Review

Pulp-Krimi und Hardboiled in New York

Erst jüngst haben wir die neuen Alternativwelt-Abenteuer rund um den 30er-Jahre-Spider-Man mit „Spider-Man Noir: Berlin bis Babylon“ besprochen und dem Band eine stimmungsvolle und atmosphärische Geschichte attestiert.

Wer jetzt so richtig Lust auf einen der Helden aus dem Animations-Hit „Spider-Man: A New Universe“ hat, der darf sich über die üppige „Spider-Man Noir Collection“ im formschönen Hardcover-Sammelband freuen. Umfasst sind vorliegend die ersten Noir-Abenteuer des Helden sowie insbesondere dessen Origin-Story. Insgesamt versammeln sich hier die ersten Parallelwelt-Geschichten „Spider-Man Noir (2009) #1-4″ und „Spider-Man Noir: Eyes Without a Face (2010) #1-4“ sowie die Spider-Verse-Kapitel „Edge of Spider-Verse (2014) 1“, „Spider-Verse Team-Up (2015) 1 (II)“ und schließlich „Spider-Geddon: Spider-Man Noir Video Comic (2019) 1“.

Erdacht wurde der Noir-Spider-Man von den Comic-Autoren Fabrice Sapolsky und David Hine sowie dem italienischen Zeichner Carmine Di Giandomenico, während das Kostüm vom deutschen Zeichner und Konzeptkünstler Marko Djurdjević entworfen wurde.

Die Künstler katapultieren den Leser dabei zunächst in ein alternatives New York der 1930er, das im festen Griff der Großen Depression steckt.

Alles ein bisschen düsterer

In dieser Welt ist hinsichtlich des Spidey-Mythos einiges ähnlich, aber vieles ist auch ganz anders.

So wird der Reporter Peter Parker auch hier nach einem schicksalhaften Spinnenbiss zum netzschwingenden Helden Spider-Man – wenn auch nicht durch den Biss einer radioaktiven Spinne. Dessen ungeachtet beherrschen Gangster New York mit fester Hand. Zu diesen gehören insbesondere Gangsterboss Norman Osborn, der Geier Adrian Toomes, der hier ein echter Menschenfresser ist, oder auch die Nazi-Mengele-Variante des Dr. Octopus Otto Octavius, der mit großer Vorliebe menschenverachtende medizinische Experimente durchführt.

Wie gesagt, alles ein wenig anders – und vor allem ist es deutlich finsterer als sonst.

Auch in der Noir-Welt ergibt sich indessen eine Liaison zwischen Spider-Man Peter Parker und der verführerischen Black Cat Felicia Hardy („Spider-Man/Black Cat: Das Böse in dir“); wobei Felicia vorliegend eine verruchte Nachtclubbesitzerin ist, die es – wiederum wie gewohnt – faustdick hinter den Ohren hat und mit allen Wassern gewaschen ist.

Das Mantra von großer Kraft und großer Verantwortung hat auch im New York der 1930er noch seine Gültigkeit. Indes agiert der Netzschwinger eher als finsterer Rächer, der auch vor dem Einsatz von Schusswaffen nicht zurückschreckt, denn als Sprüche klopfender Held der Nachbarschaft.

Ein finsterer Held für finstere Zeiten

Gleich den ersten Abenteuern von Spider-Man Noir, inszeniert von David Hine, Fabrice Sapolsky sowie Carmine Di Giandomenico, merkt man an, wie viel Spaß es den Machern bereitet hat, den beliebten Spidey-Mythos im Kultgenre des Krimi-Noir wieder und vor allem neu aufleben zu lassen. In dieser liebevollen Alternativwelt sind sämtliche Charaktere aus der Welt des Wandkrabblers dem übergeordneten Noir- und Krimi-Konzept untergeordnet. Und das funktioniert wirklich wunderbar. Wir sehen ein überaus pessimistisches New York zur Zeit der Großen Depression, eine desperate Metropole, bevölkert von verlorenen Großstadtseelen und gezeichnet von Armut und Verbrechen.

Leseprobe aus „Spider-Man Noir Collection“.
(Copyright: Panini Comics)

In einem solchen Setting steht einem Norman Osborn die Rolle des Gangsterbosses naturgemäß deutlich besser als die eines Industriemagnaten. Für die übrigen Schurken aus Spideys Welt gilt nichts anderes. Alle haben einen zur Atmosphäre passenden Anstrich erhalten: Hier gibt es zynische und kaltblütige Berufsverbrecher, psychopathische Killer und Menschenfresser, Nazi-Wissenschaftler und nicht zuletzt die (obligatorische) extravagante Femme fatale. In einer solchen Welt muss auch ein Spider-Man seine Methoden den Pulp-Krimi-Gegebenheiten anpassen.

Und zu dieser Noir-Variante Spider-Mans passt auch das düstere und erwachsene Artwork von Zeichner Carmine Di Giandomenico wie die Faust aufs Auge.

Naturgemäß fallen die weiteren Kapitel zu den Wandkrabblern verschiedener Realitäten („Spider-Man: Spider-Verse“, „Spider-Verse: Spider-Zero“) da weniger durch einen derart besonderen Charme – sowohl erzählerisch als auch in visueller Hinsicht – auf. Denn immerhin ist Spider-Man Noir in diesen Geschichten nur ein Spidey unter vielen und muss sich wie alle anderen im Kampf den Inheritors entgegenstellen, die es auf die Lebensenergie der Netzköpfe abgesehen haben. Diese Geschichten sind folglich weniger dem besonderen Krimi-Noir-Konzept zuzuordnen als vielmehr den großen Events um die Web-Warriors.

So ist das Bessere sicherlich nicht der Feind des Guten, aber gerade die ersten Abenteuer sind einfach spezieller und schon deshalb einprägsamer und lesenswerter.

Fazit

Eine schöne und umfangreiche Hardcover-Ausgabe mit einem alternativen Spider-Man in einer Welt voller Noir-, Krimi- und Hardboiled-Abenteuern.


Spider-Man: Noir Collection

Inhalt

In einer Alternativwelt lebt der Reporter Peter Parker im Jahr 1933 – und Gangster beherrschen New York zur Zeit der Großen Depression. Nach einem schicksalshaften Spinnenbiss sagt Peter ihnen als Spider-Man den Kampf an.

In dieser Krimi-Noir-Variante des Spidey-Mythos kämpft er gegen Goblin, Kraven und viele mehr. Und kann er der verführerischen Felicia Hardy trauen, ehe er sogar durchs Spider-Verse reist?

(Quelle: Panini Comics)

Autoren

DAVID HINE begann seine Karriere Anfang der 1980er in England als Autor, Zeichner und Tuscher. Zu den wichtigsten Werken aus der Feder des 1956 geborenen Briten gehören SPAWN, DAREDEVIL: DIE ABRECHNUNG, SON OF M, eine X-MEN-Miniserie während des Civil War-Crossovers, District X, Inhumans: Silent War, The Darkness und diverse Comics aus der Welt von Batman. Doch er inszenierte auch mehrere neue Fälle für Will Eisners Spirit oder eigenständige Titel wie The Bulletproof Coffin und The Marked.

FABRICE SAPOLSKY lebt heute in New York, wurde allerdings 1970 in Paris geboren. Für den französischen Albenmarkt setzte der Grafikdesigner als Autor Black Box mit Spidey-Koryphäe Tom Lyle um, außerdem schuf er mit Ariel Olivetti die unabhängige US-Serie One-Hit Wonder. Bereits Ende 1998 lancierte Sapolsky das französische Fachmagazin Comic Box über US-Comics.

ROGER STERN schrieb ab Ende der 1970er lange, prägende Storys mit Spider-Man, den Avengers, Dr. Strange, Captain America, Hulk und Superman. Er schuf den Spidey-Widersacher Hobgoblin, Nebula und Monica Rambeau. Überdies gehörte er zum Kreativteam, das Clark Kent sterben und nach seiner Rückkehr Lois Lane heiraten ließ.

(Quelle: Panini Comics)

Details

Format: Hardcover
Vö-Datum: 09.02.2021
Originalausgaben: Edge of Spider-Verse 1, Spider-Geddon: Spider- Man Noir Video Comic, Spider-Man Noir (2009) 1-4, Spider-Man Noir: Eyes Without A Face 1-4, Spider-Verse Team-Up 1 (II)
Seitenzahl: 260
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Panini Verlag

Copyright Cover: Panini Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)