Review

Der zweite Band von Satoshi Kons Werk „Opus“ steht in Carlsens Startlöchern. Und Protagonist Chikara, Schöpfer des Mangas „Resonance“, findet sich erneut in ebenjenem wieder. Allerdings scheinen die Ereignisse außer Kontrolle zu geraten. Schauplätze zerfallen und es entstehen die ersten Risse in vergangenen Handlungssträngen. Doch nicht nur die Grenzen des inneren Plots verschwimmen immer mehr, sondern für den Autor auch Realität und Fiktion.

So taucht man als Leser buchstäblich in die Welt von „Resonance“ ein. Ereignisse, die im ersten Band nur angeschnitten wurden, werden nun detaillierter aufgegriffen. Man liest quasi einen Manga in einem Manga rückwärts. Und dazu wird einem dieser Manga auch noch durch eine spannende Story und drastische Zeichnungen schmackhaft gemacht. Außerdem agieren die Charaktere aus dem Manga „Opus“ mit den Charakteren aus „Resonance“, die mit ihren Charakteren aus der Vergangenheit konfrontiert werden. Na gut, besser nicht zu lange darüber nachdenken, sondern einfach diese herrliche Verschachtelung genießen.

Leider muss ich zugeben, dass ich mich im Review zum Vorgänger von der typischen Satoshi Kon Story hab blenden lassen. Sonst hätte ich wohl nicht sofort fünf Sterne gegeben. Zum einen sind die Charaktere teilweise doch sehr platt. Das kann man von diesem Band nicht mehr behaupten, weil ihnen noch mehr Platz gelassen wurde. Und zum anderen hätte ich noch bemängeln müssen, dass keine direkte visuelle Linie zwischen der „Realität“ und der „Fiktion“ in „Opus“ gezogen wurde. So standen alle Charakteren irgendwie auf einer Ebene. Etwas, das in Band 2 ebenfalls wegfällt, sobald man das „Ende“ hinter sich hat.

Aber warum das „Ende“ denn in Anführungsstrichen? Satoshi Kon plante „Opus“ damals als experimentelle Unterhaltungsserie, die sich im Verlauf immer weiter ausbaute. Allerdings endete die Serie abrupt, als die Einstellung des Magazins bekannt wurde. Daher erfährt der zweite Band keinen richtigen Abschluss. Dennoch gab es eine Entwurffassung des Schlusskapitels, mit dem „Opus“ inoffiziell und nachvollziehbar beendet wurde.

Dieses ist auch im zweiten Band enthalten. Wie ist es? Sagen wir mal so, es entspricht einem Satoshi Kon. Es ist schwer zu sagen, was man davon halten soll, ohne viel zu spoilern. Irgendwie ergibt es schon einen Sinn, aber es wirkt auch arg abgehackt.

Satoshi Kon (Copyright: Satoshi Kon)

Satoshi Kon (Copyright: Satoshi Kon)

Im Gegensatz zum ersten Band, der an vielen Stellen auch witzig war, fährt „Opus 2“ auf einer ernsteren Schiene. Besonders die „Flashbacks“, durch die sich die Protagonisten bewegen, weisen eine Menge vom Sci-Fi-Thriller Genre auf. Etwas, was die Zeichnungen zur Genüge widerspiegeln. Die Entstehung des Antagonisten aus einem psychisch Gestörten wird zwar schnell abgearbeitet, aber die Szenen sprechen für sich. Sei es durch das Spielen mit den Schatten, den Gesichtsausdrücken oder der typischen angespannten Atmosphäre.

Ansonsten ist „Opus 2“ stets realitätsnah – wie auch immer man das in einem Manga definieren kann – und schön anzusehen; gut ausgearbeitete Hintergründe und ein paar super Perspektiven, besonders wenn die Personen durch die Risse in der Story einen Blick auf das Geschehen eines anderen Mangabands werfen.
Auch Action gibt es wieder, wobei die Szenen nur auf das Nötigste ausgeweitet worden sind, etwas, das aber nicht gegen „Opus“ spricht, da der Fokus deutlich auf anderen Stärken des Mangas liegt.

Und so endet Satoshi Kons „Opus“. Ist man danach zufrieden? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Bis zu dem Konzept-Ende überzeugte die Reihe mit einer Menge optischer Vielfältigkeit und einem Plot, der tiefer geht, als es auf den ersten Blick scheint. Alles in allem reiht sich „Opus“ in die durchgehend guten Werke Satoshi Kons ein, die er hinterlassen hat.
Gerade weil es unvollständig ist und Kon der Serie ein Ende gegeben hat, so simpel, wie nur er es kann, bleibt ein sympathischer Eindruck am Schluss übrig. Zwei durchaus lesenswerte Bände, von Anfang bis Ende.

Handlung

In dem zweiteiligen Werk „Opus“ wird der Protagonist, ein Manga-Zeichner, förmlich in sein Werk hineingezogen und ist plötzlich mit den Geschehnissen und Charakteren der von ihm kreierten Welt konfrontiert.

2013 wurde „Opus“ in Frankreich mit dem „Prix Asie de la Critique ACBD“ prämiert und 2014 auf die Shortlist des Comic-Salons Angoulême der besten Comics gesetzt.

(Quelle: Carlsen Verlag)

Autor

Satoshi Kon (1963-2010) zählt zu den renommiertesten Anime-Regisseuren der Gegenwart. Seine Filme überzeugen durch ihre virtuose Umsetzung und das geschickte Spiel mit den Grenzen zwischen Fiktion und Realität.

Genau diese Qualitäten offenbaren auch seine Manga-Werke, die erst vor kurzem in Japan wiederveröffentlicht wurden.

(Quelle: Carlsen Verlag)

Satoshi Kon – Homepage
Satoshi Kon – Tumblr

Details

Format: Taschenbuch, Softcover
Veröffentlichung: 28.04.2015
Seitenzahl: 178
Alter: empfohlen ab 14 Jahren
ISBN: 978-3-551-76869-8
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Christopher