Review

„… weil ich erst dachte, das ist eine Band!“

So scherzhaft, wie die Künstlerin Cy es selber formulierte, und so leicht ist der erste Eindruck, den man von dieser Graphic Novel gewinnen kann. Tatsächlich ist die Geschichte um die „Radium Girls“ eine tragische.

Der Carlsen Verlag hat sich dieses Inhalts angenommen und ein optisch interessantes Hardcover veröffentlicht. Thematisch passend, leuchten der gesamte Buchrücken und die Protagonistinnen auf dem Cover in grünlich-gelbem Schein.

Die Handlung

Es ist ein Tag wie jeder andere im New York der 20er Jahre. Stücke von Irving Berlin klingen aus Radios, Straßenbahnen schlängeln sich durch die Innenstadt und eine Gruppe von Frauen geht zur Arbeit. Sie arbeiten in einer Fabrik für Uhren. Bis dahin scheint sich für die damalige Zeit nichts Ungewöhnliches zu ereignen. Jedoch stellt sich schnell heraus, erzählt durch die Einarbeitung einer neuen Kollegin, dass die Frauen Zifferblätter von Uhren mit Radiumfarbe nachmalen. Die Technik „Lip, Dip und Paint“ ist, was den vielen Mitarbeiterinnen schon innerhalb weniger Tage ihrer Arbeit ein vorzeitiges Ableben garantieren wird.

Fernab dessen befasst sich diese Graphic Novel jedoch viel mit dem Leben einer Frau in den 20er Jahren der USA. Sie gehen zur Zeit der Prohibition aus in illegale Bars, gehen schwimmen bei Coney Island, schauen sich im Kino „Frankenstein“ an und träumen von einer Zukunft, in der Frauen ebenso viele Rechte haben wie Männer. Diese alltäglichen Szenen zeigen ganz sensibel, welche Gedanken, Weltanschauungen und Motivationen in den Figuren dieser umfangreich recherchierten Zeit liegen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass ebenso progressive feministische wie auch konservative patriarchische Strömungen in der weiblichen Belegschaft aufeinandertreffen.

Ein weiterer wichtiger Teil dieses Werks befasst sich mit den Spätfolgen, also der juristischen Auseinandersetzung mit dem Arbeitgeber der „Radium Girls“ und dem gesundheitlichen Werdegang der Frauen. Darin wird klar, inwieweit das sexistische System einen Anteil daran trägt, dass man heute kaum ein Bewusstsein über solche Ereignisse wie dieses der Frauen aus New York besitzt.

Der Stil

Einblick in die Graphic Novel „Radium Girls“. (Copyright: Carlsen Verlag)

Die Künstlerin hat die gesamte Graphic Novel mit nur acht Stiften gemalt, acht Buntstiften! Wie in dem Interview, das im Anhang dieser Novel zu finden ist, beschrieben, vermeidet ihre geringe Farbauswahl eine „Geschmacksverirrung“. Dieser hat sie sich wahrhaftig nicht preisgeben müssen, denn die farbliche Stimmung, die sie erzeugt, ist fantastisch. Das Werkzeug Buntstift erzeugt einen leichten, zeitgleich interessanten und strukturgebenden Anblick der Oberflächen.

Die Zeichnungen sind allesamt ansehnlich, klar in ihrer Linienführung, geometrisch in Form und Proportionen und geben den Figuren ihren ganzen Charme. Die Frauen werden dabei klar voneinander abgegrenzt durch Details wie Kleidung und Formen der Nase.

Die Panelstrukturen sind konventionell. Die Verwendung von panelübergreifenden Sprechblasen verleiht einigen Dialogen und Szenen ein interessantes Erzähltempo und schafft szenische Dynamik.

Fazit

„Radium Girls“ ist optisch und in der Qualität der Erzählweise ein strahlendes Beispiel für politische Inhalte, die unaufgeregt und fast beiläufig aufgedeckt werden. Die Figurenkonstellation, das authentische Gefühl für die Zeit der 20er Jahre und die lebensbejahende Art der Frauen mit wirklich schweren Konflikten umzugehen, ist mehr als erfrischend. Die Künstlerin Cy verrät, dass sie bereits an ihrer nächsten Graphic Novel arbeitet. Wir sind gespannt!


Radium Girls

Inhalt

New Jersey, Zwanzigerjahre

Für viele junge Frauen wurde ein Traum wahr, wenn sie einen Job in den Ateliers der US Radium Corporation bekamen, wo sie die Zifferblätter von Uhren mit Nachleuchtfarbe bemalten. Sie konnten selbst Geld verdienen und unabhängig das Leben genießen.

Wenn sie ausgingen, lackierten sie sich die Nägel mit Radiumfarbe, leuchteten im Dunkeln und nannten sich übermütig „Ghost Girls“.

Was sie nicht wussten, war, dass das Radium in der Farbe tödlich ist. Als immer mehr von ihnen an der Strahlenkrankheit litten und starben, wagten sie den ersten großen Arbeitskampf von Frauen gegen die Industrie.

Fünf junge Frauen siegten gegen die Industrie.

Die junge französische Zeichnerin Cy. zeichnet mit leichtem Strich die ambivalente Geschichte und spiegelt in zarten Pastellfarben das leichte hoffnungsvolle Leben der jungen Frauen, aber je mehr man erfährt, umso toxischer wirkt das helle Grün.

(Quelle: Carlsen)

Autorin

Cy.
ist eine französische Grafikdesignerin, Illustratorin und Cartoonistin.

Sie studierte an der École de Condé in Paris, wo sie nach einem BTS in Visueller Kommunikation einen Aufbaustudiengang in Illustration absolvierte.

2013 begann sie eine zweijährige Zusammenarbeit mit einer Website für Mädchen zwischen 12 und 30 Jahren.
Seit 2015 veröffentlicht sie Videos auf ihrem YouTube-Kanal: Sie zeigt Speed-Zeichnungen und gibt Tipps zum Thema Grafikdesign. Im Januar 2018 etablierte sie dort ein neues Format mit dem Titel „Pub-à-clic“, in dem sie Werbung analysiert.
2016/2018 veröffentlichte sie ihre ersten Comics unter dem Titel „Le vrai sexe de la vraie vie“ beim Verlag Lapin Éditions.
Im Jahr 2020 erschien „Radium Girls“ bei Glénat.

(Quelle: Carlsen)

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Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 28.12.2021
Seitenzahl: 136
ISBN: 978-3-551-76389-1
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Lars Hünerfürst
Musiker, Texter und Mensch, lebend in Berlin.