Review

Im ZDF liefen die sechs Folgen der Event-Miniserie „Die verlorene Tochter“ bereits Mitte/Ende Januar – und das sogar zur Hauptsendezeit. Nun erscheint das Familiendrama von Regisseur Kai Wessel auch als Doppel-DVD im Heimkino.

Worum geht es?

Isa von Gems, ein Teenager aus gutem Hause, verschwindet 2009 nach einem Schulfest spurlos. Zehn Jahre später – und hier setzt die Handlung des Films ein – taucht sie plötzlich wieder auf. Mit im Gepäck: fehlende Erinnerungen und allerlei Geheimnisse sowie Rätsel für Figuren und Zuschauer.

Vor dem Hintergrund eines scheinbaren Verbrechens erzählt „Die verlorene Tochter“ eine „Geschichte über die Bedeutung von Familie, vom Leben in der deutschen Provinz und von der Suche nach Wahrheit, Liebe und Glück. Und sie erzählt von Flucht – auch vor der eigenen Erinnerung“.

Amnesie trifft auf Figuren voller Geheimnisse

Amnesie trifft demnach auf Figuren voller Geheimnisse, was dazu führt, dass jede Rolle – in welcher Weise und für was auch immer – verdächtig wirkt.

Das soll die Spannung ebenso aufrechterhalten, wie die Tatsache, dass sich Stück für Stück einzelne Puzzleteile in jeder Episode à 45 Minuten zusammenfügen. Dabei ist nichts, wie es zunächst scheint. Entblößt werden mehr und mehr Fassaden und zerstörte Leben.

Auf der Suche nach Antworten kommt die dabei gezeigte Kettenreaktion mitsamt ihrer Figurenkonstellation allerdings nicht immer ohne Klischees und Stereotype aus.
Als Beispiel sei nur die Rolle des damals ermittelnden Kommissars Peter Wolff (gespielt von Götz Schubert) genannt, die als gescheiterter, gebrochener Charakter mit Alkoholproblem und nun nicht mehr im Dienst als einsamer Wolf auf eigene Faust die Ermittlungen wieder aufnimmt.

Wegweisende Episodentitel

Auch die erhoffte Spannung fällt insgesamt zu mau aus. Obschon dunkle Farben und ein nordisch-düsterer Look der Inszenierung gutstehen und Atmosphäre aufbauen, weisen bereits die Titel der einzelnen Episoden den Weg, wohin die Reise mit „Die verlorene Tochter“ geht. Von „Geistern“, „Zweifeln“ und „Lügen“ ist dabei ebenso die Rede wie von einem „Irrenhaus, das sich Familie nennt“. Die sich anschließende „Wahrheit“, die in der letzten Episode zu einem großen „Scherbenhaufen“ führt, vollendet den Weg, den der Film geht – und schenkt den Zuschauern einiges an grober Vorhersehbarkeit.

Diesen fällt es jedoch dennoch schwer, über einer Gesamtlänge von ca. 270 Minuten den Überblick zu behalten.  Diesbezüglich helfen auch die nahtlosen Übergänge von der Vergangenheit in die Gegenwart sowie die gewählte Erzählform in Form von Rückblenden zu Beginn einer jeden Episode, die Einblicke in die Nacht des Verschwindens aus unterschiedlichen Perspektiven gewähren, nur bedingt weiter.
Indem die Macher der ZDF-Miniserie die Geschehnisse und Rätsel der Vergangenheit an Drama, Tragik und Thrill ständig zu toppen versuchen, gerät „Die verlorene Tochter“ zudem immer unglaubwürdiger und hanebüchener.

Im Familiendrama „Die verlorene Tochter“ gerät das Bild der intakten Familie mächtig ins Wanken. | Copyright: Alexander Fischerkoesen / Edel:Motion

Unverständnis ist zuweilen die Folge und Verständnisprobleme ergeben sich auch durch eine eher semioptimale Sprachausgabe. Wie in deutschen Produktionen nicht unüblich, so wird auch hier des Öfteren genuschelt, undeutlich und/oder zu leise gesprochen; schlimmer geht aber – vermutlich nur bei Schweiger-Filmen – immer.

Das trifft auch auf die schauspielerische Leistung zu, von der man sich – liest man die Namen der Besetzungsliste durch – einfach noch deutlich mehr versprochen hätte.

Fazit

Mit voller Konzentration verfolgt man daher „Die verlorene Tochter“ bei ihrer Heimkehr, während Emotionen dabei auf der Strecke bleiben. Mitgefühl, Sympathien für Figuren und eine in den Bann ziehende Handlung bleiben beinahe vollständig aus. Schade, steckt in der Miniserie doch eigentlich viel Potenzial.

 

Trailer

Handlung

Zehn Jahre ist es her, dass Isa in der schwülen Sommernacht des Schulfestes spurlos verschwand. Es gab keine Zeugen, keine Hinweise, nichts. Zehn Jahre voller Gerüchte, Ahnungen, Ängste und offener Fragen. Isas Verschwinden hat den Ort verändert, denn jeder in Lotheim war berührt von der Tragödie. Und jeder ist berührt, als Isa plötzlich und vollkommen unerwartet wieder auftaucht – ohne Erinnerung an das, was passiert ist.

Neue Gerüchte tauchen auf: Kann sich Isa wirklich nicht erinnern? War vielleicht alles inszeniert? War sie der Engel, als der sie in den letzten Jahren galt? Und ist es überhaupt Isa, die da zurückgekommen ist?

„Die verlorene Tochter“ erzählt ein geheimnisvolles Familiendrama vor dem Hintergrund eines scheinbaren Verbrechens, eine Geschichte von vernarbten Wunden, über die Bedeutung von Familie, von deutschem Leben in der Provinz und von der Suche nach Wahrheit, Liebe und Glück. Und sie erzählt von Flucht – auch vor der eigenen Erinnerung.

(Quelle: Edel:Motion)

Episoden

01 Geister
02 Zweifel
03 Lügen
04 Das Irrenhaus, das man Familie nennt
05 Die Wahrheit und nichts…
06 Scherbenhaufen

Details

Format: Dolby, PAL
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0)
Bildseitenformat: 16:9
Anzahl Disks: 2
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Edel Germany GmbH
Erscheinungstermin: 14.02.2020
Produktionsjahr: 2019
Spieldauer: 270 Minuten
Extras: Booklet mit Informationen über die Serie & Interviews

Copyright Cover: Edel:Motion



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde