Review

Happy Birthday, „Pfingstgeflüster“!

Schwarzen Schokokuchen und Konfetti für das Format, das, von Anfang an mit Fans und Unterstützern ausgestattet, seit nunmehr einer Dekade das größte deutsche Festival der Gothic-Szene begleitet. In Wort und Bild bildet das „Pfingstgeflüster“ von Marcus Rietzsch Jahr um Jahr zumindest einige Elemente des Wave Gotik Treffens ab.

Das runde Jubiläum begeht der Herausgeber mit seiner kunterdunklen Autoren- und Fotografenschar leider eher dezent: Zur Einstimmung auf das vorliegende Heft resümiert er mit Edith Oxenbauer lediglich, was 2003 die Idee zum „Pfingstgeflüster“ säte, zur ersten Ausgabe im Jahr 2005 führte und auch heute noch das Schwungrad aller Beteiligten ist: Der „Kampf der Nach-WGT-Melancholie“, die einen eigentlich schon am Dienstagmorgen ergreift und 12 Monate nicht mehr loslässt.

Nachdem die Geschichte des „Pfingstgeflüsters“ skizziert ist, widmet sich Shan Dark anschließend einem weiteren und unverzichtbaren Element der WGT-Geschichte, nämlich der Stadt Leipzig und ihren Leipzigern.
In die gleiche Kerbe schlägt später auch Guldhan mit seinem Beitrag „Im Laufe der Zeit“.
Zu diesem Leipziger Allerlei gesellen sich weitere unterhaltsame, informative oder nachdenkliche Texte. So bringt auch dieses „Pfingstgeflüster“ dem Leser nicht nur Erinnerungen an erlebte Konzerte, gesehene Menschen, betrachtete Bilder, sondern auch Neues.

Doch WGT und Pfingsten sind nicht nur schöne Worte. Wer an diesem verlängerten Wochenende durch die Sachsenstadt pilgert, wird Zeuge der schwarzen Ästhetik, die ebenfalls (oder sogar vorrangig?) zum WGT gehört.
Von dieser Optik zeugen einmal die farbigen Konzertfotos, welche die Künstlervielfalt einfangen. Für den Leser vielleicht aber noch interessanter: Die Besucher des Festivals. Robert Forst widmet sich in diesem Teil heuer dem „Treffen der Generationen“ und räumt den Besuchern reichlich Platz ein, um selbst zu Wort zu kommen. Dabei stehen auch dieses Jahr nicht die auffälligsten, extremsten oder nacktesten im Fokus, sondern ein guter Querschnitt. Interessanterweise kommt dieser trotzdem fast einhellig zu dem Ergebnis, dass früher alles ein bisschen besser war und es heute ein bisschen zu sehr um die Optik geht. Stimmen, die sich den vielfach gescholtenen „Faschingsbesuchern“ zuordnen ließen, bleiben stumm. Vielleicht liegt es an der Unsicherheit, wie viel Selbstbeweihräucherung, wie viel Retrospektive und wie viel „Goth“ eigentlich schwarz genug sind? Einige Seiten später bringt Christian von Aster mit „Das Bessergoth-Dilemma“ diese Problematik wortgewandt auf den Punkt.

Marcus Rietzsch (Copyright: Marcus Rietzsch)

Marcus Rietzsch (Copyright: Marcus Rietzsch)

Auch das Cover, eine Fotografie von Rietzsch persönlich, das den Leser dieses Jahr mit der Michaeliskirche zu Leipzig begrüßt, mystisch anmutende Vögel (wieder) inklusive, fällt in die Kategorie „bewährt und gut“. Obwohl selbst noch verhältnismäßig jung (geweiht 1904), erstrahlt das Gotteshaus im selben morbid-modernen Charme, der auch dem „Pfingstgeflüster“ eigen ist: Im bewährten Format (Softcover mit Klebebindung) mit bewährter Seitenanzahl (genau 92 Stück), bewährten Inhalten und natürlich mit schwarz-weißen Hochglanzseiten schwebt das Magazin irgendwo zwischen der Würde alter Folianten und modernen Hochglanzbildbänden.

