Review

Nachdem im letzten Jahr das Pfingstgeflüster ein kleines Jubiläum feiern durfte, ist es dieses Jahr das Wave-Gotik-Treffen, das einen Geburtstag zu feiern hat. Das schwärzeste Pfingst-Event, das sich den Termin dieses Jahr übrigens mit dem bunten Trubel des Gratis Comic Tages vertragen musste (wir berichteten), hat sich davon jedoch ebenso wenig aus der Ruhe bringen lassen, wie auch Marcus Rietzsch und sein Team für die aktuelle „Pfingstgeflüster“-Ausgabe. Also präsentiert sich das Lese- und Erinnerungsstück für alle WGT-Fans auch 2016 in gewohnt zurückhaltender Manier.

In schwarz, weiß und Schattierungen von grau werden uns noch einmal Highlights des WGTs in Erinnerung gerufen, nur durchbrochen von der farbigen Fotostrecke, die (Konzert)Impressionen beinhaltet – von außen kann sich das Heft wieder sehen lassen, auch wenn dieses Jahr nicht alle Fotografien der Kracher sind. Hier wären es vor allem die Aufnahmen der Eröffnungsfeier, die im Vergleich hinter den übrigen Bildern zurückbleiben.

Ganz davon abgesehen sind auch die Berichte und Beiträge natürlich wieder lesenswert wie beispielsweise die mit „Klassenfahrtstimmung und WGT-Momente“ überschriebene Erzählung der Band Other Day, aus deren Erinnerungen beinahe eine Kurzgeschichte des Szenetreffens gesponnen werden kann. Oder das pointierte Bild, das Edith Oxenbauer von der Künstlerin Sabine Graf und ihren Werken zeichnet. Oder der Bericht über die „Schwarze Witwe“, der im wissenschaftlich fundierten Kontext und mit historisch korrekter Kleidung Friedhofsbesuchern „Von Totenkronen, Wiedergängern und dem Leichenfett“ erzählt. Ja, das eine oder andere Mal wird man nach der Beitragslektüre als Besucher sicher bereuen, nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen zu können.

Zwischen allen Berichten, Erzählungen, humorvollen Blicken und Anekdoten sollen jetzt stellvertretend noch drei Artikel genannt werden, die der diesjährigen Pfingstgeflüster-Ausgabe besonderen Glanz verleihen.

Das ist zum einen der großzügige Raum, der auch dieses Jahr den Besuchern eingeräumt wird. Nicht nur toll inszenierte Fotografien, sondern persönliche Statements hinterlassen ihren bleibenden Eindruck in der WGT-Geschichte. Sei es der 17-jährige Junge, der „damals“ zu den „coolen Kindern auf der Treppe“ gehören wollte, einzelne Lieblingssongs oder der Versuch einer Antwort auf die Frage, welche Musik eigentlich zur schwarzen Szene gehört – die Vielfalt der Besucher kann man an dieser Stelle zumindest durch ein kleines Fenster betrachten.

Zum anderen erfreut sich der geneigte Leser natürlich auch wieder an der Grufti Glosse aus der Feder von Christian von Aster – ein Garant für kurzweilige Lektüre. Wo wir uns in der Vergangenheit nur über aufdringliche Fotografen und Foto-(Un)kultur beklagten (siehe hier), findet von Aster eine spaßige und effektive Lösung des Problems. Ausgerüstet mit „Defibrillator im Sargrucksack“ werden die aufdringlichen Hobbypaparazzi einfach „gegengeblitzt“! Die Methode, seinen Feind mit den eigenen Waffen niederzustrecken, sorgt in diesem Fall für gehobene Mundwinkel und frischen Wind.

Marcus Rietzsch (Copyright: Marcus Rietzsch)

Marcus Rietzsch (Copyright: Marcus Rietzsch)

Ein weiteres Mal frischen Wind lieferten dieses Jahr auch die WGT-Veranstalter und damit die dritte Empfehlung, die an dieser Stelle ausgesprochen werden soll: Um auch zum 25. Geburtstag etwas Neues, Aufregendes zu präsentieren, hat man sich entschieden, die Eröffnung am Donnerstag in Belantis, einem Freizeitpark, zu feiern. Die gemischten Gefühle, die vermutlich viele WGT-Besucher plagten, hat Guldhan in seinem Text „Belantis. Der Fluch des Pharao“ anschaulich zusammengefasst.

Damit liefert das „Pfingstgeflüster“ auch für das Jahr 2016 alles, was das WGT-Fanherz begehrt – und sogar darüber hinaus. Da ist das eine oder andere unspektakuläre Outdoor-Foto auch zu vernachlässigen.

Video

Inhalt

Mit Beiträgen von Nigel & Klive Humberstone (In The Nursery), Niha-Céta und Sad (Other Day) und Peer Lebrecht (Golden Apes). Traditionell enthalten: die „Gruftiglosse” von Christian von Aster. Zu lesen sind Texte der folgenden im Rahmen des WGT aufgetretenen Autoren: Juliane Uhl, Sascha Blach und Thomas Manegold. Vorgestellt werden die bildenden Künstler Nils Franke, Sabine Graf und Daniela Hellerforth. Weitere interessante Themen: die Besucher, fotografische Treffenimpressionen, Eröffnungsveranstaltung in Belantis, Leipzig in Schwarz – 25 Jahre WGT, Friedhofsgeflüster, die Entstehung der Gestus-Plakate, Leipziger Sprachevolution und Test Dept.

(Quelle: T-Arts / Edition Subkultur)

Herausgeber

Mitte der 1990er Jahre hat Marcus Rietzsch seine große Leidenschaft für die Fotografie entdeckt. Neben Porträt-, Akt- und Landschaftsaufnahmen zählen auch Friedhofsimpressionen zu den Motiven des 1972 geborenen Künstlers. Beeindruckt vom besonderen Flair dieser stillen Orte versammelte er im Jahr 2008 zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotografien in dem Bildband „Wenn wir nie träumten…“.
Ebenso spiegeln diverse Aufnahmen, welche in und um leerstehende, verlassene und teils in Vergessenheit geratene Gebäude entstanden sind, sein Faible für die eher ruhigen Plätze wider. Zunehmend widmet sich der selbständige Mediengestalter fotografischen Inszenierungen mit teilweise kritischen Inhalten.
Außerdem ist Marcus Rietzsch Initiator des einmal jährlich erscheinenden Magazins „Pfingstgeflüster“, dass Impressionen, Konzertfotografien und Texte ganz im Zeichen des Wave Gotik Treffens zu Leipzig vereint.

Marcus Rietzsch – Homepage

(Quelle: Edition Subkultur)

Details

Pfingstgeflüster – Homepage
Pfingstgeflüster – Facebook

Format: DIN A4
Vö-Datum: 08.07.2016
Seitenzahl: 92
ISBN: 978-3943412765
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: T-Arts / Edition Subkultur

Copyright Cover: T-Arts / Edition Subkultur



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer