Review

Schlechtes Verhältnis zum Genre-Kino

Das deutsche Genre-Kino hat wahrlich einen schweren Stand (erfreuliche Ausnahmen: „Schneeflöckchen“, „Pelikanblut“). Die deutsche Filmförderung interessiert sich offenkundig nicht für die Genre-Vielfalt im Kino; insbesondere der deutsche Horrorfilm führt ein regelrechtes Schattendasein. Nur selten haben sich die deutschen Filmemacher auf dieses Terrain vorgewagt, das gerade in jüngerer Zeit eindrucksvoll bewiesen hat, wie hochinteressant und facettenreich es ist (z.B. „Midsommar“, „Relic – Dunkles Vermächtnis“).

Eine echte Ausnahme des inländischen Kinos stellen in diesem Zusammenhang die Kult-Horrorfilme „Anatomie“ und „Anatomie 2“ aus den Jahren 2000 und 2003 von Stefan Ruzowitzky dar. Die Medizin-Horror-Thriller lockten Millionen Zuschauer in die Lichtspielhäuser und waren noch dazu mit der deutschen Schauspielelite besetzt. Hier geben sich u.a. Franka Potente, Benno Fürmann, Anna Loos, Traugott Buhre, Oliver Wnuk, Herbert Knaup, Heike Makatsch, Wotan Wilke Möhring oder auch August Diehl die Klinke in die Hand. Für einige der DarstellerInnen waren diese Beiträge zum deutschen Genre-Kino der Startschuss für eine Karriere in Film und Fernsehen.

Justbridge entertainment veröffentlicht die Kult-Horrorfilme „Anatomie 1 & 2“ als Double Feature in Deutschland erstmals als Blu-ray in einem limitierten Mediabook, aber auch als Doppel-DVD. Wir haben uns den Zweiteiler noch einmal angesehen und verraten euch, ob dieser gut gealtert ist und ob er für eine jüngere Genre-Generationen noch interessant sein kann.

Handlung

Anatomie 1:

Für die ehrgeizige Medizinstudentin Paula (Franka Potente) geht ein Traum in Erfüllung: Sie wird zu einem Elitekurs in Anatomie bei dem berühmten Heidelberger Professor Grombek zugelassen. Doch die Freude wandelt sich schnell in jähes Entsetzen, als vor Paula auf dem Seziertisch ein junger Mann liegt, der tags zuvor noch quicklebendig war. Allen Warnungen zum Trotz stellt Paula Nachforschungen an und stößt schon bald auf einen mysteriösen Geheimbund, der in den Gemäuern des ehrwürdigen Instituts sein Unwesen treiben soll. Dass sie sich damit selbst in Lebensgefahr bringt, merkt Paula erst spät – sehr, sehr spät …

Anatomie 2:

Voller Idealismus und Ehrgeiz beginnt der junge Arzt Jo (Barnaby Metschurat) sein Praktikum an einem Berliner Krankenhaus. Jo ist fest entschlossen, Mitglied im Team des renommierten Professors Müller-LaRousse (Herbert Knaup) zu werden, der dort ein spektakuläres Forschungsprojekt leitet. Jo will seinem jüngeren Bruder helfen, der an Muskelschwund leidet und bislang vergebens auf ärztliche Hilfe hoffen konnte. Bald im engen Mitarbeiter-Kreis des Professors stürzt sich Jo mit den ambitionierten Kollegen Viktoria (Heike Makatsch), Gregor (Wotan Wilke Möhring) und Hagen (Roman Knizka) in die Arbeit – in die Entwicklung künstlicher Muskelstränge. Um der lästigen Überwachung durch medizinische Kontrollgremien zu entgehen, wird das Projekt mit gefährlichen Selbstversuchen vorangetrieben

(Quelle: ‎ justbridge entertainment)

Das Für und Wider

Stefan Ruzowitzkys Genre-Beiträge sind mittlerweile eine recht zwiespältige Angelegenheit.

Beide Teile sind augenscheinlich von den Genre-Vorbildern und -mustern des einschlägigen US-Kinos vom Ende der 1990er Jahre geprägt. Der nachhaltige Einfluss von Wes Cravens „Scream“ ist ebenso spürbar wie der seinerzeitige Hype um sogenannte Teenie-Horrorfilme, wie etwa „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“. Täter und Opfer sind überwiegend Teenager. Aus der Tatsache, dass es sich vorliegend um ambitionierte und intelligente Medizinstudenten und -studentinnen handeln soll, ergeben sich keine durchgreifenden Besonderheiten für die Handlungen der Charaktere. Deren Verhalten ordnet sich Konventionen und üblichen Mainstream-Genremustern unter, um Grusel aufzubauen und Spannung zu generieren. Dadurch schleichen sich hier doch allerhand fremdschämige Dialoge ein; Logiklöcher sind ebenfalls nicht selten. Wenig ansprechend ist – vor allem im Hinblick auf Teil 1 – auch der Sonntagabend-Fernsehfilm-Look.

V.l.n.r.: Caspar (Sebastian Blomberg), Paula (Franka Potente) und Gretchen (Anna Loos) im Anatomie-Saal. (Copyright: justbridge entertainment GmbH)

Spannende Aspekte sind grundsätzlich die alte Geheimgesellschaft „AAA“, die sogenannten Antihippokraten, und deren Ablehnung gegenüber dem Eid des Hippokrates. So haben sich diese vollständig der Forschung verschrieben; die Heilung von Menschen ist nicht das erste Ziel. Teil 1 deutet dazu noch einen gewissen Generationenkonflikt (Großvater – Vater – Tochter) an und nimmt – am Rande – Bezug darauf, dass sich Verbrechen und Geschichte immer wiederholen. Hierbei handelt es sich allerdings bloß um Nebensächlichkeiten, die dem Film keinen besonderen Tiefgang zu verleihen vermögen; sie werden nicht ausführlich verhandelt.

Die Reihe ist aber dennoch eine seltene und kritische Demaskierung der „Götter in Weiß“ mit ihrem Standesdenken und bildet einen spannenden Gegenentwurf zu den in Deutschland so beliebten Krankenhaus- und Arztserien.

Fazit

Wer die Filme seinerzeit schon gesehen hat, der wird auch bei der neuerlichen Sichtung sicherlich noch nostalgische Freude verspüren, die eine oder andere Peinlichkeit willentlich übergehen und die formalen Qualitäten anerkennen können. Spannung ist durchaus geboten, einige interessante Ansätze und Gewaltspitzen gibt es auch, überwiegend folgen die Filme allerdings ganz konventionell den Genre-Mechanismen.

                                                     

Anatomie 1 & 2 (Double Feature) [2 DVDs]        Anatomie 1 & 2 – Limitiertes Mediabook [Blu-ray]

Trailer

Inhalt

Anatomie 1:

Für die ehrgeizige Medizinstudentin Paula (Franka Potente) geht ein Traum in Erfüllung: Sie wird zu einem Elitekurs in Anatomie bei dem berühmten Heidelberger Professor Grombek zugelassen. Doch die Freude wandelt sich schnell in jähes Entsetzen, als vor Paula auf dem Seziertisch ein junger Mann liegt, der tags zuvor noch quicklebendig war. Allen Warnungen zum Trotz stellt Paula Nachforschungen an und stößt schon bald auf einen mysteriösen Geheimbund, der in den Gemäuern des ehrwürdigen Instituts sein Unwesen treiben soll. Dass sie sich damit selbst in Lebensgefahr bringt, merkt Paula erst spät – sehr, sehr spät …

Anatomie 2:

Voller Idealismus und Ehrgeiz beginnt der junge Arzt Jo (Barnaby Metschurat) sein Praktikum an einem Berliner Krankenhaus. Jo ist fest entschlossen, Mitglied im Team des renommierten Professors Müller-LaRousse (Herbert Knaup) zu werden, der dort ein spektakuläres Forschungsprojekt leitet. Jo will seinem jüngeren Bruder helfen, der an Muskelschwund leidet und bislang vergebens auf ärztliche Hilfe hoffen konnte. Bald im engen Mitarbeiter-Kreis des Professors stürzt sich Jo mit den ambitionierten Kollegen Viktoria (Heike Makatsch), Gregor (Wotan Wilke Möhring) und Hagen (Roman Knizka) in die Arbeit – in die Entwicklung künstlicher Muskelstränge. Um der lästigen Überwachung durch medizinische Kontrollgremien zu entgehen, wird das Projekt mit gefährlichen Selbstversuchen vorangetrieben …

(Quelle: justbridge entertainment GmbH)

Details

Sprache: Anatomie 1 – Deutsch, Englisch, Anatomie 2 – Deutsch
Ton: 5.1 Dolby Digital
Bild: PAL 16:9
Anzahl Disks: 2
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: justbridge entertainment
Erscheinungstermin: 27.08.2021
Produktionsjahr: 2000 + 2003

Copyright Cover: justbridge entertainment GmbH



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)