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26. Februar 2019

Interview & Porträt: Zygnema – Mumbai Power

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Verfasst von: Daggy
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Auf nach Indien

Für mich war Indien ein lebensverändernder Einschnitt – in vielerlei Hinsicht.
Es entsprach erst so gar nicht meinen Vorstellungen, verfiel auch ich in Klischee-Denken und hatte die typischen Bilder vor Augen, sobald „Indien“ nur auch erwähnt wurde. Doch dann hieß es, Sachen packen und verschiffen, es geht ab nach Mumbai – formally known as „Bombay“. Ich wusste erst nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.
Sollte ich ganze drei Jahre meines Lebens dort verbringen? Die konnten verdammt lang werden… Nun denn. Es wurde spannend – und das blieb es bis zum Schluss. Doch dies auch sogar so positiv, dass ich ganze vier Jahre blieb und gar noch gern länger geblieben wäre.

Ich lernte viel über Land, Mentalität, Kultur – und über mich selbst und musste so einiges überdenken.

Fotografie „rettete“ mich buchstäblich und öffnete mir Tür und Tor zu einer anderen Welt – der Welt zu einem liberal denkenden Indien, das Potenzial, Kreativität und Realismus birgt und mich in die dortige alternative Musikszene eintauchen ließ.

Allgemeines zur dortigen Rock- und Metalszene

Zugegeben fiel ich nach meinen Jahren im ereignisreichen Berlin dort erst einmal in ein musikalisch schwarzes Loch und es dauerte eine ganze Weile, bis ich Leute kennen lernte, die nicht dem Mainstream von House und Bollywood verfallen waren. Gar nicht so einfach. Aber dann stolperte ich zufällig in ein Event, das mir zusagte und das löste den Domino-Effekt aus: Siehe da, plötzlich war ich mitten im Zirkel von Musikern, die meinem Geschmack doch ziemlich nahe kamen.

Sicherlich vermisste ich meine Gothic-Szene und die Bands und Künstler, denn in Indien gab es das nicht. Doch so „rutschte“ ich in die dortige Rock- und Metal-Szene, lernte sie zu schätzen und recht schnell reifte der Gedanke, mit meiner Kamera die dortigen Talente festzuhalten und Konzertfotografie zu „üben“.
Es war recht einfach für mich, denn eine Frau, alleine, noch dazu Europäerin, die tätowiert und gepierct ist und auch noch Rock und Metal hört – da habe ich die Weltanschauung einiger Inder ordentlich durcheinander gebracht. Dann auch noch stets mit Kamera im Gepäck und ich war sehr schnell sehr beliebt. Gut für mich – meistens zumindest.

Je mehr Leute ich kennen lernte, desto mehr Einblick hinter die Kulissen bekam ich.
Die Szene erfährt nicht viel an Unterstützung, was ob der Anzahl der Talente mehr als bedauerlich ist.
Anders als in Europa, USA und in Ländern, wo „unsere“ Szene eine Lobby hat, haben die indischen Talente leider gar keine Basis und der Mentalität und auch dem Verantwortungsbewusstsein der Familie und dem Job gegenüber ist es geschuldet, dass viele früher oder später ihre Leidenschaft für ein paar Rupees mehr an den Nagel hängen.
Sicherlich mag es etwas hilfreich sein, sich auf Social Media zu vermarkten, aber ohne Moos bekanntlich nichts los – und nur vereinzelte Bands und Solo-Artisten können von der Musik leben.
Dies ist ein großer Schritt, der besonders in einem Land wie Indien, mit den dort vorherrschenden Sozialstrukturen, wohl überlegt sein sollte. Schließlich haben Musiker dort im Allgemeinen, sofern sie nicht Teil der Bollywood-Maschinerie sind, auch noch ein recht schlechtes Ansehen.

Start einer Bandporträt-Reihe

Aber ich durfte glücklicherweise einige Bands kennen lernen, die sich davon nicht abhalten lassen und sowohl ihre Leidenschaft für die Musik, als auch familiäre und berufliche Verantwortung unter einen Hut zu bringen verstehen.
Diese Bands möchte ich in regelmäßigen Abständen porträtieren, denn sie verdienen es, eine Stimme und somit Aufmerksamkeit zu erhalten!

Fangen wir an mit einer Band, die wirklich volle Power liefert und aus meinem alten „Zuhause“ stammt:

Zygnema aus Mumbai

Mit Grünalgen hat die Band glücklicherweise nichts zu tun, deren Liedgut kann sich aber auch festsetzen, wenn man mit ihrer Musik „infiziert“ wurde. Besonders, wenn man dann noch die Songtexte dazu genauer unter die Lupe nimmt.

Die vier Jungs verstehen es, zu polarisieren und die Einflüsse von Meshuggah, Pantera, Anthrax & Co. sind deutlich hörbar.

Zur Geschichte kann in kurzen Worten berichtet werden, dass sie sich 2006 gründeten und nach Wegen suchten, auf sich aufmerksam zu machen.

Rückkehr nach Europa

Nach nunmehr 12 Jahren Bandbestehen zieht es Zygnema, die sich dem Heavy/Thrash Groove Metal verschrieben haben, ab 22. März im Rahmen ihrer Reform Rebirth“-Tour wieder nach Europa, um ein „Best of“ ihrer beiden Alben „Born of Unity“ und „What makes us human is obsolete“ zu präsentieren, aber auch neues Liedgut zum Besten zu geben.

Termine der Europa-Tour

Was Zygnema besonders auszeichnet, ist ihre harte Arbeit. Beständigkeit ist typisch für sie. Es gibt wenige Bands, die so zielstrebig sind und stets ihre Qualität weiter hochzuschrauben verstehen.

Jimmy, Sid, Leon und Mayank (ihr Tontechniker Akash sollte dabei nicht unerwähnt bleiben) sind eine der wenigen Bands, die ihre Sache wirklich ernst nehmen und stets punktgenau liefern. Selten sind sie zufriedenzustellen und schaffen es, die Balance von Band-Sessions und Auftritten mit ihren Aufgaben als Musiklehrer, Restaurant-Inhaber oder einfach nur als Ehemann und Partner gerecht zu werden.

Im Interview

In wenigen Wochen steht die Tour„Reform Rebirth“ – an. Dazu stellte ich Sid ein paar Fragen.

Daggy: Meine erste Frage ist: Wie bereitet Ihr Euch richtig auf die Tour vor?

Sid: Wir haben noch eine Menge Vorbereitungsarbeit zu treffen.

Sehr wichtig ist, dass die Songs wirklich sitzen.

Unser Merchandise muss noch gedruckt werden, aber auch das richtige Artwork sollte rechtzeitig fertiggestellt sein. Das muss sicher sein.
Wir sollten in der Lage sein, alles noch vor Abreise zu finalisieren, um nicht während der Tour erkennen zu müssen, dass wir etwas vergessen haben.

Wir touren nach sechs Jahren endlich wieder in Europa. Deshalb möchten wir sicherstellen, dass wir von unserer Seite aus alles erfüllt haben.

In Bezug auf die Proben halten wir unsere Routine von 2 bis 3 Mal pro Woche ein.
Sehr wichtig ist, dass die Songs wirklich sitzen.

Daggy: Wie oft seid Ihr bereits in Europa und besonders Deutschland getourt?

Sid: Unser erster Gig fand 2011 in Osnabrück statt. Wir haben dort zwei Shows gespielt.

Wir sind zum Wacken Open Air 2012 nach Deutschland zurückgekehrt.

Und dies ist jetzt das dritte Mal, dass wir nach Deutschland gehen und erneut im Bastard Club in Osnabrück und in Gruna auftreten werden.

Nach Wacken haben wir 2013 das Inferno Metal Festival (Oslo) gespielt.

2010 bis 2014 war ein großartiger Lauf für uns, da wir einige Male im Ausland waren.

Wir hatten auch die Ehre, das Silence Festival in Nepal zusammen mit Behemoth zu spielen, und dann sind wir 2015 zurück nach Kathmandu gegangen, um Metal for Nepal, ein Charity-Fest für die Opfer des Erdbebens, zu spielen.

Nach längerer Pause wollten wir nun sicherstellen, eine ausgedehnte Tour zu machen. (lacht)

Daggy: Was ist normalerweise die Botschaft in Euren Songs?

Sid: Nun, jeder Titel hat eine andere Botschaft. Wir sind keine völlige „anti-politische“ Band. Eine gute Anzahl von Songs spricht auch über soziales Bewusstsein.

Jeder Titel hat eine andere Botschaft.

Im neuen Lied, das veröffentlicht werden soll, bevor wir auf Tour gehen, geht es um Vergewaltigungen in Indien. Egal wie alt das Opfer ist, die Gerechtigkeit ist niemals auf der Seite des Opfers und dessen Familie. Es ist eine traurige Angelegenheit, und unser Video thematisiert dies und verdeutlicht, dass es einfach kein Happy End wie in Bollywood-Filmen gibt.

Wir empfehlen allen Leuten, unsere Texte online zu lesen, während sie den jeweiligen Song hören. Die Wirkung von Message und Sound wird dann deutlich intensiver sein.

Daggy: Dann wünsche ich Euch einmal mehr viel Spaß und Erfolg. Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten.
Wir sehen uns im April in einem von Jimmy’s Restaurants in Mumbai. Ich freue mich schon auf den berühmten „Jawbreaker“. Ist lange her. Da könnt Ihr mir dann ausführlich von Euren Erfahrungen und Erlebnissen berichten. Danke und bis bald!

Sid: Das werden wir! Bis bald. Danke auch dir.

Video

Details

Zygnema – Homepage
Zygnema – Facebook

Diskografie:
2010 – Born Of Unity
2015 – What Makes Us Human Is Obsolete

Copyright Artikelbild: Zygnema



Über den Autor

Daggy
Daggy
Es war einmal...vor langer Zeit..., ein Mädel aus Bayern, das den Sprung von einer katholischen Klosterschule schaffte und ans andere Ende Deutschlands reiste. Dort absolvierte sie als eine der ersten Frauen ihren Dienst bei der Marine. Von dort aus führte ihr Weg zu ihrem jetzigen Job, der sie seither rund um die Welt führt. So lebte sie bisher in den USA (Atlanta), Berlin (ohnehin ihre Wahlheimat), Indien (Mumbai) und derzeit China (Peking). Dabei ist das Reisen, als auch das Fotografieren ein wesentlicher Teil von ihr. Das Ganze wird untermalt von ihren "exzessiven" Konzert- und Festivalbesuchen, denn Musik öffnet überall auf der Welt Tür und Tor.




 
 

 

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