Review

Was wäre, wenn das liebe Geld als Hauptzahlungsmittel abgelöst würde? Mit Sicherheit würde ein anderes Leistungssystem an seine Stelle treten. Autorin Yvonne Richter wählt in ihrem Jugendbuch „Casting. Spiel ums Leben“ dafür den Unterhaltungswert einer Person. Ob die Idee und das Konzept bis zum Ende durchdacht wurden?

Der Teenager Lovis lebt in dieser Welt, wo wirklich alles ausschließlich als Gewinn einer Casting-Show erspielt werden muss. Diese gibt es noch reichhaltiger als bei RTL, Pro7 und Co.: Von Aussehen und Gesang, über Kochkünste oder Schlagfertigkeit bis hin zur Zähigkeit unter Folter kann so ziemlich alles gecastet und vermarktet werden. Wer allerdings trotz der vielen Möglichkeiten nicht gewinnt, bekommt weder Kleidung noch Essen oder gar ein Dach über den Kopf. Zudem müssen sich die „Castidaten“ schon in jungen Jahren ohne ihre Eltern bewähren.

Wer mit diesen Anforderungen nicht klarkommt, wird schließlich ausgecastet und muss für Wasser und Brot in Ausbeuterbetrieben die Gewinne herstellen. Die eigentlichen Gewinner sind allerdings die Juroren und Geldgeber, die nach jeder Show absahnen. Eine ziemlich finstere Vorstellung, die Richter hier inszeniert. Lovis nimmt es allerdings recht gelassen, bis er Jo kennenlernt. Gemeinsam mit einer wachsenden Zahl an Freunden haben sie bald keine Lust mehr, wie ein dressierter Gaul nach den Regieanweisungen zu tanzen. Zufällig entdecken sie ein paar Aussteiger, denen sie sich schnell anschließen. Und ebenso schnell wächst aus der persönlichen Abneigung ein kleiner Sabotage-Apparat, der stetig Sand ins Casting-Getriebe streut.

Nachdem die Autorin mit der Einführung ihrer Charaktere durch ist, nimmt die Handlung langsam an Fahrt auf. Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass es sich um ein Jugendbuch für eine Zielgruppe zwischen 10 und 16 Jahren handelt, alles bleibt also immer in einem angemessenen Rahmen. Weder unnötige Gewalt noch zu komplexe Handlungsstränge erschweren dem jungen Leser das Mitkommen. Wo Richter allerdings vollkommen an der Pädagogik vorbeischreibt, ist der Schluss: Hier wird den Lesern demonstriert, dass man sich als Kind oder Jugendlicher noch so sehr anstrengen kann, am Ende muss dann doch der Papa mit dem dicken Geldbeutel her. Ein herber Schlag für die Qualität der Geschichte, deren Konzept eigentlich im Grunde ansprechend war.

Yvonne Richter (Copyright: Yvonne Richter)

Yvonne Richter (Copyright: Yvonne Richter)

Grenzwertig bis nervig ist außerdem die Sprache. Gegen junge bis flapsige Sprüche ist sicher nichts einzuwenden, allerdings würzt die Autorin jeden ihrer Absätze mit den abstrusesten Wortspielen. Zunächst beginnt es ja noch ganz charmant, mit den „Castidaten“, Vornamen wie „Schlawine“ oder „Propelle“ oder lustigen Juroren (das Format Topschlau wird beispielsweise von „Kain Maleins“ geleitet), nimmt aber irgendwann beunruhigende Ausmaße an. Ganz abgesehen davon, dass die unüberschaubaren Aufzählungen den Lesefluss stören, passt der Wortwitz einfach nicht zu den dystopischen Elementen der Story. Als dann noch jede denkbare Pferde- und Reitmetapher ins Repertoire genommen wird, sind mir endgültig alle Gäule durchgegangen.

Von Seite zu Seite erlahmen Story und Sprache immer stärker. Und mit dem Ende der Geschichte möchte man dem alten Ackergaul eigentlich nur noch auf einen Gnadenhof abschieben. Sehr schade, denn die Idee hinter der Story, dass Menschenwürde unabhängig vom Unterhaltungswert ist, war eigentlich gut. So wird „Casting. Spiel ums Leben“ wohl nur wenigen, sehr jungen Lesern gefallen.

Inhalt

Lovis ist ein Siegertyp. Geschickt bewegt er sich in der schillernden Spielewelt, deren Gesetze längst in sämtlichen Bereichen des Lebens gelten. Eine Clique von selbstverliebten Juroren hält das Karussell der Castings und Contests in Gang. Sie sorgen mit drastischen Methoden dafür, dass niemand aus der Reihe tanzt. Als Lovis sich mit Jo anfreundet, beginnt er am Sinn der strengen Regeln zu zweifeln. Das Mädchen und er gehen auf gefährliche Touren. Was sie dabei hinter den Kulissen der Vergnügungsmaschinerie entdecken, stellt alles Gewohnte infrage. Mit einigen Gleichgesinnten finden sie Zuflucht in einer alten Manufaktur und proben den Widerstand. Aber Detektive sind ihnen bereits auf der Spur. Wird es den Ausreißern gelingen, sich gegen das übermächtige System zu behaupten und ihren eigenen Ideen zu folgen?

(Quelle: Fabulus-Verlag)

Autor

Yvonne Richter
Jahrgang 1956, baute nach dem Kunststudium in München und einer Station als Kunsterzieherin das erste mobile Kindermuseum in Deutschland mit auf. Sie war als Figurentheaterspielerin und Performancekünstlerin unterwegs und arbeitet beim Kinder- & Jugendmuseum Nürnberg. In ihren Geschichten verbindet sich die Lust am Fabulieren mit hintergründigem Humor und Toleranz.

(Quelle: Fabulus-Verlag)

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Details

Format: gebundene Ausgabe
Veröffentlichung: 25.08.2016
Seitenzahl: 340
ISBN: 978-3944788289
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Fabulus-Verlag

Copyright Cover: Fabulus-Verlag



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer