Review

Sonnig, fröhlich, vielleicht sogar optimistisch sorgenfrei sind Assoziationen, die einem bei dem Wort „Sunny“ in den Kopf kommen könnten. Taiyo Matsumotos gleichnamige Manga-Reihe erzählt aber alles andere als eine durchweg optimistische und sorgenlose Geschichte.

Der Autor und Zeichner hat in diesem Werk seine eigene Geschichte verarbeitet, wobei es wichtig ist zu betonen, dass es kein reiner autobiografischer Manga ist. Dem Nachwort zu entnehmen, betont Matsumoto aber, dass einige dieser sechs Kurzgeschichten in „Sunny 1“ Anekdoten enthalten, die so geschehen seien.

Die Handlung

Die Geschichte von „Sunny“ spielt im Kinderheim „Sternenkinder“ in den (wie es scheint) 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Dorthin wird der intelligente, ungefähr 9 oder 10 Jahre alte Sei von seinen Eltern abgegeben, ja, mehr abgeschoben. Die Kinder, die dort leben, nehmen ihn freundlich auf und freunden sich mit ihm an.

In diesem ersten Band sind die präsentesten Figuren: Haruo, den alle Kinder wegen seiner weißen Haare in der Schule nur „White“ nennen, und Junsuke, dessen struwweliger Kopf, die ständige verrotzte Nase und immer geröteten Wangen das Bild komplettieren. Diese zwei Jungen werden als handlungstragende Figuren etabliert.
Ihre besten Momente erleben sie im fahruntüchtigen Datsun Sunny 1200, der auf dem Hof steht. In diesem Auto werden Erwachsenenheftchen versteckt, Beziehungskrisen ausdiskutiert oder einfach die Flucht vor der Realität mit einer „Spritztour“ durch die Fantasie bewältigt.

Wir erleben das Kinderheim und alle seine Protagonisten, die mehr oder weniger relevanten Nebenfiguren, vor allem aber das Geflecht aus fein erzählten zwischenmenschlichen Erlebnissen. Die Streiterei um ein Spielzeug, begeisterte Aufregung über Besuch oder die Melancholie, die sich in vielen Momenten mehr als subtil spürbar durch die Geschichte zieht, sind nur einige der sehr authentisch erzählten Facetten dieses Zusammenlebens. Dies liegt, wie bereits angedeutet, daran, dass der Künstler selber eines dieser Kinder war, „die keiner wollte“.

Dieses Thema wird des Öfteren in verschiedenen Formen angesprochen und auf unterschiedliche Weise gelöst. Was wird aus einem, wenn einen niemand mehr will? Was wird geschehen, sollte man jemals sterben und niemanden kümmert es? Was wäre, hätte man einen Unfall und niemand würde sich sorgen?
Diese und weitere kleine Aspekte des Lebens aus kindlich-jugendlicher Sicht schafft Taiyo Matsumoto so erstaunlich überzeugend zu erzählen, dass man, wie bei einer guten Serie, sofort zum nächsten Band greifen möchte. Denn obwohl die Geschichte nur einige Spannungsbögen hat, wachsen einem die Figuren ans Herz.

Der Stil

Der Mangaka, dessen vorherige Werke „Tekkon Kinkreet“ und „GoGo Monster“ waren, ist keinesfalls einem klassischen Manga-Stil zuzuordnen.

Leseprobe aus „Sunny 1“. (Copyright: Carlsen Manga)

Die Figuren sind oftmals grotesk und mit viel Mut zur Entstellung, teilweise sogar recht hässlich gezeichnet. Dass Matsumoto sein Handwerk gemeistert hat, zeigt er dann an anderer Stelle: Panels, in denen schöne Porträts einiger Figuren zu sehen sind, absolut interessante und wunderschön umgesetzte Perspektiven des Handlungsgeschehens und die oftmals ambivalenten Gefühle in nur einem Blick verarbeitet.

Der ganze Manga zeichnet sich zudem durch die Benutzung von Aquarell-Techniken im Verbund mit den teils kräftigen Tuschezeichnungen aus. An einigen Stellen könnte man sogar meinen, es wurde mit einem schwarzen Kugelschreiber (akzentuiert oder nur für die Outlines) gearbeitet. Ein Stil, der anfänglich gewöhnungsbedürftig ist, wenn man einen konventionellen Manga erwartet oder (dem Cover nach urteilend) klare saubere Bilder erhofft. In manchen Szenen konnte sich ein „Beavis und Butt-Head“ Stilvergleich einfach nicht länger verdrängen lassen, mit weit aufgerissenen Mündern, verzogenen Gesichtern und Körperproportionen, die nicht immer sinnvoll sein müssen.

Fazit

Hat man sich einmal mit dem Zeichenstil angefreundet, kommt man nicht mehr davon weg. Taiyo Matsumoto schafft es in einer unaufgeregten, gleichzeitig subtil melancholischen Stimmung, die Geschichten und Sorgen der „Sternenkinder“ zu erzählen. Dabei verfallen die Geschichten zu keiner Zeit in ein nur zu oft in Comics zu findendes Pathos, in Mitleid oder Stereotype, um seinen Figuren etwas zu geben, dass sich sicherlich jeder im Leben wünscht: echte ehrliche Gefühle.

Eine Empfehlung für Leser:innen mit Blick auf den Tellerrand vom Nachbarn, wo sich vielleicht Dinge finden lassen, die man so noch nicht gesehen und gelesen hat. Mit 16€ ist dieses über 220 Seiten starke und auf kräftigem Papier gedruckte Werk definitiv einen Kauf wert.


Sunny 1 (1)

Inhalt

Das Kinderheim Star Kids ist das Zuhause für eine Gruppe von Waisen und Pflegekindern. Ihre Lebenswege aus der Vergangenheit sind so unterschiedlich wie ähnlich geprägt, ihr Heranwachsen unter der behutsamen Heimleitung abhängig von individuellen Erfahrungen und Träumen. Allen gemeinsam ist ihr Zufluchtsort, das Wrack eines Nissan Sunnys 1200, in den sie sich gemeinsam zurückziehen, um Pläne zu schmieden, sich in Fantasien zu flüchten, die Welt in Gedanken zu bereisen, ins Weltall abzuheben oder einfach nur ganz für sich allein für einen Moment dem Alltag zu entfliehen.

(Quelle: Carlsen)

Autor

Taiyō Matsumoto
geboren 1967, bedient in seinen Werken ein breites Themenspektrum. Seine Titel bewegen sich zwischen Science-Fiction-Epen, Familiengeschichten und Sportabenteuern. In seiner Studienzeit an der Wako Universität trat Taiyō Matsumoto dem Comic-Seminar bei. Seine Entscheidung, Mangaka zu werden, begründet er mit dem Einfluss seines Cousins und bekannten Mangaka Inoue Santa wie auch mit seiner Faszination an Ôtomo Katsuhiros Manga „Dômu“ („Das Selbstmordparadies“, Alpha Comics). Matsumoto brachte keinerlei Vorkenntnisse mit und lernte die Techniken von Grund auf. Seinen ersten Manga konnte er dennoch bereits während seiner Studierendenzeit im „Afternoon“-Magazin publizieren. Der Durchbruch gelang Matsumoto 1994 mit „Tekkon Kinkreet“, die Sammelbände verkaufen sich in Japan über eine Million Mal. Auf Deutsch erschien die mit dem Eisner Award ausgezeichnete Serie 2019 im Cross Cult Verlag. Seine Werke werden bis heute regelmäßig ins Englische, Französische und Spanische übersetzt. Im Stil des japanischen Mangazeichners finden sich viele europäische Einflüsse. Zu seinen Vorbildern zählt Matsumoto Miguelanxo Prado, Enki Blal und Moebius. Ähnlich wie Jiro Taniguchi („Der spazierende Mann“, Carlsen) bewegt sich Matsumoto erzählerisch und zeichnerisch jenseits des Manga-Mainstreams, doch seine internationale Fangemeinde ist groß. Sicher auch dank seines unkonventionellen und häufig auch surrealen Zeichenstils.

(Quelle: Carlsen)

Details

Format: Softcover
Veröffentlichung: 29.09.2020
Seitenzahl: 224
ISBN: 978-3-551-75457-8
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Lars
Musiker, Texter und Mensch, lebend in Berlin.