Review

Komödien gibt es viele, gute Komödien hingegen sind eher rar gesät. Oft passt irgendetwas bei diesen Filmen nicht, entweder ist der Humor zu plump oder die Handlung zu oberflächlich, meist auch beides gleichzeitig. „Die Große Versuchung – Lügen bis der Arzt kommt“ ist diesbezüglich eine sehenswerte Ausnahme, denn Regisseur Don McKellar schafft mit dem Remake der 2003 erschienenen kanadischen Filmkomödie „Die große Verführung“ den Spagat zwischen humorvoller Unterhaltung und tiefgründigem Inhalt.

Die vielen Stärken des Films zeigen sich beinahe in jeder Szene und in jedem Dialog. Angefangen bei der Besetzung, über die bestens eingefangene Kulisse bis hin zur Handlung und Idee: hier passt einfach alles.

Bei der Überzeugungsarbeit greift man auch schon mal auf unkonventionelle Methoden wie das Abhören und Ausspionieren zurück. (Copyright: Universum Film)

Bei der Überzeugungsarbeit greift man auch schon mal auf unkonventionelle Methoden wie das Abhören und Ausspionieren zurück. (Copyright: Universum Film)

Zwar gestaltet sich der Einstieg in den Film mittels einer Rückblende nicht sehr innovativ, sie erfüllt jedoch ihren Zweck und klärt den Zuschauer über die Hintergründe der sich daraufhin aufbauenden Handlung auf und schürt die Sympathien für das hier präsentierte Küstenvölkchen.

Ihre Geschichte ist gespickt mit dramaturgischen Elementen, welche immer wieder durch humorvolle Einlagen aufgelockert werden. Dadurch entsteht eine gute unterhaltsame Mischung, die (trotz FSK ab 6 Jahren) nicht unbedingt (aufgrund des fehlenden Erfahrungshorizonts) kindertauglich ist, Erwachsenen aber einen wundervollen Filmabend beschert.

Denn wer kennt Existenzängste in der heutigen Zeit nicht? In „Die große Versuchung – Lügen bis der Arzt kommt“ sind genau jene Thema und sie betreffen nicht nur einzelne Personen, sondern ein ganzes Dorf, genauer gesagt ein kleines Küstenstädtchen auf einer winzigen kanadischen Insel. Was früher ein lukrativer Urlaubsort und Fischereihafen war, ist gegenwärtig geprägt von Arbeitslosigkeit, Tristesse und Perspektivlosigkeit. Da kommt ein Angebot eines Ölkonzerns gerade recht, um das Leben der Inselbewohner wieder lebenswert zu machen und mit Sinn zu erfüllen. Einziger Haken an der Sache, es muss ein niedergelassener Arzt vor Ort sein, um mit besagtem Ölkonzern kollaborieren zu können. Der Zufall will es, dass der junge Großstadtmediziner Dr. Paul Lewis (gespielt von Taylor Kitsch) diese Funktion übernehmen soll. Nun heißt es nur noch, ihn zum Bleiben zu überreden. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn lediglich ein Monat steht den Insulanern dafür zur Verfügung. Es wundert nicht, dass die außergewöhnlichsten Maßnahmen ergriffen werden und die lustigsten Ideen dabei zum Einsatz kommen.

Mit Auftreten des Doktors setzt also die komödiantische Ebene des Films ein und diese wird nicht nur durch die einzelnen Handlungen, sondern ebenso perfekt durch die beiden Hauptakteure Taylor Kitsch (u.a. bekannt aus „John Carter – Zwischen zwei Welten“ oder „Lone Survivor“) und Brendan Gleeson (derzeit ebenfalls erfolgreich im Film „Am Sonntag bist du tot“ zu sehen) belebt. Ein ungleiches Doppel, das die Themen Freundschaft, Loyalität und Vertrauen streift.
Selbstverständlich stehen auch die Nebenrollen dem Können der Protagonisten in nichts nach, sodass „Die große Versuchung“ durch jeden einzelnen Charakter getragen wird.
Dabei ist es vor allem die sehr schrullige Art der hier gespiegelten Menschen, die heraussticht. Zusammenhalt und eine tiefe Verbundenheit zu ihrer Heimat sind die Motoren, die für (situations)komische Augenblicke sorgen.
Man kann also nicht behaupten, dass diese Sozialkomödie rein der oberflächlichen Unterhaltung dient. Vielmehr wirken sowohl die Charaktere als auch die Geschichte sehr authentisch.

Dass eine Liebesgeschichte innerhalb des Films zwar angedeutet, nicht aber thematisch weiter verfolgt oder intensiviert wird, tut dem Streifen gut, bleibt somit doch die Intention von „Die Große Versuchung“ im Vordergrund, ohne dass dieser zu einer romantischen Liebeskomödie, von denen es bereits zahlreiche gibt, verkommt.

Ein ungleiches Paar: Murray French (Brendan Gleeson) und Dr. Paul Lewis (Taylor Kitsch). (Copyright: Universum Film)

Ein ungleiches Paar: Murray French (Brendan Gleeson) und Dr. Paul Lewis (Taylor Kitsch). (Copyright: Universum Film)

Auf Emotionen muss man natürlich dennoch nicht verzichten, denn der Film wartet mit vielen ergreifenden Momenten auf.
Darüber hinaus kommt zu keinem Zeitpunkt der bereits erwähnte komödiantische Aspekt zu kurz, sodass immer wieder einige Lacher die Ernsthaftigkeit des Films gelungen, allerdings nicht erzwungen auflockern, ohne die dramatische Ebene aus den Augen zu verlieren.

Auch wenn die Figuren wahre „Typen“ sind, die vermutlich tatsächlich nur in kleinen Dörfern, überschaubaren Städten oder auf Inseln zu finden sind, so sind sie doch wahre Sympathieträger, mit denen man gerne die knapp 109 Minuten verbringt. Daher ist „Die große Versuchung“ all jenen wärmstens zu empfehlen, die Tiefe, Drama und Komödie in Kombination nicht für ausgeschlossen halten.

Trailer

Handlung

In einem kleinen Küstenstädtchen auf einer Insel vor Neufundland suchen die Bewohner eine neue Einkommensquelle, nachdem der Fischereihafen aus Mangel an Fischen schon vor längerer Zeit still gelegt wurde. Als ein Ölkonzern in Aussicht stellt, eine Fabrik auf der Insel errichten zu wollen, ist die Rettung zum Greifen nah: Einzige Bedingung ist ein niedergelassener Arzt. Einen Monat haben die Ex-Fischer Zeit, einen mondänen, jungen Großstadtmenschen davon zu überzeugen, auf der beschaulichen Insel eine Praxis aufzumachen. Damit er in ihrem Dorf bleiben will, beschließen sie, angeführt vom Ortsvorsteher Murray French (Brendan Gleeson), die Insel dementsprechend zu präparieren. Grimmige Hockeyfans wandeln sich zu reizenden Kricketspielern. Die geheimen Wünsche des Doktors (Taylor Kitsch) erfahren die Insulaner durch lückenloses Abhören seiner Telefongespräche und kompensieren das mangelnde Angler-Talent des Städters mit tiefgefrorenen Pracht-Fischen. Sogar eine hübsche Verehrerin wird für den Arzt herbeigeschwindelt. Aber nacheiniger Zeit beginnt die Fassade erste Risse zu bekommen …

(Quelle: Universum Film)

Details

Format: Dolby, PAL, Widescreen
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 6 Jahren
Studio: Universum Film GmbH
Erscheinungstermin: 28.11.2014
Produktionsjahr: 2013
Spieldauer: 109 Minuten (+ ca. 11 Minuten Bonusmaterial)
Extras: Featurette „Comedian Mark Critch über den Film“ / Auf dem roten Teppich / Interviews mit dem Cast / Audiokommentar mit Brendan Gleeson (Murray) und Mark Critch (Henry) / Kinotrailer

Copyright Cover: Universum Film



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde