Review

Erotische Romane gibt es wie Sand am Meer. Außergewöhnliche erotische Romane hingegen stechen nur selten aus der Vielzahl an Publikationen des Genres heraus. Der Österreicherin Sabina Naber ist mit „Renata geht tanzen“ ein solcher Rohdiamant gelungen, der allerdings an einigen Stellen noch hätte geschliffen werden können.

Beginnt man die Geschichte um die Protagonistin Renata, so wirken sowohl die Figur als auch ihre Handlungen und Erlebnisse zunächst oftmals skurril. Nur schwer wird der Leser mit ihr anfangs warm. Obschon aus der Ich-Erzählperspektive geschrieben, die normalerweise umgehend eine Nähe zwischen Figur und Leser schafft, scheint hier von Beginn an eine Kluft zu bestehen, die nur mühsam im weiteren Leseverlauf überwunden wird. Man wird nicht schlau aus Renata und die oftmals in aller Deutlichkeit ausgedrückten Ekel-Momente, die das eine oder andere Mal Assoziationen zum Roman „Feuchtgebiete“ sowie eine gewisse Fremdscham aufkommen lassen, wecken ihr gegenüber nicht gerade nennenswerte Sympathien. Im Gegenteil, stellenweise fühlt man sich im Buch mit Handlung und Figuren nicht wohl.
Und trotzdem möchte man wissen, was es mit Renatas Problemen auf sich hat, wie sich ihre Geschichte, der Suche nach sich selbst, weiterentwickelt und welche Rolle die recht bald eingeführten Nebenfiguren spielen, sodass man nicht anders kann, als weiterzulesen.

Dies lohnt sich auch, denn Sabina Naber verfolgt u.a. hin und wieder den gelungenen Ansatz, Renatas Fantasien, ihr sogenanntes Kopfkino, auf surreale Weise in den Textverlauf zu integrieren. Im Normalfall kursiv gedruckt heben sich diese Szenen ab und bieten intensivere Einblicke in das Seelenleben der Protagonistin. Dabei kann es sich um sexuelle Vorstellungen ebenso handeln wie um Gedanken oder Zwiegespräche mit Gott, an den sich Renata immer mal wieder wendet, um Rat und Hilfe zu erlangen. Einigen Lesern könnte gerade dies ein wenig zu ausgereizt erscheinen, denn mangeln tut es an derartigen Stellen nicht, andererseits muss man es so sehen, dass in den meisten erotischen Werken „Gott“ lediglich die Rolle zufällt, angerufen zu werden in Situationen höchster sexueller Entzückung, denn selbst dem hartnäckigsten Atheisten ist sicherlich schon mal ein „Oh Gott“ über die Lippen gekommen beim Kommen … Doch keine Angst, theologisch wird es in „Renata geht tanzen“ dadurch natürlich keineswegs. Und erfrischend ist auch, dass Naber scheinbar wenig von den üblichen Phrasen hält, auf die Autoren bei der Beschreibung des sexuellen Akts zurückgreifen. Diesbezüglich ist es durchaus von Vorteil, dass die Figur Renata eben komplett anders zu sein scheint.

Umgehend ins Herz kann sich allerdings die männliche Figur Fabian schleichen. Auch hier bleibt Naber erst sehr zaghaft in ihrer Ausarbeitung, doch trotzdem, anders als bei der Protagonistin, findet der Leser viel leichter Zugang zu ihm. Seine Geschichte, seine Beziehung zu Renata und seine Probleme bewegen und stimmen nachdenklich.
Insgesamt wählt Naber keine Stereotypen aus, um ihren Roman zu füllen. Mag dies zwar die Identifikationsmöglichkeiten reduzieren, so bietet sie damit mal etwas anderes, das zudem der Erzählung Tiefe verleiht.

Sabina Naber (Copyright: Sabina Naber)

Sabina Naber (Copyright: Sabina Naber)

Fern jeder Norm und abseits des bisher Bekannten lebt Naber gemeinsam mit ihrer Hauptfigur daher all jene Dinge aus, über die zu schreiben sich wohl nur wenige Autoren trauen. Dabei sind es nicht unbedingt abnormale oder ungewöhnliche sexuelle Praktiken, die im Zusammenhang mit dem in „Renata geht tanzen“ thematisierten „Plädoyer für mehr Fantasie, Hingabe und Erotik im Alltag“ beschrieben werden; vielmehr ist es die Art und Weise, wie Sabina Naber Figuren und Handlungen angelegt hat, die ungewohnt, aber gleichzeitig auch fesselnd wirken.

Sprachlich weist der gesamte Roman immer wieder österreichisches Lokalkolorit auf. Während die Schauplätze noch detailliert genug beschrieben sind, um sich auch ohne Kenntnisse der Region ein Bild davon zu machen, sind es die Wortwahl, die Formulierungen und Redewendungen, die dem einen oder anderen jedoch Schwierigkeiten bereiten könnten. Dies muss man sowohl mögen als auch verstehen können, um langfristig Gefallen an „Renata geht tanzen“ zu finden.

Jeder, der aber auf der Suche nach keinem gewöhnlichen Erotikroman ist, sollte in „Renata geht tanzen“ einmal reinlesen, um sich selbst ein Bild zu machen, denn erotische Romane gibt es viele, keiner ist jedoch so, wie vorliegender von Sabina Naber. Daher folgt abschließend meine absolute Empfehlung für jene mutigen Leser.

Inhalt

Eine Frau auf der Suche nach sich selbst – ein Plädoyer für mehr Fantasie, Hingabe und Erotik im Alltag

Weil sie ihrer Freundin einen Gefallen erweist, landet Renata in ihrem persönlichen Albtraum: Eingepfercht zwischen schwitzenden Menschen, die auf der Singleparty nicht nur Partner fürs Leben suchen, fühlt sie sich wie Frischfleisch taxiert und von den platten Flirtritualen schnell gelangweilt.

Doch das Unerwartete tritt ein: Als sie gerade flüchten will, begegnet sie plötzlich zwei anziehenden, zugleich völlig unterschiedlichen Männern. Während der eine sie zum Lachen bringen kann, erlebt sie mit dem anderen eine nie gekannte Lust voller elektrisierender Berührungen.

Für Renata beginnt eine Achterbahnfahrt der Gefühle, zwischen der Hoffnung, vielleicht doch noch den Mann für die Familiengründung gefunden zu haben, und der Erkenntnis, dass ein geheimnisvoller Fremder sexuelle Fantasien von ihr zu kennen scheint, die sie selbst noch nicht einmal geahnt hat. Ihr Lebenskorsett verliert eine Strebe nach der anderen …

(Quelle: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag)

Autorin

Sabina Naber arbeitete nach ihrem Studium in Wien am Theater, beim Film und als Journalistin. Seit 2002 erschienen acht Kriminalromane („Maria-Kouba“-Serie, „Mayer & Katz“-Serie) sowie zahlreiche Kurzgeschichten. 2007 erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis für die beste Kurzgeschichte und war 2013 für den Leo-Perutz-Preis nominiert (Roman „Marathonduell“). Sie unterrichtet auch in den Bereichen Sprechen und Schreiben.

(Quelle: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag)

Sabina Naber – Homepage
Sabina Naber – Facebook

Details

Format: Taschenbuch
Label: ANAIS Band 44
Vö-Datum: 15.10.2014
Seitenzahl: 336
ISBN: 978-3-86265-430-7
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag

Copyright Cover: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde