Review

Das Fotografieren verlassener Fabriken, Gebäude und Gelände hat sich fernab der modernen Architektur-Fotografie bereits einen festen Namen verdient: „Lost Places“ oder auf Deutsch „Verlassene Orte“ begeistern Bücherfans aus den verschiedensten Interessengebieten. Im Gegensatz zu den sonst zum Standard gehörenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen wagt sich Fotograf Stefan Dietze in „Verlassene Orte zwischen Harz, Lausitz und Thüringer Wald“ an das Experiment „Bunt“.

Und das sei schon mal vorneweg gesagt: Das Experiment glückt! Das ist nicht selbstverständlich, denn beide Aufnahmemodi stellen ganz unterschiedliche Anforderungen an Fotograf und Betrachter. Dietze setzt aber Farbnuancen, Schattierungen und Lichtreflexe auf seinen Aufnahmen gekonnt in Szene. Im Gegensatz zu den eher puristisch wirkenden „Lost Places“-Aufnahmen von Marc Mielzarjewicz, der abgesehen von knackigen Kontrasten seinem Aufnahmestil geradlinig folgt, zeigt Dietze dabei mehr Lust am Experimentieren: Auffällig sind vor allem die Weitwinkelaufnahmen durch ihre teilweise extrem gekrümmten Perspektiven und die verhältnismäßig offensichtliche Bearbeitung der Aufnahmen. Hier wird allerdings nicht der Kontrastregler bis zum Anschlag ausgereizt, sondern durch sanfte Weichzeichner die romantische Komponente des Verlassenseins herausgekitzelt. Wie verzaubert und in der Zeit eingefroren wirken die Aufnahmen – quasi ein suburbaner Märchenwald.

Doch die ganzen schönen Experimente nützen einem Foto wenig, wenn der Fokuspunkt so ungünstig liegt, dass von der Hauptattraktion des Bildes nicht viel mehr als verschwommener Farbbrei bleibt. Das passiert den Aufnahmen leider gelegentlich (zum Beispiel auf S. 36), allerdings noch so selten, dass man hier ein Auge zudrücken kann. Öfter hingegen ist das Spiel von Licht und Schatten auf den Fotografien problematisch. Dann dominieren große Schattenflächen die Aufnahme und verdecken die ebenso interessanten Elemente. Diese kleinen Schwächen sind sicherlich der Unwägsamkeit der Umstände geschuldet, daher ist das gewissermaßen Meckern auf hohem Niveau. Allerdings legt Dietze mit seinen überwiegend toll ausgeleuchteten Fotos eben die Latte auch ziemlich hoch.

Daher wird man hier insgesamt nur sagen können: Hut ab! Die meisten Motive sind wirklich schön eingefangen und zeugen vom Können und der Individualität des Fotografen. Ebenfalls gelungen ist die Auswahl der „Verlassenen Orte“: Aus seinem vielfältigen Portfolio (ein paar Eindrücke gibt es auf dieser Homepage) hat er vor allem im weitesten Sinne soziale und kulturelle Orte ausgewählt. Dabei liefern alte Adelshäuser über Heilanstalten bis zu einem Krematorium eine abwechslungsreiche Mischung. Den weitaus geringeren Anteil mit 5 von 21 nehmen die Fabrikgelände ein.

Abschließend muss bei diesem Bildband noch besonders hervorgehoben werden, dass trotz eines schwarzen Passepartouts die Seiten großzügig ausgenutzt wurden, sogar einige doppelseitige Aufnahmen sind darunter! So macht das Betrachten Spaß.

Zusätzlich zu den Aufnahmen gibt es noch ein paar kleine Happen interessanter Fakten zu den „Verlassenen Orten“, die Anne von der Gönne zusammengestellt hat. Hier dominiert insgesamt eher der unterhaltende Faktor, was insgesamt gut zum Charakter des Buches passt. Nur gelegentlich wären für den Leser vielleicht weitere – oder konkretere – Details wissenswert gewesen (sofern sie denn recherchierbar sind).

Darüber hinaus wäre es bei manchen Fotos sicherlich auch interessant zu wissen, was dort eigentlich zu sehen ist (zum Beispiel: Ist das auf S. 85 ein Boiler? Was sind das für Käfige auf S. 143?). Aber wenn man so gedankenversunken das merkwürdige, schöne Ding auf einer Seite anstarrt und ins Grübeln kommt, dann hat der Fotograf ganz eindeutig etwas richtig gemacht. In diesem Sinne: Bitte mehr von diesen farbenfrohen, verlassenen Orten!

Inhalt

Wer schon einmal in einem verlassenen Haus gestanden hat, der kennt dieses Gefühl: Zwischen abblätterndem Putz und feuchten Böden erscheinen Bilder der Vergangenheit. Trotz Leere und Verfall erfährt der Betrachter immer etwas von den Menschen, die hier einmal gelebt oder gearbeitet haben.
Stefan Dietze geht mit seinen Fotografien auf die Suche nach der Antwort auf die Frage, was bleibt. Pompöse Jugendstilsäle, ehemalige Sanatorien, aber ebenso Fabriken und Industrieanlagen sind seine stillen Zeugen. Die ganz eigene Ästhetik dieser verlassenen Orte fängt er in seinen Bildern ein, die manchmal wie Gemälde wirken. Autorin Anne von der Gönne stellt die Objekte in kurzen Texten vor.

(Quelle: Mitteldeutscher Verlag)

Fotograf und Autorin

Fotograf – Stefan Dietze
geb. 1982, fotografiert seit 2004 verlassene Orte in ganz Europa. Besonderen Wert legt er auf die atmosphärische Bearbeitung seiner Bilder, die gerade im Netz eine große Fangemeinde haben. Dietzes Fotos wurden von zahlreichen international renommierten Zeitschriften und Zeitungen publiziert. Er lebt und arbeitet als freiberuflicher Fotograf und Radioproduzent in Leipzig.

(Quelle: Mitteldeutscher Verlag)

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Autor – Anne von der Gönne
geb. 1982, hat in Leipzig und Paris Medienwissenschaften studiert. Sie arbeitet seit über zehn Jahren als freiberufliche (Film-)Journalistin und Medienmanagerin. Dabei war sie bereits für zahlreiche internationale Unternehmen wie Filmfestivals, Charity-Organisationen, Fernsehsender und Werbeagenturen als Beraterin tätig.

(Quelle: Mitteldeutscher Verlag)

Details

Format: Gebundene Ausgabe
Vö-Datum: 10.02.2015
Seitenzahl: 160
ISBN: 978-3954624478
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Mitteldeutscher Verlag

Copyright Cover: Mitteldeutscher Verlag



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer