Review

Am 8. Mai 2020 jährte sich die Kapitulation der Wehrmacht zum 75. Mal. Das Datum markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa und wird als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus gefeiert. Grund genug, um diesen Tag in Berlin zu einem offiziellen Feiertag zu ernennen und Anlass genug, um den Zweiteiler „Der Überläufer“ für das Heimkino zu veröffentlichen.

Dabei handelt es sich um eine deutsch-polnische Produktion, die sich – unter der Regie von Florian Gallenberger – der gleichnamigen Romanvorlage von Siegfried Lenz annimmt, sich jedoch die Freiheit erlaubt, sich zunehmend vom Romaninhalt zu entfernen, sodass die Ereignisse der Verfilmung schließlich bis in die 50er Jahre fortgeführt werden.

Worum geht es?

Erzählt wird die Geschichte des Wehrmachtssoldaten Walter Proska, der im Laufe der Gesamtspielzeit von knapp 173 Minuten zu den Sowjets überläuft.

Datiert in den letzten Kriegssommer 1944, stehen zunächst der alltägliche Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs sowie der Konflikt zwischen Pflicht und Gewissen respektive (Über)lebenswille im Vordergrund. Dabei schwingt außerdem die Frage nach Schuld und Sühne mit, während „Der Überläufer“ insgesamt zudem subtil unter der Überschrift „Krieg – und was er mit den Menschen macht“ steht.

Im zweiten Teil kommt schließlich noch die Zerrissenheit der deutschen Kriegs- und Nachkriegsjahre zum Ausdruck, indem der Protagonist bei dem Versuch gezeigt wird, in der sowjetischen Besatzungszone ein neues Deutschland mit aufzubauen. Dadurch öffnet der Film gegen Ende den Blick auf die Zeit kurz nach dem Krieg und deutet so die frühe Entstehungsphase der DDR an.

Neben all dieser schweren Thematik sorgt die Liebesbeziehung zwischen dem Deutschen Proska und der polnischen Partisanin Wanda für zusätzliche Dramatik und Tragik.
Beide begegnen sich mehrere Male in unterschiedlichen Situationen. Sie verstricken sich in eine Beziehung, die im Prinzip kein Happy End zulässt. Denn während sie zwar auf der persönlichen Ebene zueinanderfinden, lassen die gesellschaftlichen und vor allem politischen Umstände ein Zusammensein nicht zu.

Teil 1

Fast ausnahmslos an der Front spielend, befindet sich Hauptfigur Walter schon bald zwischen zwei Feinden: die anrückende sowjetische Armee und polnische Partisanen auf der einen Seite, sein sadistischer Vorgesetzter mitsamt einiger kadavergehorsamer Kameraden mitten im schlesischen Sumpf auf der anderen Seite.

Zwischen realistisch wirkenden Morden, die unter dem Deckmantel des Kriegsrechts stattfinden, und welche sich Figur Walter ebenso wie die Zuschauer mit ansehen müssen, finden leider auch einige eher unglaubwürdige und wenig nachvollziehbare Szenen hier Eingang in den Film. Ständig laufen vermeintlich unmotiviert Leute durch den Wald, in dem die deutschen Soldaten die Stellung halten. Dies tun sie an/in einem kleinen Bunker, der mitten in einem Sumpfgebiet erbaut wurde und trotz Übermacht der Feinde erst gegen Ende des ersten Teils von jenen eingenommen wird. Gegen diese vermutete Hundertschaft von Partisanen patrouillieren dann auch noch lediglich zwei deutsche Soldaten, manchmal auch nur einer. Jene nehmen in einem für Feinde gut einzusehenden und für sie selbst wenig Schutz bietenden See schließlich noch ein Bad, was ihnen all die Wochen und Monate zuvor – sinnvollerweise – scheinbar noch nicht eingefallen ist; ganz zu schweigen davon, dass der eine dem anderen im stets drohenden Ernstfall eines Übergriffes womöglich so was wie Rückendeckung geben könnte …

Teil 2

Derlei fragwürdige Szenen enthält auch der zweite Teil, jedoch nicht in dem Ausmaß wie Teil 1. Stattdessen rücken die Gewissenskonflikte, teils auch die Orientierungslosigkeit des Protagonisten vermehrt in den Vordergrund.
Wer ist Freund, wer ist Feind? Wem kann man noch vertrauen? Diese Fragen beschäftigen ihn stets und stellen sich derart auch den Zuschauern, die natürlich den Vorteil haben, die historischen Ereignisse zu kennen.

Sehr gelungen werden damit die moralischen Dilemmata der Figuren zusehends dramatisiert.

Der zweite Teil der Produktion gerät daher insgesamt homogener und schlüssiger.

Besetzung

Damit „Der Überläufer“ seine Wirkung beim Zuschauer entfalten kann, fällt der Film insgesamt eher ruhig aus. Der Fokus liegt hier mehr auf den Konflikten des Protagonisten, als auf der „Action“ eines Kriegsfilms. Sowohl dem Publikum als auch den Figuren wird dadurch viel Zeit gegeben.

Jannis Niewöhner und Sebastian Urzendowsky im Zweiteiler „Der Überläufer“. (Copyright: Pandastorm Pictures / Krzysztof Wiktor)

Die Besetzung erweist sich diesbezüglich als gut und glaubwürdig.
Allen voran ist es Jannis Niewöhner in der Hauptrolle, die er an der Seite seiner ebenfalls überzeugenden Filmpartnerin Malgorzata Mikolajczak ausdrucksstark meistert.
Ferner brilliert auch Rainer Bock als zynisch-sadistischer Unteroffizier Wilhelm Stehauf, Bjarne Mädel in seiner Nebenrolle als „Truppen-Koch“ Ferdinand „Baffi“ Ellerbrok und Sebastian Urzendowsky als Soldat und Regimekritiker Wolfgang Kürschner.

Fazit

„Der Überläufer“ trumpft mit einer guten Besetzung auf, besitzt aber innerhalb der Handlung einige kleine Schwächen, die zu sehr von der Intention des Films ablenken. Eventuell hätten sich die Macher ebenso viel Zeit für die Produktion nehmen müssen, wie sie ihren Figuren innerhalb des Zweiteilers zur Entfaltung zugestehen. So aber wirkt die Romanadaption ein wenig übereilt kreiert, um sie passend zum 08. Mai 2020 veröffentlichen zu können. Während den Soldaten an der Front daher die Luft innerhalb der beiden Teile langsam ausgeht, ist – den Film betreffend – definitiv noch Luft nach oben.

Trailer

Handlung

Im letzten Kriegssommer 1944 strandet der junge Wehrmachtssoldat Walter Proska (Jannis Niewöhner) auf dem Weg Richtung Ostfront bei einem Haufen versprengter deutscher Soldaten. Auf verlorenem Posten und von den eigenen Truppen aufgegeben, erteilt der sadistische Untertoffizier Willi Stehauf (Rainer Bock) ihnen im Niemandsland der polnischen Wälder immer menschenverachtendere Befehle.

Eine Begegnung mit der jungen polnischen Partisanin Wanda (Malgorzata Mikolajczak) und Gesprächen mit seinem Kameraden Kürschner (Sebastian Urzendowsky) lassen Proska immer stärker an der Richtigkeit seines Auftrags zweifeln. Als die Rote Armee näher rückt, gerät der junge Soldat in Kriegsgefangenschaft und kann sich nur noch retten, indem er zum Feind überläuft …

(Quelle: Pandastorm Pictures)

Details

Format: Dolby, PAL
Sprache: Deutsch
Bildseitenformat: 16:9 – 1.78:1
Anzahl Disks: 2
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Pandastorm Pictures
Erscheinungstermin: 08.05.2020
Produktionsjahr: 2020
Spieldauer: 173 Minuten
Extras: Making of / Interviews mit Cast & Crew / Trailershow

Copyright Cover: Pandastorm Pictures



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde