Review

Vater und Sohn

Regisseur J. J. Abrams („Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“, „Super 8“) gilt als einer der einflussreichsten und renommiertesten Filmemacher der Gegenwart und galt – jedenfalls lange Zeit – als der legitime Nachfolger von Regie-Held Steven Spielberg. Etliche eingefleischte „Star Wars“-Fans werden aufgrund dessen jüngster Beiträge zur Skywalker-Saga diesbezüglich sicherlich eine ganz andere Ansicht vertreten. Aber seis drum, diese Diskussion soll an dieser Stelle nicht geführt werden.

Es sorgt jedenfalls auch in der Welt der Comics für Furore, wenn das Haus der Ideen verlautbaren lässt, dass der Hollywood-Regisseur eine eigenständige Geschichte über den Netzschwinger vorlegt. So geschehen im Fall von „Spider-Man: Bloodline“ bzw. – hierzulande unter dem Titel – „Spider-Man: Cadaverous“, welche dieser gemeinsam mit seinem Sohn Henry erdacht hat.

Ob das Gedankenkonstrukt der Familie Abrams zu überzeugen vermag, berichten wir hier.

Finstere Alternativwelt

In einer düsteren Zukunftsvision sind die Helden gefallen. Der mächtige Cyborg-Schurke Cadaverous wütet und der Netzschwinger Peter Parker stellt sich diesem für einen finalen Kampf entgegen. Doch auch die Familie Parker wird von einem Schicksalsschlag getroffen: Mary Jane wird – vor Peters Augen – auf grausame Art und Weise ermordet.

Jahre später ist die Beziehung zwischen Peter und seinem Sohn Ben – gelinde gesagt – angespannt. Der Familienvater ist überwiegend auf Geschäftsreise, weshalb Ben bei seiner Großtante May aufwächst. Eines Tages findet der problemgeplagte Teenager allerdings das Spidey-Kostüm seines Vaters auf dem Dachboden, während sich erstmals seine geerbten Superkräfte zeigen. Keine Sekunde zu früh, denn Cadaverous hat es nach wie vor auf Spideys Familie abgesehen. Gemeinsam mit einem abgehalfterten Tony Stark, Riri Williams alias Ironheart und seiner Schulfreundin Faye Ito beginnt Ben Parker seine Karriere als Nachwuchs-Netzschwinger.

Grosse Namen machen noch keine grosse Geschichte

Düstere oder zumindest eigenständige Alternativwelt-Comics bergen oftmals einen gewissen Reiz.
Man denke nur an die Klassiker „Wolverine: Old Man Logan“ (oder die gelungene Vorgeschichte „Old Man Hawkeye 1 (von 2): Auge um Auge“, „Old Man Hawkeye 2 (von 2): Das Vermächtnis“), „Batman: Die Rückkehr des Dunklen Ritters“ oder aus der Welt des Spinnenhelden „Spider-Man: Das Regime“.

Mit einer ordentlichen Ladung Endzeitstimmung kommt auch das Werk von Vater und Sohn Abrams daher. Dass das allerdings per se nicht für einen guten Comic ausreicht, zeigt „Spider-Man: Cadaverous“ ebenfalls anschaulich. Die düstere Vision von Spider-Mans Zukunft sowie den Anfängen von Peters und Mary Janes Sohn Ben gerät in seiner Gesamtheit ziemlich unterwältigend.

Leseprobe aus „Spider-Man: Cadaverous“. (Copyright: Panini Comics)

Die vorgestellte Welt fühlt sich bis zum Ende nicht lebendig an. Die Motivation der Figuren und insbesondere des Schurken Cadaverous bleibt blass und vermag nicht zu packen. Die Backstory und die Backstory wound spielen dabei naturgemäß eine zentrale Rolle – und diese wird überaus schwammig und verschwurbelt in die Geschichte eingeflochten. Es gesellen sich lahme Cyborg-Avengers, weitere stereotype gesichtslose Bösewichte und vor allem ein Vater-Sohn-Konflikt ohne besonders dramatische oder gar emotionale Tiefe hinzu. Eine Handlung, Charaktere, ein Comic wie am Reißbrett entworfen.

Da gerät selbst der (vermeintlich) besondere Moment, in dem sich Peters und Mary Janes Sohn entschließt, das legendäre Rot und Blau überzustreifen, zur müden Begleiterscheinung.

Selbst die langjährige und begnadete italienische Zeichnerin des Nachwuchs-Netzschwingers Miles Morales, Top-Zeichnerin Sara Pichelli („Miles Morales: Ultimate Spider-Man“, „Spider-Men I: Identitätskrise“), vermag diese unterdurchschnittliche Lektüre nicht auf ein höheres Niveau zu heben. Im Gegenteil: auch Pichellis Zeichnungen haben in der Vergangenheit schon deutlich besser ausgesehen.

Fazit

Eine unabhängige, aber ganz bestimmt keine sensationelle Spider-Man-Geschichte. Diesem Buch wird meines Erachtens kein Klassiker-Status in der langjährigen Riege der (Parallelwelt-)Abenteuer der Spinne beschieden sein.


Spider-Man: Cadaverous

Trailer

Inhalt

Die denkwürdige Spider-Man-Saga von J. J. Abrams und seinem Sohn Henry beginnt mit dem Cyborg-Schurken Cadaverous, der Peters große Liebe Mary Jane tötet! Ihr Sohn Ben wächst bei Tante May auf, hat in der Schule viel Ärger und ein mieses Verhältnis zu seinem Vater. Und die Vergangenheit ruht nicht: Ben entdeckt seine Kräfte und Peters altes Kostüm.

(Quelle: Panini Comics)

Autoren

J. J. ABRAMS
wurde 1966 in New York geboren, wuchs aber in Los Angeles auf. Er half bei der Erschaffung von Fernsehserien wie Felicity, Alias – Die Agentin und Fringe – Die Grenzfälle des FBI, außerdem war er einer der kreativen Hauptverantwortlichen hinter Lost. Während er an den Drehbüchern zu Filmen wie Forever Young und Armageddon mitschrieb, verwirklichte er später als Drehbuchautor und vor allem Regisseur viele Blockbuster, darunter Mission: Impossible III und die Steven Spielberg-Hommage Super 8. Als Produzent realisierte er neben seinen eigenen Projekten aber z. B. auch den Film Cloverfield und Serien wie Person of Interest, Almost Human und Westworld. Und natürlich spielte Abrams eine entscheidende Rolle beim Reboot des Star Trek-Film-Universums und bei den Star Wars-Fortsetzungen Das Erwachen der Macht und Der Aufstieg Skywalkers, an denen er Regie führte und in deren Drehbücher er involviert war.

HENRY ABRAMS
ist der Sohn von J. J. Abrams und ein großer Comic-Fan. Er arbeitete als Produktionsassistent an einigen Filmen seines Vaters mit, etwa Star Wars: Das Erwachen der Macht oder The Cloverfield Paradox. Zudem gehörte er zum Design-Team am Film Ready Player One und am Kurzfilm La Sirena.

(Quelle: Panini Comics)

Details

Format: Softcover
Vö-Datum: 16.02.2021
Originalausgaben: Spider-Man (2019) 1-5
Seitenzahl: 140
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Panini Comics

Copyright Cover: Panini Comics



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)