Review

Die kürzlich gestarteten „Must-Have“ Ausgaben von Marvel bündeln Geschichten nahezu aller großen Superhelden der letzten Jahrzehnte im Hardcover. Dabei sind sie vom Format nur ein wenig größer als gewöhnliche Paperbacks, zeigen aber oft mehr als ein Paperback. In diesen Ausgaben hat das „Haus der Ideen“ die wichtigsten Handlungsbögen zusammengefasst und für den interessierten Fan oder Neueinsteiger schmackhaft gemacht.

In der vorliegenden Ausgabe finden sich die ersten sieben Kapitel des im Oktober 2000 gestarteten „Ultimate Spider-Man“. Brian Michael Bendis und Mark Bagley haben mit dieser Neuerfindung des in die Jahre gekommen Helden den kurz darauf veröffentlichten Film „Spider-Man“ von Sam Raimi und mit Tobey Maguire in der Hauptrolle in seiner Erzählweise inspiriert. Dass Bendis und Bagley mit mehr als zehn Jahren die längste Zusammenarbeit und eine der erfolgreichsten Reihen kreieren werden, ahnte Anfang der 2000er noch keiner. Dass dieser neue Ansatz Peter Parker, der bis dahin bereits sehr beliebte Held Marvels, in zeitgemäßer Sprache und mit aktuellen Themen der Zeit vielversprechend erfolgreich war, beweist sich mit der Wiederauflage des Anfangs dieser Ära Bendis und Bagley in diesem Buch.

Die Handlung

Es ist Peter Parkers Herkunftsgeschichte im neuen Gewand. Nahezu jeder kennt Spider-Mans Werdegang, daher sei hier nur kurz umrissen, welche Stationen in dieser Ausgabe dargestellt werden.

Peter Parker ist der Bücherwurm der Klasse und wird von seinen üblen Mitschülern nicht nur physisch gemobbt. Er muss sich zudem demütigen lassen und kann nichts dagegen tun, als auch noch die andere Wange hinzuhalten. Mary Jane ist in Bendis Version von Beginn an an seiner Seite als enge Freundin und helfende Hand.

Bei einem Schulausflug beißt ihn eine Spinne, die von niemand Geringeren als Norman Osborn in Experimenten modifiziert wurde, woraufhin Peter ungeahnte Kräfte entwickelt. Die Rolle des Norman Osborn ist in diesem Ansatz wesentlich proaktiver und lässt das Geschehen weniger willkürlich wirken als in der Erzählung Stan Lees und Jack Kirbys aus den Sechzigern, wo es eine zufällig radioaktiv verstrahlte Spinne war, die Parker zum Spider-Man machte.

Es folgen Konflikte mit seinen Zieheltern Tante May und Onkel Ben Parker, Peters erstes Auftreten beim Wrestling im selbstgemachten Kostüm, das Eintreten ins Basketball-Team und erste wehrhafte Auseinandersetzungen mit seinen Peinigern. Peters Verweigerung der Hilfe beim Fassen eines Diebes und der Mord seines Onkels wird ihn, wie auch in allen bisherigen Erzählungen, verfolgen und Motivation genug für seinen Weg zum Helden sein.

Auch der Grüne Kobold wird zeitig als Superschurke eingeführt. Nachdem sich Norman Osborn das OZ-Serum injizierte, das die Spinne innehatte, die Peter biss, wurde dieser zum Grünen Kobold. Bendis und Bagley legten die Werdung des Grünen Kobolds anders an, er veränderte sich nicht nur psychisch, sondern wurde zu einem Wesen halb Mensch halb Gargoyle in grün, welches mit Feuer werfen kann und übermenschliche Stärke besitzt. Diese Origin des Grünen Kobolds erklärt die Werdung des riesigen grünen und beflügelten Monsters, das aus Norman Osborn einmal werden wird, welches beispielsweise auch in „Spider-Man: A New Universe“ zu sehen ist.

Als Ganzes gesehen erzählt Bendis eine Origin des Peter Parker, die für damalige Zeiten aktuell wirkt. Das neue Jahrhundert und Jahrtausend waren angebrochen, die Technologie machte mit dem Mobilfunk und dem Internet für den Endverbraucher einen riesigen Sprung. All das greift er hier auf, indem Tante May ins „Web geht“, um dort eine am Familientisch entstandene Frage zu beantworten, und Handys mehrmalige Nennung finden.
Die Art und Weise, wie Peter Parker eingeführt wird, hat eine Ebene inne, die sich leider auch heute noch als Problem an vielen Schulen wiederfindet. Mobbing und soziale Ausgrenzung stellen der Autor Bendis und Zeichner Bagley sehr treffend dar. Das hintergründige Rauschen aus abfällig lästernden oder beiläufig unüberlegten Kommentaren der Mitschüler musste für Peter Parker eine Pein sein. Er bekam die Kräfte, sich physisch zu wehren, jedoch bleiben die psychischen Schäden meist bestehen.

Der Stil

Die Zeichnungen Mark Bagleys haben einen Wiedererkennungswert, was nichts über die Qualität aussagt. Stilfragen sind eh immer Geschmacksfragen, daher kann hier nicht beurteilt werden, wie gut oder schlecht diese ersten sieben Kapitel umgesetzt wurden. Festzuhalten ist, dass Spider-Man vom Design dunkler und glatter, mit dem ersten richtigen Kostüm sogar ohne die Netz-Linien darauf daherkommt, Peter Parker als Figur schmächtig und klein wirkt und die Umgebung mit viel liebevollem Auge für die nötigen Details ausgeschmückt wird. Offensichtlich wird auch, dass sich die Gesichter der Figuren durch sehr große Augen auszeichnen, die Figuren teilweise knuffig runde Gesichter und überhaupt große Züge haben, die manchmal etwas zu viel sein können und auch nicht immer die Person wiedererkennbar machen.

Bagley hat auch richtig starke Ideen darin verbaut, wie die Hand in ihrem eigenen Panel, die nur fingerspitzengroße Stücke Wand ablöst, die leuchtenden grünen Augen des monströs gefährlich und angsteinflößenden Grünen Kobolds und die Posen und Kampfszenen Spider-Mans. Die auf einem Panel gebündelte mehrfache Darstellung des springenden und ausweichenden Peter Parkers schafft die so bekannte große Dynamik und Geschwindigkeit, die man von Spidey mittlerweile gewohnt ist.

In seiner Art zu kolorieren ist etwas mehr Old-School Feeling, zumindest sieht man nicht viel von der heutigen geläufigen und teilweise sehr knallig bunten Farbgebung. Es bewegt sich etwas dazwischen, die Farben und Kontraste sind zwar knallig modern, haben aber einen Hauch von klassischem Comic-Stil inne mit seinen teilweise einfarbigen gelben und grünlichen Hintergründen der Dialoge der Figuren.

Fazit

Das Marvel „Must-Have“ ist definitiv eine der lehrreichen „Lektionen fürs Leben“ eines Comic-Fans und Neueinsteigers. Hier werden die wichtigsten Figuren gezeigt, diese ausreichend in ihren Motiven eingeführt, das große Dilemma des Peter Parkers wird dem Leser nahegebracht und man bekommt einen Blick in die Vergangenheit einer der einflussreichsten Comic Superhelden der letzten Jahrzehnte.

Das Hardcover-Format lädt außerdem ein, diese Geschichte mehrfach zu lesen, denn es verliert nicht so schnell an Form wie manches Paperback. Der umfangreiche Teil aus Zusatzmaterial (Charakterstudien, Informationen zur Entstehung der Comics, Interviewschnipsel der Macher, eine Timeline der wichtigsten Events des Ultimate Spider-Man und einen Ausblick auf das, was nach Peter Parker Spider-Man noch so kam) bieten zudem einen umfassenden Einblick in die Geschichte.

Dieser Comic ist eine konventionelle Origin-Story im neuen Gewand, die man auf Grund ihrer Comic-Historie zumindest gelesen, wenn nicht sogar im Schrank stehen haben sollte. Es unterhält leicht und ganz im Spider-Man typischen, mit Sprüchen untermalten Jargon. Es ist eine Empfehlung an alle Spidey-Fans, die auch einige Einblicke in die jüngere Geschichte wagen möchten.


Marvel Must-Have: Ultimate Spider-Man: Lektionen fürs Leben

Inhalt

Spider-Mans Anfänge als moderne Neuinterpretation

Der Mythos von Spider-Man wird für das 21. Jahrhundert als ebenso aufregende wie überraschende Parallelwelt-Geschichte neu definiert! Auch in dieser modernisierten, frischen Version der Legende wird der Teenager Peter Parker von einer Spinne gebissen und erhält dadurch erstaunliche Kräfte. Doch allein deshalb ist der Außenseiter noch lange kein verantwortungsbewusster Held.

(Quelle: Panini)

Autor

Brian Michael Bendis
(*18. August 1967 in Cleveland, Ohio, USA) ist ein US-amerikanischer Comic-Autor und Künstler.

(Quelle: Wikipedia)

Brian Michael Bendis – Homepage | Brian Michael Bendis – Twitter

Details

Format: Hardcover
Vö-Datum: 27.07.2021
Originalausgaben: Ultimate Spider-Man (2000) 1-7
Seitenzahl: 212
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Panini Verlag

Copyright Cover: Panini Verlag



Über den Autor

Lars
Musiker, Texter und Mensch, lebend in Berlin.