Altbewährte, gute Qualität sowie ein Blick in die Vergangenheit des Formates und auch des Festivals. Will man noch mehr? Nach zehn Ausgaben lässt sich zumindest festhalten: Das „Pfingstgeflüster“ ist sich und dem WGT treu. Am Ende sollte es natürlich Erinnerungen konservieren, aber nicht sich selbst. Werft doch mal ein Blick in die Zukunft – denn auch wenn das WGT am Dienstagmorgen vorbei ist, in nur 12 Monaten steht schon das nächste Treffen an. Das sollte doch auch ein Grund zum Feiern sein, genau wie das „Pfingstgeflüster“-Jubiläum.

Video

Auszug

Inhalt

Bereits zum 24. Mal wurde Leipzig zu Pfingsten schwarz überflutet. Fast unüberschaubar war die Zahl der Veranstaltungen des Wave-Gotik-Treffens – zu lesen in winziger Schrift auf dem offiziellen Plan. Die Menge an Konzerten, das sehr umfangreiche und abwechslungsreiche Rahmenprogramm und nicht zuletzt der Treffencharakter locken die über 20.000 Besucher nach Leipzig. Nun sind die Zugereisten wieder zu Hause. Gehen ihrer Arbeit nach, haben ihre Pfingsterinnerungen und zählen die Monate bis zum nächsten Treffen. Um das zurückliegende Wave-Gotik-Treffen zu würdigen und die Freude auf das folgende wachzuhalten, erscheint auch in diesem Jahr traditionell das „Pfingstgeflüster“. Es ist ein Jubiläum: zum 10. Mal wird hier die Einzigartigkeit dieses Treffens gezeigt. Verschiedene Beiträge erinnern auf 92 Hochglanzseiten im DIN-A-4-Format an das diesjährige Ereignis.

Mit Beiträgen von Frank Vollmann (Frank The Baptist), Black CaT (Doppelgänger) und Matthias Ambré (Die Kammer). Traditionell enthalten: die “Gruftiglosse” von Christian von Aster. Zu lesen sind Texte der folgenden im Rahmen des WGT aufgetretenen Autoren: Thomas Manegold, André Ziegenmeyer und David Wonschewski. Vorgestellt werden die bildenden Künstler Lisa Schubert (Vinsterwân), Patricia Zschuckelt und Annie Bertram. Weitere interessante Themen: die Besucher, fotografische Konzertimpressionen, 1000 Jahre Leipzig, Max Klinger und Arnold Böcklin im Museum der bildenden Künste, jüdische Friedhöfe in Leipzig, die schwarze Romantik, Hexen, Leipzig – die schwarze Metropole?

(Quelle: T-Arts / Edition Subkultur)

Herausgeber

Mitte der 1990er Jahre hat Marcus Rietzsch seine große Leidenschaft für die Fotografie entdeckt. Neben Porträt-, Akt- und Landschaftsaufnahmen zählen auch Friedhofsimpressionen zu den Motiven des 1972 geborenen Künstlers. Beeindruckt vom besonderen Flair dieser stillen Orte versammelte er im Jahr 2008 zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotografien in dem Bildband „Wenn wir nie träumten…“.
Ebenso spiegeln diverse Aufnahmen, welche in und um leerstehende, verlassene und teils in Vergessenheit geratene Gebäude entstanden sind, sein Faible für die eher ruhigen Plätze wider. Zunehmend widmet sich der selbständige Mediengestalter fotografischen Inszenierungen mit teilweise kritischen Inhalten.
Außerdem ist Marcus Rietzsch Initiator des einmal jährlich erscheinenden Magazins „Pfingstgeflüster“, dass Impressionen, Konzertfotografien und Texte ganz im Zeichen des Wave Gotik Treffens zu Leipzig vereint.

Marcus Rietzsch – Homepage

(Quelle: Edition Subkultur)

Details

Pfingstgeflüster – Homepage
Pfingstgeflüster – Facebook

Format: DIN A4
Vö-Datum: 13.07.2015
Seitenzahl: 92
ISBN: 978-3-943412-71-0
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: T-Arts / Edition Subkultur

Copyright Cover: T-Arts / Edition Subkultur



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer