Review

Revolutions-Comic

Mit seinem Comic „Nada“ widmet sich der französische Comiczeichner Max Cabanes einer Adaption des gleichnamigen Werkes von Krimi-Romancier und Journalist Jean-Patrick Manchette aus dem Jahre 1972.

Der Roman Noir von Manchette zog im Jahre 1974 auch bereits ein französisch-italienisches Revolutions-Film-Drama von Claude Chabrol nach sich. Nunmehr überträgt Cabanes den schwermütigen Stoff um eine Gruppe von Anarchisten in die neunte Kunst und inszeniert sie in seinem gekonnten expressiven Stil.

Kurzinhalt

Vor dem Hintergrund der tristen französischen Großstadt entspinnt sich ein Geiseldrama, das für sämtliche Beteiligte zu keinem guten Ende führen wird.

Die anarchistische Gruppe „Nada“ entführt nach einem gemeinschaftlich gefassten Tatplan den amerikanischen Botschafter in Frankreich aus einem Pariser Luxusbordell. Der hartgesottene und rücksichtslose Kommissar Goémond wird von höchster Stelle beauftragt, die linksextremen Geiselnehmer aufzuspüren. Zur Not mit allen Mitteln. Dessen kompromisslose Haltung, gepaart mit Pflichtbewusstsein, ist eine gefährliche Mischung. Bei der Erstürmung des Verstecks der Terrorgruppe spielt nicht zuletzt dessen unbeherrschtes Gemüt eine entscheidende Rolle.

Protest und Demonstration ohne gedankliches Fundament 

Die Inhaltsangabe bleibt hier überschaubar, da die eigentliche Geschichte von „Nada“ – trotz eines doch beträchtlichen Umfangs von rund 190 Seiten – auch bis zum Ende überschaubar bleibt.

Im Fokus stehen die Planung, die Ausführung und die verheerenden Folgen der Entführung des Botschafters der USA aus einem Bordell. Das Szenario und die Figuren von Jean-Patrick Manchette erinnern dabei insbesondere an die Rote Armee Fraktion (RAF). Vor allem kommt die „Schleyer-Entführung“ ins Gedächtnis. Das kommt nicht von ungefähr, handelt es sich hier doch um linksextreme Aktivitäten einer „Terrorgruppe“, die sich vorwiegend aus Bürgern aus der Mitte der Gesellschaft zusammensetzt, die sich aber gegen die bürgerlichen Lebensformen wenden. Objekte des Protests sind die französischen staatlichen Institutionen, die Ideen des konservativen Gaullismus, die Apathie der Zivilgesellschaft sowie der Rechtsstaat, der in seiner geltenden Form infrage gestellt wird.

Dies vorausgeschickt, muss man konstatieren, dass sich nur sehr wenige dieser Protest- und Demonstrationsgedanken tatsächlich in dem Werk finden. Sie werden eher im Subtext kommuniziert. Dies stellt durchaus ein Manko dar, denn eine klare – geschweige denn nachvollziehbare – politische Motivation oder einen Beweggrund für die Entführung bzw. den Protest bleibt das Werk schuldig. Die unmittelbare Folge davon ist, dass die Charaktere durchweg keine tiefer gehende Figurenzeichnung erhalten. Dies geschieht auch nicht etwa durch zusätzliche Hintergrundgeschichten oder eine stärkere Entwicklung der Eigenarten der Akteure in der Gegenwart.

Die Geschichte wirkt insgesamt kalt, düster und nihilistisch und verfügt über keinerlei Sympathieträger. Manchettes Szenario ist ein ganz und gar trostloses ohne Gewinner. Eine Welt, in der die staatliche Gewalt einem Leviathan übertragen worden ist, der sogar im Vergleich zu Verbrechern noch abgestumpft und erbarmungslos wirkt. Auch für die Vertreter der Staatsgewalt findet sich jedoch kaum eine taugliche Motivation. So verfügt „Nada“ am Ende des Tages über wenig Inhalt, der als Diskussionsgrundlage für die Abwägung zwischen Recht und Unrecht herhalten könnte.

Leseprobe aus „Nada“ von Zeichner Max Cabanes. (Copyright: Splitter Verlag)

Die genannten Kritikpunkte sind aber freilich Ausfluss der literarischen Vorlage, die ein Vertreter des sog. französischen Roman Noir ist, in dem es im Allgemeinen keine klare Trennung zwischen Gut und Böse gibt. Es geht vielmehr um die unscharfe Grauzone zwischen Gut und Böse, bei der jeder hofft, dass er sich am Ende des Tages etwas mehr auf der guten Seite befindet.

In visueller Hinsicht

Max Cabanes pflegt einen realistischen – bisweilen skizzenhaften – Zeichenstil und setzt malerische Aquarellfarben ein. Die blassen Farbtöne und die verwaschene Optik unterstreichen die trostlose Grundstimmung der Geschichte. Sie heben durch ihren einheitlichen Look sogar die benannte Grauzone zwischen Staatsgewalt und Linksradikalen hervor.

Leider fällt das Buch unnötig textlastig aus. Viele ergänzende erläuternde Beschreibungen sind gerade in einem Comic nicht zwingend nötig. Denn der kann sich ja des Luxus erfreuen, auch von seiner Bildsprache leben zu können.

Fazit

Das Cover und die Aufmachung von „Nada“ sind atemberaubend schön und das großformatige Buch sieht schlichtweg eindrucksvoll und hochwertig aus. Die Geschichte scheint allerdings nicht mit größeren oder wesentlichen Veränderungen in die moderne Zeit übertragen worden zu sein. Wen die Grundideen des französischen Roman Noir ansprechen oder wer insbesondere die Kunst von Cabanes schätzt, kommt mit diesem Werk allerdings voll auf seine Kosten.

Inhalt

»Nada«, »Nichts«. Eine sechsköpfige, linksextreme Terrorgruppe, die zu Beginn der 70er Jahre in Paris einen wagemutigen Plan fasst: Sie werden den amerikanischen Botschafter kidnappen. Während er ein einschlägiges Rotlicht-Etablissement besucht, schlagen sie zu. Und es läuft wie am Schnürchen. Doch die Probleme fangen damit erst an, denn sofort beginnt eine gnadenlose Jagd auf die »Anarchisten«. Und das bestenfalls brüchige Bündnis der sechs Aktivisten droht unter dem Druck zu zerbersten.

(Quelle: Splitter Verlag)

Künstler

Max Cabanes
ist durch seinen unverwechselbaren, expressiven Stil in Frankreich ein echter Star der Comicszene und auch hierzulande schon seit seinen (leicht frivolen) Kindheits- und Jugenderinnerungen in »Herzklopfen« ein Begriff.
»Nada«, seine dritte Adaption eines Werkes von Krimi-Romancier Jean-Patrick Manchette (1974 von Claude Chabrol auch schon verfilmt), ist ein neuerliches Beispiel für Cabanes‘ Kunstfertigkeit, nun endlich im angemessenen Großformat – ein packender Noir-Thriller, der seinesgleichen sucht.

(Quelle: Splitter Verlag)

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 27.09.2019
Seitenzahl: 192
ISBN: 978-3-96219-296-9
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)