Review

Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelang mit der ersten Staffel der Krankenhausserie „Charité“ nicht nur eine großartige Produktion, sondern auch ein Publikumserfolg.
Hauptdarstellerin Ida hauchte der historischen Erzählung rund um das bekannte Berliner Krankenhaus Leben ein.

Mit der 2. Staffel betreten die Macher nun noch explosiveres Terrain: Ob „Charité“ auch vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus überzeugen kann, klären wir nun.

Zum Inhalt

Die Protagonistin ist dieses Mal Anni, angehende Ärztin, Ehefrau und werdende Mutter. Zu ihrem Fachgebiet gehört die Psychiatrie, insbesondere Kriegsneurosen. Auch die Enttarnung von Fahnenflüchtigen gehört zu ihren Aufgaben.

Obwohl Anni ihren Nazi-Mentoren folgt, wird ihre Überzeugung bald auf die Probe gestellt. Nicht nur Krankheitsfälle mit persönlichem Einschlag, auch die Tätigkeit ihres Ehemannes lässt die junge Frau an ihren Überzeugungen zweifeln. Denn ihr Ehemann ist Kinderarzt, der an körperlich oder geistig behinderten Kindern Impfstoffe erprobt.

Das Thema ist in ihrer Ehe ein stetiger Zankapfel, bekommt mit der Geburt ihrer eigenen Tochter allerdings zusätzlich an Schärfe. Der Zuschauer mag sich am Ende der fünf Folgen fragen, ob der persönliche Einschlag tatsächlich nötig war, denn dieses Mal wimmelt es an allen Ecken und Enden an Konflikten: Sei es Homosexualität, Kriegsverweigerung, Flucht, Spionage, „Euthanasie-Programme“ … Vermutlich haben die Drehbuchschreiber nichts auslassen wollen.

Bewertung

Auch wenn die Gräueltaten des Nazi-Regimes und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs im Rahmen des Allgemeinwissens bekannt sein dürften, hätte „Charité“ dieses Mal die Möglichkeit gehabt, einen Einblick in die medizinische Ideologie des Nationalsozialismus zu geben. Stattdessen wird der Zuschauer mit Konflikten überschwemmt. Hier noch ein kleines Drama, da noch ein kleiner Schockmoment ‑ es fehlt einfach ein wenig an Zeit, einzelne Elemente mal wirken zu lassen.

Nichtsdestotrotz ist das natürlich Meckern auf hohem Niveau: Bei aller Überfrachtung merkt man der Serie stets den Respekt an, mit dem die Themen behandelt werden. Hier verkommt nichts auf BILD-Niveau.

Außerdem steht die Produktion der ersten Staffel wirklich in nichts nach. Bild und Ton sind stilistisch noch immer britischen BBC-Formaten nachempfunden, was Fans von diesen weiterhin freuen wird. Alle anderen deutschen Zuschauer genießen zumindest Ton und Bild in höchster Qualität.

Ein würdiger Nachfolger für Staffel 1?

Nach wie vor ein Serienhighlight der deutschen TV-Landschaft: „Charité – Staffel 2“ (Copyright: Julie Vrabelova / Universum Film)

Unterm Strich also ein würdiger Nachfolger für Staffel 1. Oder etwa nicht?

Dennoch scheint das Interesse an der zweiten Staffel für die Fernsehzuschauer geringer gewesen zu sein, zumindest lagen die Einschaltquoten deutlich unter denen der 1. Staffel. Meine einzige Erklärung: Der Sympathiefunke zu den Protagonisten springt einfach nicht über. Das liegt überhaupt nicht an den schauspielerischen Leistungen, sondern  vielmehr an den Charakteren des Drehbuchs. Denn zum einen ist schon die Entwicklung zwischen Anni und ihrem Mann nur unangenehm. Selbst die Geburt der Tochter kann das nicht reißen. Zum anderen lässt die Tatsache, dass Anni selbst so wankelmütig ist, den Zuschauer mit den Zähnen knirschen.

Fazit

Ob sich die Macher von „Charité“ mit diesem Thema einen Gefallen getan haben? Da kann man geteilter Meinung sein. Dennoch nach wie vor ein Serienhighlight der deutschen TV-Landschaft.

Trailer

Handlung

Anni studiert während des Zweiten Weltkriegs Medizin an der Charité und ist überzeugt von der Rassen-Ideologie der Nazis. Sie erwartet freudig ein Kind des angesehenen Kinderarztes Dr. Artur Waldhausen. Als sich jedoch ausgerechnet das Baby des „arischen Vorzeigepaares“ nach der Geburt nicht normal entwickelt, müssen sie schwere Entscheidungen treffen. Prof. Dr. Ferdinand Sauerbruch führt spektakuläre Operationen durch, assistiert von seiner deutlich jüngeren Frau Margot und dem zwangsverpflichteten Franzosen Dr. Adolphe Jung. Sauerbruch wird immer wieder um Hilfe gebeten, etwa von seinem ehemaligen Kollegen Karl Bonhoeffer, dessen Schwiegersohn Hans von Dohnanyi in der Charité Schutz vor der NS-Justiz finden soll. Gleichzeitig treibt der Leiter der Psychiatrie, Max de Crinis, das Euthanasieprogramm voran. Je mehr der Krieg sich Berlin nähert, desto dramatischer wird die Situation an der Charité. Die Stunde Null wird mit Angst und Hoffnung erwartet.

(Quelle: Universum Film)

Details

Sprache: Deutsch (DTS-HD 5.1)
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Anzahl Disks: 2
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Universum Film GmbH
Erscheinungstermin: 29.03.2019
Spieldauer: 304 Minuten
Extras: Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte

Copyright Cover: Universum Film GmbH



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer