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Nachdem Leo DiCaprio 2016 für seine Darstellung des Hugh Glass in „The Revenant – Der Rückkehrer“ am Ende doch noch seinen Oscar als bester Hauptdarsteller erhalten hat, war bei der diesjährigen Oscarverleihung die Zeit für ein anderes Hollywood-Urgestein (über-)reif: Gary Oldman.

Seit Jahrzehnten überzeugt jener in seinen Rollen, ist Beteiligter größter Produktionen und wandelbar wie kaum ein anderer. Ob als exzentrischer und unberechenbarer Bösewicht in Luc Bessons Meisterwerk „Léon – Der Profi“ oder dessen Sci-Fi-Vergnügen „Das fünfte Element“ oder aber als einfühlsamer und gutmütiger Part wie etwa in der Rolle des Commissioner Gordon in Christopher Nolans „Batman“-Trilogie oder als Sirius Black in den „Harry Potter“-Filmen – Gary Oldman ist ein virtuoser Gestaltwandler, der sich in seine Rollen komplett verwandelt und sie sich zu eigen macht.
Doch erst seine hochgelobte Darstellung von Winston Churchill in dem historischen Filmdrama und Biopic „Die dunkelste Stunde“ von Regisseur Joe Wright („Anna Karenina“, „Abbitte“) bescherte dem britischen Schauspieler den prestigeträchtigen Goldjungen. Eine Auszeichnung, die noch mehr an Gewicht dadurch gewinnt, dass sie gegen die brillante Konkurrenz, bestehend vor allem aus dem großen Daniel Day-Lewis und dem nicht minder großen Denzel Washington, errungen wurde. Chapeau!

Die Lage für das Vereinigte Königreich scheint aussichtslos und der Krieg nach nur wenigen Monaten bereits verloren zu sein. Hitlers Armeen stehen nach der Eroberung großer Teile Europas vor der Invasion Englands und die englischen Truppen stranden 1940 eingekesselt von der Wehrmacht am Strand von Dünkirchen. Der konservative Premierminister Neville Chamberlain (Ronald Pickup) tritt notgedrungen von seinem Amt zurück und dessen vermeintlich natürlicher Nachfolger, der Viscount Halifax (Stephen Dillane), scheut die Bürde des Amtes zu diesem Zeitpunkt. Als Außenminister macht er sich vielmehr für eine Appeasement-Politik gegenüber Nazi-Deutschland stark.
Und so ist es der – selbst bei der eigenen Partei und King George VI. (Ben Mendelsohn) – zunächst äußerst unpopuläre und umstrittene Winston Churchill (Gary Oldman), der zum Premierminister gewählt wird. Der eigenwillige Politiker soll England in dieser wahrlich dunkelsten Stunde leiten und eine Allparteienregierung unter diesen widrigen Umständen führen. Churchill, seines Zeichens ein meisterlicher Redner und Rhetoriker, muss sich gegen die Befürworter einer Hitler-Verständigung durchsetzen und seine Landsleute davon – notfalls polternd und ausfallend – überzeugen, dass man mit radikalen Mächten nicht aussichtsreich verhandeln kann: 

Wann wird man das endlich begreifen? Man kann mit einem Tiger nicht vernünftig reden, mit dem Kopf in seinem Maul.

Stets kann sich Churchill dabei der Unterstützung seiner Frau Clementine (Kristin Scott Thomas) und der Bewunderung seiner Privatsekretärin Elizabeth Layton (Lily James) sicher sein.

Für seinen Film „Die dunkelste Stunde“ (Darkest Hour) hat sich Joe Wright sicherlich ein Kapitel der Menschheitsgeschichte ausgesucht, das aus diesem und jenem Blickwinkel und mit unterschiedlichen Schwerpunkten in der jüngeren Vergangenheit immer mal wieder Thema von großen Filmproduktionen war.
So sahen wir 2010 „The King’s Speech“ aus der Perspektive von König Georg VI., gespielt von Colin Firth, 2017 Christopher Nolans „Dunkirk“, der aus verschiedenen Perspektiven vom Schlachtfeld in der eingekesselten Stadt Dünkirchen erzählt, oder ebenfalls 2017 Jonathan Teplitzkys Biopic „Churchill“ mit Brian Cox in der titelgebenden Rolle. Vorliegend ist es ebenfalls eine Mischung aus Biografie und Politthriller, die die Person Churchill, die Hintergründe und das politische Ränkespiel dieser Zeit in den Fokus nimmt.
Doch mal ehrlich, wer will es dem Publikum verdenken, wenn es dieser Epoche allmählich überdrüssig wird? Monotonie war in den Lichtspielhäusern noch nie ein gern gesehener Gast.

Gary Oldman als Winston Churchill in Joe Wrights „Die dunkelste Stunde“ (Copyright: Universal Pictures Germany)

Dessen ungeachtet kann „Die dunkelste Stunde“ mit einem tollen Cast aufwarten, der in Spiellaune ist. Die Nebengeschichte um die Privatsekretärin Elizabeth Layton (Lily James), aus deren Sicht der Film mitunter gezeigt wird und deren Perspektive der Zuschauer teils einnimmt, wirkt indes um einen weiteren Aspekt bemüht und überflüssig. Ein wirklicher Mehrwert ergibt sich hieraus nicht.

Wie es sowohl die zahlreichen Auszeichnungen, etwa mit dem Oscar, Golden Globe Award, Screen Actors Guild Award und dem Critics‘ Choice Movie Award, als auch der Trailer nahelegen, ist es aber eben vor allem die Performance von Gary Oldman, die diesen Film besonders sehenswert und außergewöhnlich macht. Sein Churchill im Fatsuit, mit toller Maske, die nicht die Mimik des Hauptdarstellers untersagt, mit seinen Ecken und Kanten den skurrilen Schrullen, mit Hut und Zigarre, cholerisch, hemmungslos, extravagant, aber auch liebevoll, ist es, dem man staunend und nie gelangweilt so gerne über die gesamte Spieldauer zuschaut. Der Gestaltwandler macht sich die Rolle und ihre Eigenarten, Bewegungen und Gesten derart zu eigen, dass das Plakat ganz treffend formuliert:

Gary Oldman IST Winston Churchill.

Er spielt mit einer solchen Lust, Wucht und einem authentischen Temperament, dass man sich auch diesen Film über den Kampf der Briten gegen die Nazis wieder anschaut und am Ende sagt: Das war es wirklich wert.

Ob es Gary Oldmans beste Rolle seiner fulminanten Karriere (bisher) war, kann wie auch bei DiCaprio dahinstehen, denn jedenfalls beschert sie ihm die große Anerkennung, die er verdient.

Trailer

Inhalt

Als Hitlers Armeen nach Eroberung großer Teile Europas vor der Invasion Englands stehen, wird Winston Churchill zum Premierminister gewählt. Da seine eigene Partei jeden seiner Schritte in Frage stellt und King George VI. dem neuen Premier mit Skepsis begegnet, liegt es an Churchill, die Nation im Kampf gegen eine nie dagewesene Bedrohung zu führen.

(Quelle: Universal Pictures Germany)

Details

Untertitel: Deutsch, Türkisch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 6 Jahren
Studio: Universal Pictures Germany GmbH
Erscheinungstermin: 24.05.2018
Produktionsjahr: 2017
Spieldauer: 125 Minuten
Extras: Über „Die dunkelste Stunde“ / Gary Oldman: Die Verwandlung in Churchill / Filmkommentar mit Regisseur Joe Wright

Copyright Cover: Universal Pictures Germany



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)