Review

Scott McCloud, Autor des bekannten Werks „Comics richtig lesen – Die unsichtbare Kunst“ erweitert sein Portfolio 2015 mit seiner ersten Graphic Novel. Der Namen, der sich auf Deutsch viel unspektakulärer anhört, als auf Englisch: „Der Bildhauer“. Mit einem unauffällig kitschigen Cover und einer scheinbar nicht sonderlich innovativen Story.

Der nur marginal erfolgreiche Bildhauer David Smith lebt für die Kunst. Und er ist so davon überzeugt, sich einen Namen machen zu müssen, dass er einen Deal mit dem Tod persönlich eingeht. Von da an kann er mit seinen bloßen Händen jegliche Materie nach seinen Wünschen verformen. Doch der Preis für diese Fähigkeit ist eine restliche Lebenszeit von 200 Tagen.

Allerdings entwickelt sich alles anders, als in eine weniger gottähnliche Richtung, die David vorantreiben soll. Auch wenn er nun alles erschaffen kann, werden seine Arbeiten von der Szene immer noch nicht wahr- oder ernst genommen. Ebenfalls legt ihm der Alltag immer wieder Steine in den Weg, unter anderem einen der größten, nämlich die Liebe. Dadurch, dass „Der Bildhauer“ eben keine überlegene Wendung birgt und es immer noch darum geht, sich selbst zu finden, wirkt die Story durchgehend menschlich und weniger übernatürlich.

McClouds Zeichnungen spiegeln ebenfalls Davids Kampf mit sich selbst passend wider. Neben schwarz, wurde alles in einen bläulichen Ton getaucht, der auch die fröhlicheren Szenen irgendwie drückend wirken lässt.
Sein Stil ist ein typischer Comic-Stil mit viel Gescribble für die Hintergründe und Details. Wenn es allerdings um die Close-ups geht, zeigen sich die Zeichnungen deutlich nüchterner und vor allem fokussiert.

Eins der wohl markantesten Mittel, wenn es um das Abarbeiten von z.B. Flashbacks geht, ist die Verwendung von einzelnen Panels, die nur das Nötigste erklären. Davids Rückblick auf sein Leben und seine Familie wurde mit so drastischen Sprüngen zwischen den Bildern beschrieben, dass es einem wie eine emotionale Achterbahnfahrt nach unten vorkommt. Auch der dadurch erzeugte Vorspuleffekt gegen Ende von „Der Bildhauer“ ist wirklich ein dramatisches Auf und Ab der Ereignisse.

Scott McCloud (Coypright: Scott McCloud)

Scott McCloud (Coypright: Scott McCloud)

Ab einem bestimmten Punkt, irgendwo zwischen dem Character-Development und Davids Versuchen, einen Platz in der Kunstwelt zu finden, merkt man, wie die Zeit einem durch die Finger zu gleiten scheint. Als Leser wird man nach Davids positiveren Erlebnissen immer wieder daran erinnert. Und das lässt einen wirklich mit David mitfühlen, da er einen durchaus liebenswerten Protagonisten darstellt. Trotz seiner traurigen Vergangenheit wirkt er überraschend naiv und stellenweise auch tollpatschig. Im Kontrast dazu seine gezeichnete Mitspielerin Meg, die neben ihrem „Mädchen von nebenan“-Image noch ein paar Dinge zu verbergen scheint.

Mit knapp 500 Seiten kommt „Der Bildhauer“ auch gut an Roman-Niveau heran. Aber auch wenn man kein Freund von Büchern ohne Bilder ist, sollte einen das nicht abschrecken, es liest sich alles sehr flüssig. Die Dialoge klingen nicht hochgestochen, sondern stellenweise mitunter sehr salopp. Geben die Figuren dennoch mal etwas Geschwollenes von sich, wird das im nächsten Zug durch einen Spruch mit sarkastischem Unterton wieder ausgehebelt. Schwer zu glauben, wie in dieser durchgehend drückenden Stimmung immer noch Zeit für Humor gefunden werden kann.

Als abschließendes Fazit soll an dieser Stelle kurz auf die Danksagung des Autors eingegangen werden. Dort beschreibt McCloud ein paar Parallelen von „Der Bildhauer“ zu seinem eigenen Leben. Diese letzten Sätze nach Beendigung der Graphic Novel zu lesen, berührt den Betrachter zusätzlich und lässt einen das Gelesene noch einmal reflektieren.

