Review

Die Fortsetzung der von Taiyo Matsumoto verfassten Manga-Reihe „Sunny“ erzählt unfassbar einfühlsam vom Leben der Bewohner des Kinderheims „Sternenkinder“.

Der Autor verarbeitet in diesem Werk die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse seiner Zeit in einem Heim. In einem diesbezüglichen Interview wie auch in seinen anderen Werken lässt sich ein tief sitzender Schmerz erkennen. Entsprechend fühlen sich seine Figuren alle realistisch und in ihren Motivationen und Sorgen tiefgründig an.

In diesem zweiten Band wird konsequent weitergeführt, was Matsumoto im vorangegangenen Band begonnen hat.
Verlegt hat es der Carlsen Verlag mit einem klappbaren matten Kartoneinband.

Die Handlung

Auch in diesem zweiten Teil bekommen wir kapitelweise Kurzgeschichten mit den sich zu Protagonist:innen entwickelnden Figuren erzählt. Diese Episoden sind allesamt andersartig in ihren vorliegenden Problemen, den darin verstrickten Akteuren und der Art und Weise, diese Probleme zu lösen.

Eine der ersten Episoden behandelt den Neuankömmling Sei. Dieser soll den kleinen Jungen Turo dem Heim bekanntmachen und ihm einfach ein Freund sein. Sei ist allerdings selber noch so schwer verletzt davon, dass seine Mutter ihn nicht aus dem Kinderheim abholt. Innerhalb der Geschichte erzählt Sei von einem Traum, den er immer wieder träumt. Ein Traum, in dem er sitzend auf der Treppe zum Haus seiner Eltern auf seine Mutter wartet. Er ist trotz dieser Sehnsucht und Hoffnung ein guter Freund für den sehr traurigen Turo. Als dieser dann kurze Zeit später wieder abgeholt wird, schlägt es Sei in die Magengrube und er wird sich seiner Lage und Gefühle umso bewusster.
Matsumoto schafft es, diese kleine Episode in einer Art und Weise zu erzählen, dass es einen wirklich mitnehmen kann. Durch Stille in den Panels (wie etwa musiklose Schnitte im Film), die das Szenario etablieren, entsteht eine wirklich großartige Atmosphäre.

Im weiteren Verlauf erleben wir, wie sich Megumu und Kiko den Rücken decken, wie Kenji als einer der ältesten seine Zukunftsperspektive neu ordnet und mehr und mehr, was Haruo antreibt und besorgt. Der weißhaarige Junge vom Cover des ersten Bandes scheint als treibender Charakter eine zentralere Rolle einzunehmen. Es bleibt abzuwarten, wie Taiyo Matsumoto seine Figuren auserwählen wird und welche traurigen und lustigen Momente wir mit den Kindern des Heims dann noch durchleben werden.

Der Stil

Wie bereits im ersten Beitrag zu „Sunny“ beschrieben, sind die Zeichnungen manchmal gewöhnungsbedürftig.

Leseprobe aus „Sunny 2“. (Copyright: Carlsen Manga)

Das Szenario ist aber nahezu immer mit viel Liebe zum Detail gezeichnet. Matsumoto glänzt mit einem scharfen Blick für tolle Perspektiven. Die Figuren an sich werden manchmal mit seltsam verzerrten Gesichtern gezeigt, was anfänglich abschreckend wirken kann. Jedoch hat dieser Stil – so wenig konventionell wie er sich präsentiert – einen sehr hohen Wiedererkennungswert. Auch lassen sich traditionelle japanische Einflüsse vergangener Epochen darin finden.

Ab und an werden Panels von welligen Rändern umgeben, die so geführt werden und dabei aussehen, als wären sie gedachte Bilder einer Denkblase einer anderen Figur.
Sonst findet sich eine sehr klassische Aufteilung der Bilder in diesem Comic.

Das ruhige Tempo spiegelt sich in den gewählten Bildausschnitten und den oftmals großen Panels.

Die Splashpages und Doppelseiten, die diese Ausgabe hat, sind allesamt hinreißend gezeichnet.

Fazit

Der zweite Band macht konsequent da weiter, wo der vorige aufgehört hat. Die Protagonist:innen haben bereits einige spannende und sehr menschliche Situationen erlebt, sodass man die hier gezeigten Entwicklungen mehr als nachvollziehbar und schön erzählt empfinden kann.

Die darin verarbeiteten Themen sind keineswegs leicht oder gar „sunny“, also sonnig. Es beschäftigt, macht traurig, weckt Hoffnung und Sehnsüchte. Eine ideale Fortsetzung einer Geschichte mit emotionalem Tiefgang.


Sunny 2 (2)

Inhalt

Das Kinderheim Star Kids ist das Zuhause für eine Gruppe von Waisen und Pflegekindern. Ihre Lebenswege aus der Vergangenheit sind so unterschiedlich wie ähnlich geprägt, ihr Heranwachsen unter der behutsamen Heimleitung abhängig von individuellen Erfahrungen und Träumen. Allen gemeinsam ist ihr Zufluchtsort, das Wrack eines Nissan Sunnys 1200, in den sie sich gemeinsam zurückziehen, um Pläne zu schmieden, sich in Fantasien zu flüchten, die Welt in Gedanken zu bereisen, ins Weltall abzuheben oder einfach nur ganz für sich allein für einen Moment dem Alltag zu entfliehen.

(Quelle: Carlsen)

Autor

Taiyō Matsumoto
geboren 1967, bedient in seinen Werken ein breites Themenspektrum. Seine Titel bewegen sich zwischen Science-Fiction-Epen, Familiengeschichten und Sportabenteuern. In seiner Studienzeit an der Wako Universität trat Taiyō Matsumoto dem Comic-Seminar bei. Seine Entscheidung, Mangaka zu werden, begründet er mit dem Einfluss seines Cousins und bekannten Mangaka Inoue Santa wie auch mit seiner Faszination an Ôtomo Katsuhiros Manga „Dômu“ („Das Selbstmordparadies“, Alpha Comics). Matsumoto brachte keinerlei Vorkenntnisse mit und lernte die Techniken von Grund auf. Seinen ersten Manga konnte er dennoch bereits während seiner Studierendenzeit im „Afternoon“-Magazin publizieren. Der Durchbruch gelang Matsumoto 1994 mit „Tekkon Kinkreet“, die Sammelbände verkaufen sich in Japan über eine Million Mal. Auf Deutsch erschien die mit dem Eisner Award ausgezeichnete Serie 2019 im Cross Cult Verlag. Seine Werke werden bis heute regelmäßig ins Englische, Französische und Spanische übersetzt. Im Stil des japanischen Mangazeichners finden sich viele europäische Einflüsse. Zu seinen Vorbildern zählt Matsumoto Miguelanxo Prado, Enki Blal und Moebius. Ähnlich wie Jiro Taniguchi („Der spazierende Mann“, Carlsen) bewegt sich Matsumoto erzählerisch und zeichnerisch jenseits des Manga-Mainstreams, doch seine internationale Fangemeinde ist groß. Sicher auch dank seines unkonventionellen und häufig auch surrealen Zeichenstils.

(Quelle: Carlsen)

Details

Format: Softcover
Veröffentlichung: 22.12.2020
Seitenzahl: 224
ISBN: 978-3-551-75458-5
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Lars
Musiker, Texter und Mensch, lebend in Berlin.