)

Doch bis zur Lösung des Rätsels wird die Geschichte dem Publikum sanft in kleinen Happen serviert. Der Film ist ruhig und zurückgenommen, ohne Längen zu bergen. Es ist diese besondere Liebe zum Erzählen, die das Studio Ghibli schon von jeher ausmachte und die sich hier in „Erinnerungen an Marnie“ nochmals in ihrer ganzen bittersüßen, melancholischen Schönheit zeigt. Denn wenn sich am Schluss des Filmes der Schleier hebt und Anna genau wie der Zuschauer endlich die letzten Puzzleteile zusammenführen kann, fragt man sich: Habe ich das nicht eigentlich schon die ganze Zeit geahnt?

„Erinnerungen an Marnie“ ist ein gefühlvolles Coming-of-Age-Drama, eine Geschichte rund um Fehler, Schuld und Verzeihen, aber auch Vertrauen und Freundschaft. Und dieser emotionale doppelte Boden ist das, was Filme wie „Chihiros Reise ins Zauberland“ oder „Mein Nachbar Totoro“ schon immer auszeichneten. „Erinnerungen an Marnie“ reiht sich in diese lange und reiche Schlange von Vorgängern ein, ohne sich hinter ihnen verstecken zu müssen.

Ein Tipp zum Schluss: Unbedingt den Abspann genießen!

Trailer

Inhalt

Die 12-jährige Anna ist asthmakrank und fühlt sich als Außenseiterin. Früher war sie ein lebhaftes Kind, doch dann wurde sie ruhig und zog sich zurück …
Um sich zu erholen wird Anna von ihrer Pflegemutter Yoriko den Sommer über zu Verwandten aufs Land geschickt. Beim Erkunden der neuen Umgebung entdeckt Anna ein altes verlassenes Haus, das sie zu kennen scheint und trifft dort die junge Marnie. Das mysteriöse blonde Mädchen wird Annas erste richtige Freundin und sie hat seit langem wieder Spaß am Leben. Als Marnie eines Tages jedoch spurlos verschwindet und die Familie Lindsay in das leerstehende Haus einzieht, freundet sich Anna mit Sayaka, der Tochter der Familie, an. Sayaka findet Marnies Tagesbuch und Anna muss feststellen, dass Marnie nicht die war, die sie vorgab zu sein. Welches Geheimnis umgab Marnie?
(Quelle: Universum Film GmbH)

Details

Format: Dolby, PAL
Sprache: Japanisch (Dolby Digital 5.0), Deutsch (Dolby Digital 5.0)
Region: Region 2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ohne Altersbeschränkung
Studio: Universum Film GmbH
Erscheinungstermin: 11.03.2016
Produktionsjahr: 2014
Spieldauer: 100 Minuten

Copyright Cover: Universum Film GmbH



Über den Autor

Silvana
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A Cat is Purrfect.