Review

Scheunenabbrennen

„Burning“ von Lee Chang-dong ist das Paradebeispiel dafür, dass es das südkoreanische Kino auf dem westlichen Markt nach wie vor nicht leicht hat. Denn obwohl der vielschichtige Film seine Premiere bereits im Vorjahr im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes feierte, darüber hinaus auch der südkoreanische Beitrag für die Oscarverleihung 2019 in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ war und dem überschwänglichen Lob der internationalen Kritiker zum Trotz, hatte er hierzulande nur einen überschaubaren Kinostart und erscheint erst nunmehr für das Heimkino.

Lee Chang-dongs Film basiert vage auf der Kurzgeschichte „Scheunenabbrennen“ aus der Kurzgeschichtensammlung „Der Elefant verschwindet“ von Haruki Murakami. Dabei ist der Genremix (aus Drama, Mystery und Thriller) offen für mannigfaltige Interpretationen und stellt den Zuschauer vor einige Rätsel.

Von grossen Gatsbys, unterdrückten Frauen, sozialer Ungerechtigkeit und brennenden Scheunen

Vor einem Supermarkt trifft der junge, schüchterne Jongsu (Yoo Ah-in) eines Tages zufällig die lebensfrohe und mysteriöse Haemi (Jeon Jong-seo) wieder, die einst seine Nachbarin in seinem Heimatdorf war. Nach diesem unverhofften Wiedertreffen kommt es zunächst zu gemeinsamen Drinks, was wiederum zu einer gemeinsamen Nacht führt. Obwohl er nicht viel über die schrullige Haemi weiß, ist Jongsu schlagartig verliebt. Ebenso schlagartig teilt die junge Frau ihm jedoch mit, dass sie Geld gespart habe, um einen Selbstfindungstrip nach Afrika zu unternehmen. Sie bittet Jongsu, in ihrer Abwesenheit ihre Katze zu füttern, was dieser auch artig tut.

Nach Haemis Rückkehr entwickelt sich eine seltsame Dreiecksbeziehung mit Jongsu und Ben.
(Copyright: capelight pictures)

Der junge Mann sehnt die Rückkehr seiner Bekanntschaft herbei und holt diese schließlich am Flughafen ab. Haemi ist jedoch nicht alleine aus Afrika zurückgekehrt. An ihrer Seite findet Jongsu den wohlhabenden, höflichen, aber auch geheimnisvollen Ben (Steven Yeun) vor, der fortan nicht mehr von Haemis Seite weicht.

Der selbstbewusste Konkurrent lebt förmlich den Gangnam Style“ und teilt Jongsu eines Tages mit, dass er innere Befriedigung darin finde, fremde Gewächshäuser abzubrennen. Kurz darauf verschwindet Haemi plötzlich spurlos und Jongsu sucht verzweifelt nach ihr. Ben hingegen gibt sich damit zufrieden, dass sich die junge Frau in Luft aufgelöst hat …

Nicht einzuordnen

„Burning“ von Lee Chang-dong lässt sich keinem Genre so recht zuordnen. Was zunächst beginnt, wie eine Liebes- oder Coming of Age-Geschichte, wandelt sich über offenbare Gesellschaftskritik hin zu einem – vermeintlichen – Mystery-Thriller. Oder auch nicht?

Unstreitig entfaltet, der Film über seine – durchaus beachtliche – Spieldauer von 148 Minuten eine gewisse Sogwirkung, wobei der Zuschauer mindestens die Hälfte der Zeit auch rätselt, um was für eine Art Film es sich hier handelt. Dabei fühlt sich der Betrachter – wie Jongsu – unbehaglich und unangenehm. Existiert die Katze von Haemi überhaupt? Zu Gesicht bekommt der junge Mann sie jedenfalls nie, obwohl das Zimmer von Haemi nur von überschaubarer Größe ist. Nach dem Verschwinden der Herzensdame hat dafür der mysteriöse Ben auf einmal eine Katze. Von Ben erfahren wir auch im Übrigen nur spärlich etwas. Wohlhabend ist er, und selbstbewusst. Womit er aber beispielsweise seine mondäne Wohnung, seinen Porsche und im Allgemeinen seinen extravaganten Lebensstil finanziert, bleibt im Dunkeln.

Deutlich spürbar sind jedenfalls die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Jongsu und Ben. Zwar hat Jongsu ein Studium abgeschlossen und möchte Schriftsteller werden, er muss sich aber dennoch mit Gelegenheitsjobs herumschlagen und die Farm seiner Familie in Paju pflegen. Ähnlich wie Haemi kann er sich gerade so über Wasser halten. Im Gegensatz dazu kann sich Ben nicht erinnern, jemals traurig gewesen zu sein, geschweige denn geweint zu haben. Seinen Lebensunterhalt verdiene er mit Spaß, da es richtige Arbeit eigentlich gar nicht mehr gebe. Während Ben kultivierte und wohlhabende Freunde zu Pasta und Drinks einladen kann, nimmt Jongsu an der Gerichtsverhandlung seines Vaters teil, auf den eine längere Haftstrafe wartet. Ein undefinierbares Gefühl sozialer Ungerechtigkeit sucht Jongsu heim und der Zuschauer gewinnt den Eindruck, dass in diesem geheimnisvollen Film etwas nicht stimmt.

Die Darsteller(in)

Getragen wird der Film von drei großartigen jungen Darstellern.

Yoo Ah-in glänzt in der Rolle des Jongsu, der durchgehend irgendwie seltsam teilnahmslos und gefühlskalt wirkt. Selbst in völlig unpassenden Situationen begegnet er seinem jeweiligen Gegenüber mit einer befremdlich wirkenden, ausgesuchten Höflichkeit, die nur ab und an schleichend in Wut oder Zorn driftet.

Jeon Jong-seo kann als Haemi einerseits absolut unbedarft und lebensfroh und andererseits merkwürdig manipulativ und geheimnisvoll erscheinen. Bis zum Ende reift im Zuschauer ein gewisses Misstrauen ihr gegenüber, das sich nicht gänzlich auflösen lässt.

„The Walking Dead“-Darsteller Steven Yeun steht den vorgenannten in Nichts nach. Gekonnt gibt er den – auf der Oberfläche – immer höflichen und interessierten Lebemann, der kein schlichtes Klischee ist, sondern zuweilen durchaus sympathisch daher kommt.

Allerdings

Jongsu begibt sich verzweifelt auf Spurensuche.
(Copyright: capelight pictures)

Der vielfach ausgezeichnete Film bleibt allerdings bis zum Ende ausgesprochen vage. Der Zuschauer gewinnt zunehmend den Eindruck, dass hier etwas nicht stimmt, er vermag aber nicht mit dem Finger darauf zu zeigen. Das südkoreanische Genrekino von Regisseur Lee Chang-dong ist in dieser Hinsicht durchaus unbefriedigend, da derart viele Wege, Themen und Elemente nur angeschnitten, aber nicht auserzählt werden und der Betrachter mit seinen Interpretationsversuchen allein zurückgelassen wird.

Fazit

„Burning“ ist kein kurzweiliger Unterhaltungsfilm. Auf der Handlungsebene passiert nicht viel und zuweilen auch nichts. Der Film ist sperrig und komplex und fordert einen geduldigen Zuschauer, der am Ende für seine Ausdauer aber nur bedingt belohnt wird.

Aufgrund seiner virtuosen Inszenierung und seines interpretationsoffenen und -bedürftigen Stoffes ist er augenscheinlich ein Kritikerliebling. Für das große Publikum dürfte er indessen nur schwer vermittelbar sein.

Ein vielschichtiger Stoff und Film, der leicht zu respektieren, aber schwer zu mögen ist.

 

Trailer

Inhalt

Nach seinem Studium kehrt der junge Jongsu in sein Heimatdorf zurück. Ein zufälliges Wiedertreffen mit seiner Schulkameradin Haemi führt zu einer gemeinsamen Nacht. Jongsus Gefühle sind geweckt, doch der Zeitpunkt ist ungünstig – Haemi steht kurz vor einem lange geplanten Trip nach Afrika. Sehnsüchtig erwartet Jongsu den Tag ihrer Rückkehr. Am Flughafen trifft er Haemi jedoch nicht alleine an. Auf der Reise hat sie den wohlhabenden und mysteriösen Ben kennengelernt, der von nun an nicht mehr von ihrer Seite weicht. Als Haemi plötzlich spurlos verschwindet, stürzt die verzweifelte Suche nach ihr Jongsu in ein Labyrinth aus Misstrauen und Paranoia.

(Quelle: capelight pictures)

Details

Format: Breitbild
Untertitel: Deutsch
Bildseitenformat: 2.39:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: capelight pictures
Erscheinungstermin: 11.10.2019
Produktionsjahr: 2018
Spieldauer: 148 Minuten
Extras: Hinter den Kulissen / Featurette: Die Schauspieler von „Burning“ / Internationaler Kinotrailer / Internationaler Teaser / Deutscher Kinotrailer

Copyright Cover: capelight pictures



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)