Review

Das Finale der Paper Girls

Mit großer Spannung, mit einem Tränchen im Auge, aber auch mit einem gewissen Bangen dürften die begeisterten Leser dem finalen Band der Image Comics-Serie, „Paper Girls 6“, der die US-Ausgaben „Paper Girls #26-30“ beinhaltet, entgegenblicken. Auch mit Bangen, da Autor Brian K. Vaughan sich wieder einmal als Freund ausschweifender Erzählungen und überaus komplexer Storylines erwiesen hat, im Zuge derer er diverse Fragen aufgeworfen, verrückte Wendungen und Doppeldeutigkeiten sowie Interpretationsspielraum eingebaut hat, für die sich die Leserschaft noch Antworten erhofft.

Noch bevor wir uns dem letzten großen Abenteuer der Zeitungsmädchen inhaltlich annähern, verdient die gesamte Serie von Vaughan und Cliff Chiang jedoch vorab Beifall für ihre überraschende, frische und innovative Art, die liebenswert-natürlichen Figuren, das brillante Artwork sowie die großartige farbliche Gestaltung.

Und nun wenden wir uns ohne weitere Umschweife dem Showdown der Science-Fiction-/Coming-of-Age-Erfolgsreihe zu.

Der Weg nach Hause 

Unsere zwölfjährigen Heldinnen Erin, Mac, KJ, und Tiffany haben eine beschwerliche Reise voller Gefahren, seltsamer Begegnungen und Hindernisse hinter sich. Nach wie vor suchen die Paper Girls ihren Weg nach Hause, in die Kleinstadt Stony Stream im Jahre 1988.

Gleich zu Beginn werden die Freundinnen jedoch wieder einmal in alle Himmelsrichtungen verstreut. KJ landet beispielsweise im Jahre 1958 und weist eine Gruppe frecher Jungs in die Schranken. Mac trifft auf Dr. Braunstein, die Erfinderin der Zeitreisen, und beide erleben einen einfühlsamen Memento mori-Moment miteinander, während Tiffany die verrückteste Begegnung widerfährt. So trifft sie an einem völlig abgelegenen Ort auf einen weiteren Klon von Erin, noch einen Klon von Erin, eine KJ mittleren Alters sowie eine Version ihrer selbst in der Gestalt einer alten Frau. Eine höchst verwirrende Angelegenheit. Diese Gruppierung ist offenbar der letzte Widerstand gegen die sog. Oldtimer. Eine Gruppe, die noch Hoffnung und Träume hat.

Nach weiteren umwälzenden Abenteuern treffen die vier Zeitungsmädchen im Jahre 1831 wieder aufeinander. An ihrer Seite stehen die oben genannten Klone und ihnen gegenüber steht der Anführer der Oldtimer, Jahpo. Der letzte Showdown der Generationen.

Bewertung

Wie es womöglich zu erwarten war, lässt Brian K. Vaughan seine Mystery-/Science-Fiction-Serie nicht in einem brachialen Spektakel enden, sondern bleibt seinem authentischen, geerdeten Tonfall treu. Kein furioser Höhepunkt, keine epische Schlacht, keine krassen Explosionen.

Aufgrund der langen Vorarbeit, des komplexen Storytellings und der hohen Kontinuitätsdichte der Serie werden nicht sämtliche geneigten Leser mit diesem bescheidenen Ende zufrieden sein. Dazu gesellt sich ein gewisser Mangel dergestalt, dass Vaughan dem Leser konkrete Antworten auf diverse von der Serie aufgeworfene Geheimnisse und Fragen schuldig bleibt. Insbesondere der Konflikt zwischen Alt und Jung und den großen Erwartungen an die Zukunft und dem trostlosen Alltag mit seinen reizlosen Verpflichtungen bleibt am Ende des Tages etwas zu vage.

Hier bietet sich womöglich eine zweite Sichtung der Erfolgsreihe in kürzerem zeitlichen Abstand an. Die Mischung aus komplexer Geschichte und Veröffentlichungsrhythmus könnte einige Zusammenhänge verwischen lassen.

Wir sind nicht nur Paper Girls, wir sind Freunde.

Tiffany Quilkin in „Paper Girls 6“, Cross Cult

Dessen ungeachtet verdient das Finale uneingeschränkt das gleiche Lob wie die gesamte Serie bislang auch.

Leseprobe aus dem finalen Band „Paper Girls 6“ von Brian K. Vaughan und Cliff Chiang. (Copyright: Cross Cult)

Die „Paper Girls“ sind eine wahnsinnig gekonnte Hommage an das Genrekino der 1980er-Jahre mit zahlreichen Referenzen. Allerdings mit dem großen Unterschied, dass hier – im Gegensatz zu den filmischen Darbietungen der 80er – ausnahmsweise Mädchen aus einer amerikanischen Kleinstadt die Heldinnen eines jugendlichen Abenteuers sein dürfen und gemeinsam den Tag retten. Wie schon bei Marvels „Runaways“ beweist Vaughan dabei insbesondere sein Geschick darin, Geschichten über Teenager zu erzählen. Verstärkend kommt dessen Vorliebe hinzu, sich weiblichen Figuren und deren Perspektiven zu widmen. So entstehen vorliegend besonders greifbare Figuren mit all ihren menschlichen Schwächen, Problemen und Ambivalenzen.

Fazit

Brian K. Vaughan und Cliff Chiang hinterlassen uns eine einfühlsame und vergnügliche Geschichte vom Erwachsenwerden mit ungeplanten Zeitreisen, wunderbaren Charakteren und allerhand Retro-Charme. Dass das Finale nicht antritt, um sämtliche Fragen der Leser zu beantworten, wird dem Stil der Serie womöglich sogar eher gerecht, als es zu tun.

Inhalt

Das Finale der mehrfach ausgezeichneten Erfolgsreihe!

Tiffany, Mac und Co. haben in der fernen Zukunft neue Freunde und alte Verbündete getroffen. Doch gerade, als sich die Zusammenhänge ihrer ungeplanten Zeitreisen zu offenbaren schienen, werden sie von einem alten Feind überrascht – und voneinander getrennt. In die verschiedensten Zeitalter zerstreut beginnt ein letztes großes Abenteuer für die Paper Girls! Werden sie endlich den Weg nach Hause finden?

(Quelle: Cross Cult)

Künstler

Brian K. Vaughan
genoss bereits als Autor von Comicserien wie EX MACHINA und der langjährig laufenden Reihe Y: THE LAST MAN einen guten Ruf, bevor er mit dem Drehbuchschreiben für J. J. Abrams LOST begann, wo sein Gefühl für Charaktere und komplexe Storylines auch im TV schnell für Furore sorgten. Er wurde dann von Steven Spielberg ausgewählt, eine Romanvorlage von Stephen King als TV-Serie zu adaptieren: Somit wurde er Autor und Showrunner der Serie UNDER THE DOME.

Mit SAGA – ein Titel, der Assoziationen an große Erzählungen weckt und von Vaughan augenzwinkernd, aber nicht ohne Hintergedanken gewählt wurde – kehrte er im März 2012 jedoch zum Medium Comic zurück … und wie! SAGA gilt als sein bisher ausgefeiltestes Werk und wurde in den letzten Jahren Dauerabonnent der wichtigsten US-Comicpreise, der EISNER- und HARVEY-AWARDS. Mehr als 10 Preise hat SAGA mittlerweile bekommen und sich in den USA zum absoluten Comic-Bestseller entwickelt. Parallel zu SAGA entstand 2015 der Comicroman WE STAND ON GUARD.

(Quelle: Cross Cult)

Cliff Chiang (Zeichner)
ist ein amerikanischer Comickünstler, der in Harvard einen Abschluss in Englischer Literatur und Visual Arts erwarb. Für DC illustrierte er die Serie Green Arrow/ Black Canary mit Judd Winick als Autor. Im September 2011 arbeitete er gemeinsam mit Brian Azzarello an einer neue Wonder Woman-Serie. Zusammen mit Jim Lee und Dann DiDio nahm Chiang im Juli 2012 im Zuge der San Diego Comic-Con an der Produktion von Heroic Proportions teil. Hierbei ging es um eine Episode des Syfy-Formats Facedown und die Entwicklung von Ideen für einen neuen Superhelden.

(Quelle: Cross Cult)

Details

Format: Hardcover
Vö-Datum: 26.11.2019
Seitenzahl: 128
ISBN: 978-3-959813-57-0
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Cross Cult

Copyright Cover: Cross Cult



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)