Diese Graphic Novel lässt das Karussell der Gefühle ordentlich kreisen, besonders weil die Story immer wieder ins Negative zu kippen scheint. Die drastische Darstellung McClouds sorgt für eine Menge Momente, in denen man einfach schlucken muss. Das Konzept ist zwar kein besonders originelles, aber durch die Umsetzung zeigt sich „Der Bildhauer“ sehr verletzlich, was sich automatisch auf den Leser überträgt und ihn in die Geschichte hineinzieht. Wirklich eine gelungene erste Graphic Novel.

Inhalt

David Smith ist Bildhauer. Talentiert, aber nicht berühmt. Deshalb nimmt er auch allzu gerne das faustische Angebot an, jede Skulptur, die er sich vorstellen kann, mit seinen Händen erschaffen zu können, ganz gleich aus welchen Materialien. Auch wenn der Preis für diese Kunst sein Leben ist. Doch David hat dabei zwei Dinge nicht bedacht: Die Schwierigkeit ein Kunstwerk für die Ewigkeit zu erschaffen und … die Liebe. Er hat nur 200 Tage, um beidem gerecht zu werden.

Es gibt nur wenige moderne Comicschöpfer, die so großen Einfluss auf die künstlerische Konstruktion von Comics hatten wie der Amerikaner Scott McCloud. Nach seinen berühmten Standardwerken über Comics („Comics richtig lesen“, „Comics neu erfinden“ und „Comics machen“) hat er nun endlich seine erste große Graphic Novel geschrieben. Auf fast 500 Seiten nimmt er den Leser mit auf eine einzigartige Reise durch die Kunstwelt und die Seele eines Künstlers. Mit jedem Panel beweist McCloud seine große Fähigkeit, mit Bildern erzählen zu können.

(Quelle: Carlsen Verlag)

Autor

Der in Kalifornien lebende Autor und Cartoonist wurde 1960 in Boston, Massachusetts, geboren. Nach seinem Collegeabschluss ging er nach New York und fing 1982 bei dem Comicverleger DC Comics im Production Department an. In seiner Freizeit entwickelte er seine erste eigene Superheldenserie „Zot“, die ihm 1985 den Russ Manning Award als vielversprechendster Newcomer einbrachte.

McCloud gilt als einer der führenden Comictheoretiker. Sein Werk „Comics richtig lesen“ (1993) ist eine Analyse des Mediums Comic, welches die Vielseitigkeit und Tiefgründigkeit dieser Kunstform zu porträtieren versucht. Mithilfe einer autobiografischen Comicfigur führt McCloud den Leser in Form eines fortlaufenden Comics durch das Buch und gibt einen Überblick über die Geschichte, Sprache und die Darstellungsformen von Comics. Seine praktische Herangehensweise, ein theoretisches Werk nicht nur mit einzelnen Beispielen zu unterstützen, sondern es vollständig in der untersuchten Form zu verfassen, machte dieses Werk so bedeutend und brachte ihm Lob von namhaften Comic- und Graphic-Novel-Autoren wie Art Spiegelman, Will Eisner, Neil Gaiman und Garry Trudeau ein. 2000 folgte „Comics neu erfinden“, welches sich noch stärker mit den formalen Aspekten aus „Comics richtig lesen“ auseinandersetzt und zusätzlich das Potenzial des digitalen Zeitalters für die Comicbranche beleuchtet. Den vorläufigen Abschluss bildete 2006 „Comics machen“ ein praktisch orientierter Wegweiser zum Verfassen von Comics und Graphic Novels. Seine comictheoretischen Bücher wurden in 16 Sprachen übersetzt.

Scott  McCloud ist zudem der Erfinder des 24-Stunden-Comics; eines Comics, der 24 Seiten umfasst und innerhalb von 24 Stunden komplett fertiggestellt werden muss. McCloud gilt als einer der ersten Comicautoren, die das Potenzial des Internets als Medium für den Comic entdeckten. Er selbst verfasst bereits seit Ende der neunziger Jahre digitale Comics, bei denen er lediglich den Entwurf auf Papier zeichnet und anschließend alles weitere digital bearbeitet.
Sein aktuelles Werk produzierte er ausschließlich digital. Er verzichtete dabei fast vollständig auf die Verwendung von herkömmlichen Materialien. Neben seiner kreativen Arbeit ist McCloud Dozent für digitale Medien am M.I.T. Media Lab und der Smithsonian Institution.

Scott McCloud lebt mit seiner Familie im US-Bundesstaat New England.

(Quelle: Carlsen Verlag)

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Details

Format: Hardcover
Vö-Datum: 17.03.2015
Seitenzahl: 496
ISBN: 978-3-551-78840-5
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Christopher