Review

Ein surreales Fantasy-Märchen

In seinem All-Age-Roman „Kryonium“ setzt sich Matthias A. K. Zimmermann mit Virtualität auseinander und wirft die Frage auf, was die Realität ist, was Erinnerungen sind und was sie bedeuten.

„Die Experimente der Erinnerung“, so der Untertitel des Buches, das im Kulturverlag Kadmos erschienen ist, wirken über viele der insgesamt 324 Seiten offen und geben, zusammen mit dem Klappentext, zunächst wenig Aufschluss darüber, wohin Zimmermanns Geschichte letztendlich führen wird. Fakt ist: Nichts ist so, wie es scheint.

Und so spinnt der Autor, Maler und Medienkünstler aus der Schweiz ein technoides, magisch-surreales Fantasy-Märchen, welches das Fantasy- und Science-Fiction-Genre mit Elementen, die der Welt der Computerspiele entliehen sind, vereint.

Dabei lenkt Zimmermann zudem einen philosophischen Blick auf die großen Fragen unserer Zeit: Wo bin ich? Wie kam ich hierher? Warum bin ich hier? Wer bin ich?

Die Handlung

Dies tut er, indem sein Erzähler selbst das Ruder in „Kryonium“ in die Hand nimmt. Aus seiner Sicht erfahren die Leser, dass jener plötzlich ohne Erinnerungen aufwacht und sich in einer rätselhaften Welt mit Zwergen, Gnomen und Einhörnern wiederfindet; gefangen in einem Schloss voller Verbote und bedroht von einem Ungeheuer, einer körperlosen Düsternis. Ein Entkommen aus diesem Dasein in Angst und Schrecken scheint ihm unmöglich. Er riskiert dennoch alles, um aus dieser Phantasiewelt zu entkommen und versucht, das Rätsel seiner „Erlösung“ spielerisch zu ergründen.

Nach und nach findet der Erzähler heraus, dass eine Schneekugel, die ihm gleich zu Anfang in die Hände fällt, ein ganzes Universum birgt. Das Spiel damit verspricht einen Weg in die Freiheit. Doch die Schneekugelsammlung, durch die er sich spielen muss, birgt 1001 Welten und durch alle muss er hindurch. Die virtuelle Welt wird aus der Innenperspektive des Erzählers erkundet und auf der Reise durch die verschiedenen Ebenen wird die Realität dabei immer wieder neu definiert.

Die Gliederung des Romans

Diese Geschichte gliedert sich in drei große Kapitel.

Beginnend in der erwähnten Phantasie- bzw. Märchenwelt, wirkt das Geschehen über lange Zeit sehr schwer zugänglich. Das bedingen auch die Dialoge und die wörtliche Rede, die zumeist äußerst gestellt und „hochgestochen“ ausfallen; eben so, wie eigentlich niemand reden würde, den man in einem All-Age-Roman als Figur erwarten würde.

Das zweite Kapitel entführt Figur und Leser schließlich in die Realität. Oder etwa doch nicht? Raffiniert gestaltet der Autor seine Handlung so, dass man sich nie sicher sein kann, was Fiktion respektive Virtualität und was Realität ist.
So oder so fällt das gesamte Kapitel fassbarer, nachvollziehbarer, aber skurrilerweise weniger sachlich aus, als die vorausgegangene Märchen-Sequenz. Doch auch hier sind die Dialoge wieder sehr künstlich kreiert und wirken arrangiert statt dynamisch. Das bringt den Lesefluss immer wieder zum Stocken.

Das finale Kapitel soll dann die vermeintliche Auflösung bieten, auf die der Leser von Anfang an spekuliert und über die man bereits fleißig gemutmaßt hat.
Dies gelingt Zimmermann zwar; ob zufriedenstellend oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Bewertung

Was allein durch die Kapitelaufteilung eigentlich strukturiert erscheint, ist dies für den Leser mitnichten.

Matthias A. K. Zimmermann (Copyright: Matthias A. K. Zimmermann)

Mit jeder weiteren Seite des Romans wird zudem deutlich, dass es hier sehr anspruchsvoll und metaphorisch zugeht. „Kryonium“ als All-Age-Roman zu bewerben, trifft daher nicht ins Schwarze, sondern führt eher zur Frustration bei entsprechend jüngeren Lesern. Diese können mit der wissenschaftlichen, sachlichen Ausrichtung des Romans, die Themengebiete aus der Physik, Mathematik, Architektur, Kunst, Philosophie und das Raum-Zeit-Gefüge streift, vermutlich wenig anfangen. Denn selbst für Erwachsene muten derlei Passagen zu oft trocken und zäh an. Die Geschichte und der Lesefluss verlieren dann an Flow, der Leser an diesen Stellen das Interesse und zum Ich-Erzähler wollen sich einfach keine Emotionen oder Sympathien aufbauen.

Dazu tragen auch viele Wiederholungen bei. Ob als Stilmittel gebraucht oder dem Lektorat entgangen, ist nicht immer eindeutig zu sagen. Sollte jedoch Ersteres zutreffen, verfehlt die Wahl dieses Mittels eindeutig den Zweck.

Fazit

Weit entfernt von unterhaltender Mainstreamliteratur bewegt sich Matthias A. K. Zimmermann mit seinem Buch „Kryonium. Die Experimente der Erinnerung“ im Bereich des Surrealen und macht es den Lesern nicht leicht, Zugang zu seinen Figuren und Schilderungen zu finden.

Anspruchsvoll, speziell, kunstvoll – und damit kein Roman für jedermann/-frau. Wer sich auf ebendieses Experiment jedoch einlassen möchte, dem sei ein Probelesen vorab empfohlen.

 

Trailer

Handlung

Gefangen an einem unbekannten Ort, schmiedet der Erzähler heimlich Fluchtpläne. Die Tatsache, ohne Erinnerungen zu sein, erschwert das Vorhaben. Doch der Drang, endlich auszubrechen aus diesem furchteinflößenden, schneeverwobenen Schloss, lässt ihn jedes Risiko eingehen. Und so gerät der Erzähler immer tiefer hinein in einen wirren Strudel aus rätselhaften Begegnungen und magischer Paranoia, die er spielerisch zu entschlüsseln hofft, was ihn letztlich zum Ursprung seiner Erinnerungen führt.

Der All-Age-Roman ist ein technoides Märchen, das sich mit Virtualität auseinandersetzt und die Frage aufwirft, was Erinnerungen sind und was sie bedeuten. Nichts ist so, wie es scheint in der Geschichte und die Frage, was Realität ist, muss immer wieder neu überdacht werden.

Mit einem Nachwort von Prof. Dr. Stephan Günzel.

(Quelle: Kulturverlag Kadmos)

Autor

Matthias A. K. Zimmermann
(Matthias Alexander Kristian Zimmermann) wurde 1981 in Basel (Schweiz) geboren. Er ist Schriftsteller, Maler und Medienkünstler. Sein Werk erfuhr eine breite Rezension und befindet sich in Sammlungen und Archiven diverser Museen und Institutionen. Er studierte musikalische Komposition, Kunst & Vermittlung, Game Design, Art Education und Pädagogik.

(Quelle: Kulturverlag Kadmos)

Matthias A. K. Zimmermann – Homepage

Details

Format: Hardcover
Vö-Datum: 10/2019
Seitenzahl: 324
ISBN: 978-3-86599-444-8
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Kulturverlag Kadmos

Copyright Cover: Kulturverlag Kadmos



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde