Review

Oftmals trifft die Redewendung „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ zu, in Fällen sexuellen Missbrauchs ist dies jedoch eine fatale Fehlentscheidung, auch wenn es nachvollziehbar ist, dass die Opfer derartige Übergriffe zunächst vielleicht lieber für sich behalten wollen.
Wie wichtig es aber ist, das Schweigen zu brechen, und somit Tätern ihrer gerechten Strafe zuzuführen sowie Opfern zumindest Entschädigungen in Form von Gerechtigkeit zukommen zu lassen, sie das Geschehene verarbeiten lassen zu können und den Kreislauf des Missbrauchs zu brechen, das zeigen u.a. die 2010 für Aufsehen sorgenden Berichte über die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule. Über zwei Jahrzehnte wurden mindestens 132 Schüler vom damaligen Schulleiter Gerold Becker und zahlreichen weiteren Lehrern missbraucht. Ein Skandal, dem sich Regisseur Christoph Röhl in seinem Film „Die Auserwählten“ auf sensible, wenngleich unverblümte Art gewidmet hat.

Biologielehrerin Petra Grust (Julia Jentsch) bleibt lange ahnungs- und machtlos (Copyright: Edel:Motion)

Biologielehrerin Petra Grust (Julia Jentsch) bleibt lange ahnungs- und machtlos (Copyright: Edel:Motion)

„Sexueller Missbrauch findet nicht zufällig oder aus Versehen statt“, äußerte sich einst Johannes-Wilhelm Rörig in seiner Funktion als unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Seine Aussage bestätigt auch der Film „Die Auserwählten“, für den man an den Originalschauplatz zurückkehrte, um dort die Systematik von Missbrauch, Verdrängung und Schweigen zu verfilmen, die doch sehr viel Wahres beinhaltet.
Leider muss man sagen, denn nur zu gut gelingt es Röhl mit seiner Verfilmung, den Zuschauer durch glaubwürdige und aufwühlende Szenen zu berühren, der machtlos mit ansehen muss, wie subtil sich sexueller Missbrauch entwickeln und welche Konsequenzen dieser für die betroffenen, machtlosen Opfer haben kann.

Dabei ist es äußerst erschreckend, wie authentisch das Schauspiel – insbesondere von Ulrich Tukur in seiner Rolle als missbrauchender Schulleiter Simon Pistorius – wirkt.
Auch dem schauspielerischen Talent der „Schüler“ (allen voran Leon Seidel in seiner Rolle als 13-jähriger Frank Hoffmann) muss man großen Respekt zollen.
Was von den Darstellern abverlangt wurde, war wahrlich nicht leicht.

Röhl inszeniert mit „Die Auserwählten“ weder einen reißerischen Skandalfilm, der mit den Schicksalen der Betroffenen lediglich zur Unterhaltung der Zuschauer dienen will, noch entwickelt sich der Film zu einer Dokumentation oder befriedigt die Schaulust der Zuschauer. Vielmehr nähert er sich dem Thema sehr sensibel, fügt seinem Film aber die nötige Schärfe, Ernsthaftigkeit und Direktheit zu, die es braucht, um auch die Zuschauer für Fälle sexuellen Missbrauchs zu sensibilisieren.
Dabei setzt der Regisseur auf Glaubwürdigkeit und Emotionalität. Der Bezug zur Realität bzw. zu den damaligen realen sexuellen Übergriffen an der Odenwaldschule ist trotz fiktiver Figuren stets gegeben, die Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit plausibel und hervorragend umgesetzt und der Fokus auf das Einzelschicksal des Schülers Frank Hoffmann ein kluger Schachzug, der den ihm widerfahrenen sexuellen Missbrauch weniger abstrakt wirken lässt. Täter und Opfer bekommen ein Gesicht, eine Geschichte, die am Zuschauer je intensiver rüttelt, desto besser man sie kennenlernt.

Schulleiter Pistorius (Ulrich Tukur) und Schüler Frank (Leon Seidel) im etwas anderen "Schulalltag" (Copyright: Edel:Motion)

Schulleiter Pistorius (Ulrich Tukur) und Schüler Frank (Leon Seidel) im etwas anderen „Schulalltag“ (Copyright: Edel:Motion)

Die Kameraführung und die Farbgebung des Films unterstützen die bedrückende Stimmung, indem insbesondere die helleren Töne und der Sepia-Touch einen starken Kontrast zur Handlung liefern.

Insgesamt kann man sagen, dass es nichts an „Die Auserwählten“ auszusetzen gibt. Im Gegenteil, Christopher Röhl ist ein Film gelungen, der den Zuschauer nicht kalt lässt. Das Schicksal der 132 Elite-Internatsschüler ist einem immer bewusst und bewusst wird dem Zuschauer zudem, dass zahlreiche Fälle sexuellen (Kindes)Missbrauchs täglich ungesehen vorfallen, ohne jemals ans Licht zu kommen. Dies alles zusammen macht betroffen und stimmt nachdenklich, hoffentlich sensibilisiert es aber letztlich jeden, um zukünftig genauer hinzusehen, das Schweigen zu brechen und möglichen Opfern ein Ohr und Glauben zu schenken.

Trailer

Handlung

Ende der 1970er-Jahre. Begeistert tritt Petra Grust (Julia Jentsch) ihre Stelle als Biologielehrerin an der Odenwaldschule an, der legendären Vorzeige-Einrichtung der Reformpädagogik. Das Vertrauen des charismatischen Schulleiters Simon Pistorius (Ulrich Tukur) ehrt sie. Doch der Internatsalltag ist irritierend. Schüler und Lehrer beiderlei Geschlechts benutzen dieselben Duschen, junge Schüler trinken Alkohol und ein Kollege hat sogar ein Verhältnis mit einer minderjährigen Schülerin. Der 13-jährige Frank Hoffmann (Leon Seidel) wirkt auf Petra besonders verstört und sie nimmt sich seiner an. Die Vorfälle häufen sich, Petra erhebt die Stimme – doch gegen Pistorius‘ Netzwerk aus Beziehungen ist sie machtlos …

30 Jahre später, im Frühjahr 2010 erschütterten Berichte von zahlreichen Fällen sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule die Öffentlichkeit, kollektives Schweigen verhinderte bis dahin die Aufarbeitung. „Die Auserwählten“ ist der erste Fernsehfilm, der das Thema aufgreift und die erschreckende Systematik von Missbrauch, Verdrängung und Verschweigen an der damaligen Odenwaldschule fiktional darstellt.

(Quelle: Edel:Motion)

Details

Format: Dolby, PAL
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Edel Germany GmbH
Erscheinungstermin: 02.10.2014
Produktionsjahr: 2014
Spieldauer: 90 Minuten
Extras: Umfangreiches Booklet mit Interviews und vielen Zusatzinformationen zum Thema Kindesmissbrauch

Copyright Cover: Edel:Motion



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde