Review

Welt der Wunder

Erstmals im Jahr 1994 legten Autor Kurt Busiek und Künstler Alex Ross den preisgekrönten und ausgezeichneten Klassiker „Marvels“ vor, der seither – auch hierzulande – bereits vielfach veröffentlicht worden ist.

In Superhelden-Comics wirken die wundervollsten und wundersamsten Dinge oftmals geradezu banal und alltäglich. Nicht so jedoch aus der Perspektive von „Marvels“ (= Wunder). In der Geschichte von Kurt Busiek begleiten wir den Fotojournalisten Phil Sheldon durchs Leben, der erlebt, wie – nach und nach immer mehr – Superhelden und Mutanten die Bühne der Weltgeschichte betreten. Die Menschheit sieht sich mit gottgleichen Kreaturen konfrontiert. Wir nehmen dabei die realistische Perspektive des Normalsterblichen ein, der in seinem Leben bisweilen erstaunt, überfordert und überwältigt ist.

Die kleinen Leute des Marvel-Universums

In diese Fußstapfen wollen nun die kreativen Köpfe hinter dem Paperback „Marvels Snapshots: Alltagshelden“ folgen. In diesen Schnappschüssen bzw. Kurzepisoden begleiten wir zwar nicht mehr Phil Sheldon; stattdessen allerdings weitere ganz normale Bürger:innen im Angesicht von Helden, Schurken und Unglaublichem aus dem Marvel-Universum.

Den Auftakt machen zwei Kleinganoven, die ständig auf der Suche nach Größerem und vor allem mehr Geld sind. Dabei treffen sie unter anderem auf Spider-Man und bekommen (immer wieder) ihre persönlichen Grenzen aufgezeigt.

Im nächsten Abschnitt steht eine junge Sanitäterin im Fokus, die sich angesichts einer Katastrophe um Schwerverletzte kümmert, scheinbar ihre große Liebe kennenlernt und noch dazu Iron Man in Action erlebt.

Zu Zeiten des „Civil War“ und des sogenannten Superwesenregistrierungsgesetzes, das alle kostümierten Helden zwingt, ihre Geheimidentität gegenüber der Regierung preiszugeben, lernen wir außerdem einen allzu normalsterblichen SHIELD-Agenten kennen. Nachdem dieser zunächst pflichtbewusst seinen Dienst verrichtet, weigert er sich mehr und mehr den menschenverachtenden Methoden der Regierungsbehörde Folge zu leisten. Besonderer Auftritt: Captain America Steve Rogers.

Im letzten Kapitel trifft eine junge Aktivistin auf ihre Idole, die Nachwuchsheldin Ms. Marvel Kamala Khan sowie die frühere Ms. Marvel und kosmische Heldin Carol Danvers alias Captain Marvel.

Zu grosse Fussstapfen

Es sind neben der menschlichen und realistischen Perspektive und der greifbaren und nahbaren Figur des Phil Sheldon besonders die wesentlichen und prägnanten Momente der Marvel-Historie sowie das (stets) atemberaubend gemalte Artwork von Alex Ross („Superman: Friede auf Erden“), die „Marvels“ in ihrer Gesamtheit zu einem derart zeitlosen Klassiker machen. Diese Zutaten finden wir leider nicht in „Marvels Snapshots: Alltagshelden“. Freilich gibt es eine wesentliche Überschneidung durch die Einnahme der Perspektive der Normalsterblichen ohne Kräfte. Doch dann hört es auch schon auf.

Erkennbar herausgearbeitet wird die Ära des Superwesenregistrierungsgesetzes, die das Gesicht des Marvel-Universums nachhaltig verändert hat. Das Dekret spaltete die Nation in zwei Lager und hier muss sich auch der kleine Mann für eine der beiden Seiten entscheiden. Die Geschichte von Autor Saladin Ahmed und Zeichner Ryan Kelly um einen (zunächst unentschlossenen) SHIELD-Agenten ist sowohl erzählerisch als auch visuell der stärkste Beitrag in dieser Ausgabe.

Leseprobe aus „Marvels Snapshots: Alltagshelden“. (Copyright: Panini Comics)

Im Übrigen scheint es (mehr oder weniger) gleichgültig zu sein, an welchem Zeitpunkt der Marvel-Historie wir uns befinden. In der Geschichte um Fotojournalist Phil Sheldon waren die jeweiligen Eckdaten und Veränderungen noch von maßgeblicher Bedeutung für die Stimmung und die Gefühle der Figur. Die Kapitel entwickeln keine Kontinuität der Ereignisse, und durch ihre Überschaubarkeit wachsen den Leser:innen auch die jeweiligen Protagonist:innen nicht sonderlich ans Herz.

Besonders negativ fällt indessen das Artwork im Vergleich zum Stil des Comic-Klassikers ins Gewicht. Freilich ist Alex Ross einer der herausragenden Künstler der Comic-Industrie, dessen Werke sich durch besonderen Wiedererkennungswert, hohe Eigenständigkeit und ihren kunstvollen Anspruch auszeichnen. Da kann fraglos nicht jeder/jede mithalten. Und dennoch haben die hiesigen Zeichnungen mit der außergewöhnlichen Manier des Meisterwerks so rein gar nichts gemeinsam. Howard Chaykin, Claire Roe und Staz Johnson erreichen vorliegend meines Erachtens zu keiner Zeit das Marvel-typische hohe Niveau. Es sind überwiegend ausgesprochen schlichte Bilder, die grobe Strichführung oder auch unsaubere Linien und verzerrte Porträts, die in Erinnerung bleiben. Das fällt besonders auf, wenn man mit den jeweiligen Cover-Kapiteln wieder mit den stilsicheren Bildern von Alex Ross konfrontiert wird.

Fazit

Auf die Vorfreude auf neue Geschichten aus der Perspektive der Normalsterblichen aus dem Marvel-Universum folgt schnell große Ernüchterung. Parallelen zum Meisterwerk von Kurt Busiek und Alex Ross bestehen hier lediglich auf den ersten Blick.


Marvel Snapshots: Alltagshelden

Inhalt

Neue Storys in der Tradition des Meisterwerks MARVELS

Was bedeutet es für ganz normale Bürger oder Verbrecher, in derselben Welt zu leben wie die Avengers, Spider-Man oder Captain Marvel? In Superhelden-Kämpfe vor der eigenen Wohnung zu stolpern, kostümierten Legenden zu begegnen oder im Superheldenbürgerkrieg zu landen?

(Quelle: Panini Comics)

Details

Format: Softcover
Vö-Datum: 22.06.2021
Originalausgaben: Marvel Snapshots: Spider-Man, Avengers, Civil War, Captain Marvel
Seitenzahl: 140
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Panini Verlag

Copyright Cover: Panini Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)