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Interviews

30. Juli 2014

Interview: Dirk Bernemann

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Verfasst von: Conny
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Dirk Bernemann ist ein außergewöhnlicher Autor, der mit seinem ganz eigenen Stil zu schreiben neue und unkonventionelle Maßstäbe in der modernen Unterhaltungsliteratur setzt.
Durch seine Veröffentlichungen wurde das „Anti-Pop“-Genre geprägt und insbesondere in den Subkulturen finden seine inzwischen zahlreichen Bücher großen Anklang.

Seit März ist Dirk Bernemanns neuestes Buch „Die Zukunft ist schön“ – erschienen beim Unsichtbar Verlag – auf dem Markt, während schon fleißig an einem weiteren Werk gearbeitet wird.

Anlass genug, den Wahl-Berliner zu einem Interview zu bitten, welchem er gerne nachkam und die Fragen rasend schnell via E-Mail beantwortet hat.

Lest im Folgenden, was der Kult-Autor darin zu sagen hat.

Conny: Wäre dies kein Interview via E-Mail, würde ich Dir natürlich zuerst einmal etwas zu trinken anbieten. Was wäre Deine Antwort darauf oder anders gefragt: auf welches Getränk fiele deine Wahl?

Dirk: Momentan würde ich ein Glas Wasser bevorzugen. Das langweiligste, aber dennoch effektivste Getränk der Welt.

Conny: Stelle Dir vor, Du wachst auf einmal nach 113 Jahren Schlaf in der Zukunft auf  😉

Dirk Bernemann (Copyright: Dirk Bernemann)

Dirk Bernemann (Copyright: Sophia Vogel)

Jetzt müsstest Du dort den Menschen erklären, wer Du bist und was Du machst. Was sagst Du ihnen?

Dirk: Ich würde versuchen, mich höflich vorzustellen. Nach Abschätzung der Verhältnisse würde ich dann entweder mein Bedauern oder meine Zustimmung äußern. Wer ich bin, spielt da keine Rolle.

Conny: Apropos Zukunft: „Die Zukunft ist schön“ heißt Dein aktueller Roman, der im März beim Unsichtbar Verlag erschienen ist. Erstmals hast Du damit eine Utopie veröffentlicht.
Wie kamst Du auf diese Idee? Gab es für Dich dafür einen konkreten Anlass (beispielsweise aktuelle politische Entscheidungen oder Ereignisse)?

Dirk: Die Idee war, dass ich ein unzufriedener Mensch geworden bin mit dieser ganzen negativen Literatur.

Es gibt einfach zu viele Menschen, die das System des Kapitalismus für unantastbar und elendig stabil halten.

Ich hatte vor, etwas anzubieten, von dem ein positiver Mehrwert abstrahlt, also ein Angebot, wie es nach der Scheiße, die jetzt vorherrscht, weitergehen könnte. Es gibt einfach zu viele Menschen, die das System des Kapitalismus für unantastbar und elendig stabil halten. Aber wenn man sich dieser Thematik nähert, sieht man das Marode an dieser Skulptur, ihre Einsturzgefahr, ihre Kaputtheit. Diese wollte ich beschreiben und für jedes Thema, das mich im Alltag interessiert, einen Verbesserungsvorschlag anbringen. Es ist demnach ein sehr politisches Buch geworden, was letztendlich auch beabsichtigt war.

Conny: Auch stilistisch gehst Du mit „Die Zukunft ist schön“ neue Wege.
Wie genau muss man sich den „neuen“ Dirk Bernemann nun vorstellen? Und wird er diesen Weg ausbauen und weiterbestreiten oder zurückkehren zu seiner bekannten ironischen Art?

Dirk: Es gibt keinen neuen Bernemann, sondern nur eine weitere offengelegte Facette meiner ohnehin schon präsentierten Kunst. Der Kram, den ich gerade schreibe, ist wieder ziemlich „in your face“, wie die Sachen, die ich so vor 5 – 6 Jahren geschrieben habe, nur mit der stilistischen Fähigkeit von heute.
Also ich schreibe, worauf ich Bock habe. Aber es wird wohl keinen Fantasyroman von mir geben. Wahrscheinlich ist aber ein destruktives Kinderbuch mit Hoffnung und Tieren.

"Die Zukunft ist schön" - eine besonderes Layout (Copyright: Unsichtbar Verlag)

„Die Zukunft ist schön“ – eine besonderes Layout (Copyright: Unsichtbar Verlag)

Conny: Das Buch ist in einer speziellen (m. E. sehr schönen) Aufmachung und in limitierter Version erschienen. Warum?

Dirk: Um die Besonderheit zu würdigen. Aber auch aus ökonomischen Gründen.

Bücher sind ein kulturelles Luxusgut. Immer mehr und immer derber stirbt es aus, das gute Buch. Daher wollte ich ein schönes Buch machen, von dem es wenige Exemplare gibt.

Conny: Inzwischen blickst Du auf eine ganze Reihe eigene Veröffentlichungen zurück. Gibt es darunter ein Buch, was Du persönlich besonders magst oder herausheben würdest? Wenn ja, aus welchen Gründen?

Es gibt keinen neuen Bernemann, sondern nur eine weitere offengelegte Facette meiner ohnehin schon präsentierten Kunst.

Dirk: Das wäre, als wenn ich 10 Kinder habe und eines besonders herausheben wollen würde, ne, das ist nicht gut. Ich mag sie alle, sie haben alle irgendwie Sinn gemacht. Entweder waren sie Türöffner, um überhaupt als Autor ernst genommen zu werden oder voller persönlichem Zeug, das ich unbedingt mal offenbaren wollte.
Immer wenn ich ein Buch fertig habe, habe ich schon eine Idee für ein weiteres.
Ich musste alle meine Kinder abgeben und teilen, was nicht immer gut war, aber es gibt fürwahr keines, dass ich an die Front stellen wollen würde, weil es mehr kann als andere.

Conny: Hast Du jemals eine Veröffentlichung im Nachhinein bereut oder bist unzufrieden damit?

Dirk: Ja. Mit jedem quasi, weil mir immer noch ein Satz oder Kapitel oder sonst was einfällt, wie man es hätte besser machen können. Aber Deadline ist Deadline und irgendwann muss das auch mal raus, was ich da getan habe.

Conny: Wie muss man sich den Entstehungs- und Schreibprozess eines Dirk Bernemann Buches vorstellen?

Dirk: Da gibt es keine typischen Arbeitsweisen. Wenn ich eine Idee habe, mache ich alles, was der Idee dient und lasse alles andere weg, was mich von der Idee entfernen würde.

Conny: Unter anderem auf Facebook erfahren wir, dass Du schon fleißig an einem neuen Werk arbeitest. Willst und kannst Du uns schon Genaueres darüber verraten?

Dirk: Es ist was sehr Persönliches. Ein paar Abrechnungen mit Menschen und Orten und Situationen.
Ich habe jetzt die Hälfte fertig und es dümpelt so vor sich hin und macht aber gerade einen riesigen Spaß.

Conny: Musik spielt nicht nur in Deinen Romanen immer wieder eine Rolle, was man u.a. an Songzitaten zu Beginn einiger Kapitel in Deinen Büchern erkennen kann. Du machst auch selbst Musik. Welche Projekte gibt es diesbezüglich von Dir und was bietest Du den Hörern damit?

Dirk Bernemann goes music! Die erste Solo-CD "Mit Absicht schlechte Musik hören heißt mit Absicht scheiße sein" (Copyright: Dirk Bernemann)

Dirk Bernemann goes music! Die erste Solo-CD „Mit Absicht schlechte Musik hören heißt mit Absicht scheiße sein“ (Copyright: Dirk Bernemann)

Dirk: Auf Bandcamp kann man sich meine erste Soloplatte anhören.

Was biete ich den Hörern? Nun, alles ist handgemacht, die Texte improvisiert und trotzdem konkret. Jedes Instrument habe ich eingespielt und bei meinem guten Freund Daniel Morgenroth im Homestudio aufgenommen.

Musik ist generell sehr wichtig und bewegt mich im Alltag, bewegt mein Gehirn und meine Beine und macht das Erlebnis, lebendig zu sein, derart komplett, dass man es ohne dieses Element eher ablehnen würde, lebendig zu sein.

Ein schlauer Interviewer hat mich mal gefragt, ob ich lieber taub oder impotent wäre, ich konnte diese Frage nicht beantworten.

Conny: Das Lied „Junge“ von den Ärzten war (und ist es vermutlich immer noch) in aller Munde. Darin heißt es u.a.: „Junge, brich deiner Mutter nicht das Herz. Es ist noch nicht zu spät, dich an der Uni einzuschreiben. Du hast dich doch früher so für Tiere interessiert. Wäre das nichts für dich? Eine eigene Praxis. Junge…“
Würden Deine Eltern dieses Lied sinngemäß und auf Dich bezogen, der Du den Weg des Autors beruflich eingeschlagen hast, unterschreiben oder standen sie Deiner Berufswahl vorbehaltlos gegenüber?

Wenn ich eine Idee habe, mache ich alles, was der Idee dient und lasse alles andere weg, was mich von der Idee entfernen würde.

Dirk: Meine Eltern sind coole Leute, die zwar nicht immer verstehen, was ich da tue, aber das tue ich ja häufig selbst nicht.
Meine Berufswahl basiert nicht auf einer Karrieremöglichkeit, sondern auf der Möglichkeit mit seiner Freiheit glücklich zu werden. Ich glaube, ich stoße mit diesem Bedürfnis auf Verständnis.

Conny: Du hast bereits zahlreiche Interviews geführt. Gibt es dennoch eine Frage, die Dir in einem Interview noch nie gestellt wurde, die Du aber immer schon einmal beantworten wolltest?

Dirk: Dirk, wenn Deine Literatur eine Farbe wäre, welche wäre es?
Die Antwort ist auf jeden Fall orange. Ich schreibe so orange, dass sich die Farbe Orange wünscht, ich würde nicht orange schreiben.

Conny: Gibt es auch eine Frage, vor der Du Angst hättest, dass sie Dir in einem Interview gestellt wird?

Dirk: Hömma, merkst Du nicht, dass Deine Scheiße hier keine Sau interessiert und Du den Abgrund, vor dem Du glaubst zu stehen, nicht schon längst überschritten hast?

Darauf wäre die Antwort: Lass mich nachdenken, ich glaube vielleicht. Und: orange!!!

Conny: Nun kommen unsere Keywords. Man stelle sich vor, wir würden Dir Wörter an den Kopf werfen, die uns spontan eingefallen sind, als wir über dieses Interview nachgedacht haben. Bitte schreibe kurz unter jedes Wort, was Dir dazu einfällt:

Subkulturen

Wichtig. Mainstream ist eine Massenlähmungswaffe und die Subkulturen sollten ihrem Wachsamkeitsauftrag nachkommen.

Mainstream

siehe Subkulturen

bernemannesk

Ein Lob, das mir die Wangen rötet.

Wortneuschöpfungen

Wichtig in meiner Literatur. Wörter zu erfinden ist ein großer Spaß.

Ironie

Überbetont heutzutage. Ich sehne mich nach Realtalk, anstatt nach hipsteresker Überzeichnung. Traut Euch, Autoren, traut Euch.

Lesen …

… ist wie Fernsehen zu Fuß.

Berufskrankheiten

habe ich eine Menge. Bildschirmmüdigkeit usw.

Comics

Wichtig. Hab selbst mal an welchen mitgearbeitet. Die, die so was können und machen, sollten besser bezahlt und gewürdigt werden.

Zensur

Ich war ein ganz okayer Schüler, außer in Mathe.

Unschuld (die Antwort/Assoziation „hab ich schon kotzen sehen“ ist hier nicht zulässig 😉 )

Komischer Begriff. Weiß nicht, was das ist. Die Unmöglichkeit unschuldig zu sein lastet auf allen Leben, auch auf meinem.

Buchmesse

Eine Erfindung der Industrie und der Versuch, Gedanken zu verkaufen, als hätte man wirklich das Recht dazu.

Wir bedanken uns für das interessante Interview und freuen uns auf neues bernemanneskes Material!

Video

Kurzbio

Herr Bernemann wurde vor wenigen Jahren zwischen dem Ruhrgebiet und den Niederlanden geboren.
Er wollte schon immer Bücher schreiben, denn malen war gar nicht seins. Also schrieb er, seit er es konnte, beginnend mit ungefähr 7 Jahren. Oh, ja, er hasste malen.
Der Herr Bernemann ist beliebt in seiner Nachbarschaft, weil er nie mit seinen Nachbarn spricht.
Worüber auch? Kunst vielleicht oder Wetter?
Er war schon als Kind fasziniert von Musik und schönen, aber auch nicht so attraktiven Worten.
Herr Bernemann ist in seinem Leben schon einige Male umgezogen, hat aber nie im Ausland gewohnt, obwohl er Deutschland als Institution kacke findet.
Er mag Himbeeren und Ananas lieber als Kartoffeln und Rotkohl.
Herr Bernemann schreibt Bücher voller Geschichten und Gedichte. Nicht alle Gedanken, die er hat, findet er selber gut, einige hasst er sogar.
Die deutsche Sprache ist für den Herr Bernemann ein Fahrzeug mit dem er in alle Regionen menschlichen Empfindens einfahren kann. Seine Texte sind wie alte Bekannte mit neuen Gesichtern, wie alte Drogen mit neuen Wirkstoffen, wie bekannte Plätze mit neuen Häusern.
Er findet es im Moment nicht doof bekannt zu sein (Stand Sept. 2007), findet es aber doof mit Idioten bekannt zu sein, um mit denen Bratwurst oder so zu speisen.
Der Herr Bernemann hat keine ansteckenden Krankheiten.
Er ist außerdem untalentiert an folgenden Instrumenten: Alphorn, Oboe und Akkordeon, dafür spielt er ein wenig Gitarre und kann mit seinem Computer Musik machen, was er auch macht und zusammen mit Benedikt Ator die Band HORQUE gegründet hat.
Nein, der Herr Bernemann ist weder essgestört noch depressiv noch hat er irgendwelche abgefahrenen Neurosen. Er hat normalen Appetit und lacht über Witze wie: Wo wohnen Katzen am liebsten? Im Miezhaus.
Er hat noch nie versucht, sich oder andere umzubringen.
Herr Bernemann inszeniert nicht sich, sondern seine Ironie. Dekadenz ist für Arschlöcher, call him Arschloch.
Er liebt Kultur, seinen Wortschatz und manchmal sogar sich selbst.
Er ist nicht elegant, sieht aber immerhin noch gut aus, wenn er auf die Fresse fällt.

(Quelle: Unsichtbar Verlag)

Details

Dirk Bernemann – Homepage
Dirk Bernemann – Blog
Dirk Bernemann – Facebook
Dirk Bernemann – Twitter

Bibliografie:

Bücher

2005: Ich hab die Unschuld kotzen sehen (Ubooks)
2007: Ich hab die Unschuld kotzen sehen – Und wir scheitern immer schöner (Ubooks)
2008: Satt:Sauber:Sicher (Ubooks)
2008: Ich hab die Unschuld kotzen sehen 1+2 (Heyne Verlag)
2009: Ich bin schizophren und es geht mir allen gut (Ubooks)
2009: Ich hab die Unschuld kotzen sehen 3 (E-Book; Ubooks)
2010: Vogelstimmen (Ubooks)
2011: Ich hab die Unschuld kotzen sehen 3 (Ubooks)
2011: Trisomie so ich dir (Unsichtbar Verlag)
2012: Asoziales Wohnen (Unsichtbar Verlag)
2013: Ich hab die Unschuld kotzen sehen. Der Comic (Unsichtbar Verlag)
2013: Trisomie so ich dir. Being behindert (Heyne Verlag)
2014: Die Zukunft ist schön (Unsichtbar Verlag)

Kollaborationen

2012: Wahre Märchen: Märchen aus einer anderen Zeit (Ubooks)
2012: Fickt euch alle (Unsichtbar Verlag)
2013: Max und Murat (Unsichtbar Verlag)

Hörbücher

2007: Ich hab die Unschuld kotzen sehen (Ubooks)
2007: Ich hab die Unschuld kotzen sehen – Und wir scheitern immer schöner (Ubooks)

Edition KleinLaut (Unsichtbar Verlag)

2012: Kotzen am Gefühlsbuffet
2012: Das Böse
2012: Therapiebedarf
2013: Metastasen Mambo
2014: Ich bin der glücklichste aller unglücklichen Menschen

Copyright Artikelbild: Sophia Vogel (2012)



Über den Autor

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"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde




 
 

 

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