Review

Farm der Tiere“, 1945 erstmals veröffentlicht, ist eines von George Orwells Meisterwerken und einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts, vielleicht sogar der wichtigste Roman, der in Form einer Tierfabel – die universelle und zeitlose Erzählgattung par excellence – die größte Tragödie seiner Epoche schildert: den Zerstörungsprozess demokratischer Errungenschaften durch blutrünstige Diktatoren. […]

Aber das 20. Jahrhundert ist nicht nur die Geschichte einer Folge von misslungenen Kämpfen für Freiheit und Gerechtigkeit. […] 

George Orwell hat es also erkannt. Aber er hat nicht alles erkannt.“

Auszug aus der Einleitung zu „Schloss der Tiere 1: Miss Bengalore“ von Xavier Dorison, Splitter Verlag

Mit der Comic-Reihe „Le Château des Animaux“ präsentiert Autor Xavier Dorison eine Hommage an George Orwell und insbesondere eine Hommage an dessen zeitloses Werk „Animal Farm“. Die Hochachtung des Comic-Autors für diesen Meilenstein der Literatur des 20. Jahrhunderts ist sofort greifbar. Und dennoch ist es nicht Dorisons Bestreben, die Gedanken Orwells lediglich zu recyceln; vielmehr soll die Tierfabel um eigene Gedanken und Erkenntnisse angereichert werden. Mit seinem Werk möchte der Franzose den mutigen gewaltlosen Widerstandskämpfern des 20. Jahrhunderts ein angemessenes Denkmal setzen.

Fortschritt, Aufbruch, Zukunftsglaube sowie die Beseitigung von Ungerechtigkeiten bedurften und bedürfen nicht notwendigerweise der Gewaltanwendung. Und so ist „Schloss der Tiere“ auch ein Ehrenerweis für Mahatma Gandhi, Martin Luther King Jr., Nelson Mandela, Lech Wałęsa und weitere Freiheitskämpfer gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit.

Farm der Tiere 2.0

Wir befinden uns auf einer von Menschen verlassenen Burg mitten im Wald. Vor langer Zeit beschlossen die Tiere, ohne ihre Herren in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu leben – doch die Republik scheiterte.

Als Präsident und Diktator führt der Stier Silvio mit eisernem Huf ein unnachgiebiges Regime, in dem jedes Tier aufs Wort zu gehorchen hat. Freiheit und Gleichheit für jedermann sind nur noch eine Illusion, ein Traum längst vergangener Zeiten. Wie schon in „Animal Farm“ wird auch hier der Anführer des Regimes von Hunden unterstützt. Diese sind ihrem Herrn gegenüber absolut loyal; der übrigen Bevölkerung gegenüber jedoch unbarmherzig, rücksichtslos, blutrünstig und brutal. Silvio lässt es sich auch nicht nehmen, Handelsbeziehungen mit den einst verhassten Menschen aufzubauen.

In dieser Welt leben auch die umsorgende Katzen-Mutter Miss Bengalore, das begehrte Gigolo-Kaninchen Cäsar und die überaus weise Ratte Azelar Graugreis. Als sich die politische und soziale Lage weiter zuzuspitzen droht, beschließen die drei Tiere, in den aktiven, aber gewaltlosen Widerstand zu gehen, einen ersten Schritt zu tun, auf dem langen Weg zur Freiheit.

Bewertung

Mit „Schloss der Tiere 1: Miss Bengalore“ ist Autor Xavier Dorison ein wunderbarer Auftakt zu seiner Tierfabel gelungen.

Leseprobe aus „Schloss der Tiere 1: Miss Bengalore“.
(Copyright: Splitter Verlag)

Die Parallelen zu George Orwell sind ebenso unverkennbar wie die Hommage an die gewaltlosen Widerstandskämpfer des vergangenen Jahrhunderts. Wenn die Ratte den anderen Tieren von den menschlichen Wegbereitern des versöhnlichen Übergangs aus einem repressiven System hin zum bürgerlichen Zusammenleben berichtet, dann sieht ihr Schatten an der Wand nicht von ungefähr wie Mahatma Gandhi aus; der „kleine Fakir„, der dazu aufrief, nicht zu gehorchen, aber eben auch nicht gewalttätig zu werden.

Gepaart mit den großartigen Bildern von Zeichner Félix Delep erhält der Leser hier ein starkes Comic-Buch. Delep erweckt das gleichermaßen intelligente wie kurzweilige Szenario mit seiner Arbeit zum Leben. Die ausdrucksstarken Figuren Deleps könnten auch aus dem Hause Disney stammen und wirken erfrischend frech und überaus menschlich. Vereinzelte Gewaltspitzen erinnern daran, dass wir kein Werk des Unternehmens mit den Micky Maus-Ohren lesen. Kaum zu glauben, dass Félix Delep vorliegend sein Erstlingswerk abliefert.

Fazit

„Schloss der Tiere 1: Miss Bengalore“ ist eine gekonnte Modernisierung von George Orwells Fabel „Farm der Tiere“ und kommt dank Félix Deleps Arbeit mit ausdrucksstarken Helden und Antagonisten daher.

Trailer

Inhalt

Irgendwo in Frankreich, auf einem von den Menschen vergessenen Bauernhof, liegt das Schloss der Tiere. Vom Stier Silvio mit eisernem Huf geführt, stellt die Republik ein Eiland der Solidarität und des Gemeinschaftssinns dar. So zumindest das Ideal, doch die Fassade ist rissig: Als das Huhn Adelaide aus fadenscheinigen Gründen von Silvios Hundemeute exekutiert wird, beschließt Katzendame Miss Bengalore, dass ihre Jungen nicht in diesem repressiven System aufwachsen sollen. Zusammen mit dem Gigolo-Kaninchen Cäsar und der weisen Ratte Azelar tritt sie in den Widerstand ein – mit Ungehorsam und Humor gegen Reißzähne und Krallen.

Die Parallelen zur »Farm der Tiere« kommen nicht von ungefähr. Xavier Dorisons (»Long John Silver«, »Undertaker«) scharfsinnige Modernisierung von George Orwells Fabel hält uns einen Spiegel vor, in dem wir unbequeme Wahrheiten erkennen müssen. Der ausdrucksstarke Strich von Félix Delep, der ein eindrucksvolles Erstlingswerk abliefert, haucht seinen tierischen Protagonisten so viel Menschlichkeit ein, dass die Unmenschlichkeit der Diktatur umso stärker hervortritt.

(Quelle: Splitter Verlag)

Autor

Xavier Dorison
studierte eigentlich an einer Hochschule für Wirtschaft, an der er auch ein Comic-Festival organisierte. Mit dem Skript für »Das dritte Testament« (gezeichnet von Alex Alice) gelang ihm jedoch auf Anhieb ein Bestseller, sodass er in der Folge nur noch als Autor tätig war. Alles, was Xavier anfasste, gelang: »Prophet« mit Matthieu Lauffray, »Heiligtum« mit Christophe Bec, »W.E.S.T.« mit Fabien Nury und Christian Rossi und nicht zuletzt »Undertaker« mit Ralph Meyer, sein bisher größter Erfolg. Dabei wechselt er scheinbar mühelos zwischen den Genres und Stilen, sodass ihm inzwischen sogar die legendäre Serie »Thorgal« anvertraut wurde.

(Quelle: Splitter Verlag)

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 12.06.2020
Seitenzahl: 72
ISBN: 978-3-96219-185-6
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)