Review

Marc Mielzarjewicz. Der Mann mit der Kamera, dem schwer aussprechbaren Namen und den verfallenen Gebäuden. Als Fotograf der „Lost Places“, also Orte, die einst von Menschen bevölkert waren und nun verlassen sind, hat er sich mit seinen charakteristischen schwarz-weiß Fotografien einen Namen gemacht. In seiner Bildband-Reihe, erschienen im Mitteldeutschen Verlag, ist neben den Regionen Halle, Leipzig, Beelitz und Magdeburg seit 2013 auch der Harz durch „Lost Places Harz: Bild-Text-Band“ vertreten.

Dass Mielzarjewicz trotz (oder gerade wegen?) fehlender Fotografenausbildung einiges aus seinem Werkzeug zaubern kann, ist Fans von maroden Bauwerken sicher bekannt. Seine Architekturporträts in diesem Bildband widmen sich im östlichen Harz nun zumeist leer stehenden DDR-Bauten. Insgesamt 19 Orte hat er besucht, nach eigener Aussage vor allem Heilstätten. Dass Heilstätten, Krankenhäuser und Irrenanstalten in diesem Genre beinahe Verkaufsgaranten sind, sollte ja spätestens seit den Heilstätten in Beelitz bekannt sein, die mit Sicherheit zu den meistfotografierten „Lost Places“ gehören. Dankenswerterweise hat Mielzarjewicz aber auch leer stehende Schlösser, Ferienorte und sogar ein wenig Industrie besucht – ein bisschen Abwechslung muss ja auch sein!

Die meisten Gebäude sind bis heute nicht wiederbelebt und verfallen seit der Wende – also gut und gerne ein Vierteljahrhundert. Durch die fehlende Anbindung an größere Städte geht es auf den Abbildungen nicht nur wegen der ländlichen Umgebung weniger urban zu. Zwar kann man nicht auf jedem Foto die Orte dem ländlichen Harz zuordnen, aber die harzer Architektur – geprägt von Fachwerk, Schiefer und Holz – ist dann doch für Kenner verräterisch. Ab und zu blitzt zusätzlich der typisch dunkle Nadelwald auf den Fotos hervor. Dabei bleibt es nicht beim atmosphärischen Effekt, Mielzarjewicz zeigt hier, dass er auch Landschaftsaufnahmen gut einfangen könnte.
Dadurch besitzen die harzer Lost Places schon einen ganz eigenen Charme.

Im Gegensatz zu urbanen Ruinen finden sich aber wenige Industriedenkmale; es fehlen Graffitis, ja, teilweise gab es nicht mal „Plünderungen“, sodass einige Arbeitsplätze, abgesehen von einer dicken Staubschicht, wie frisch verlassen wirken. Außerdem zeigt Mielzarjewicz mehr abgeblätterte (oder erstaunlich gut erhaltene) Tapete. Wirklich irrwitzig, was Menschen teilweise verrotten lassen. Nicht nur die wirklich schönen Gebäude, auch antike Treppengeländer, Berge von Aktenordnern oder vereinzelte verlassene Büroutensilien zeugen vom Vergessen werden.

Stilistisch bleibt sich der Fotograf im Übrigen treu: Schon 2010 in den „Lost Places Halle“ arrangierte er Großaufnahmen von Gebäuden oder saalartigen Räumen mit vielen Detailaufnahmen. Auch finden sich einige wiederkehrende Motive. Dazu gehört eindeutig durch Fenster scheinendes Licht. Diese Motive bieten geradezu eine Steilvorlage für starke Licht-Schatten-Gegensätze. Meist gelingt ihm das Spiel mit dem Ergebnis interessanter und komplexer Fotografien, manchmal aber sind die Ergebnisse noch ungünstig komponiert. Liegt beispielsweise mehr als die Hälfte des Bildes im Dunkeln, bleibt wenig von der Ästhetik überhaupt zu erkennen, stattdessen erzeugt die Komposition gerade im Zusammenhang mit der Motivwahl „Heilstätte“ mehr künstlichen „Grusel“. Diese Effekthascherei haben die sonst gelungenen Bilder aber gar nicht nötig. Das beweisen auch manche Detailaufnahmen, die besonders durch ihre Geometrie bestechen, die der Fotograf gekonnt in Szene setzt.

Marc Mielzarjewicz (Copyright: Marc Mielzarjewicz)

Marc Mielzarjewicz (Copyright: Marc Mielzarjewicz)

Eine Spur mehr Persönlichkeit verleihen schließlich die Texte von Sabine Ullrich den Fotografien. Ihre Hintergrundinformationen beleuchten nicht nur den Niedergang der Gebäude Anfang der 90er Jahre, sondern gehen über diesen zeitlichen Ausschnitt hinaus. Kurz und knackig präsentiert sie den Werdegang der Immobilie, ohne künstlich auf die Tränendrüse zu drücken.

Insgesamt also ein uneingeschränkt großartiger Bildband? Leider nicht ganz. Im Vergleich zu dem drei Jahre älteren „Lost Places Halle“ hat die Druckqualität stark nachgelassen. Beim Blättern hinterlässt man auf den schwarzen Seiten zwangsläufig extrem viele Fingerabdrücke, außerdem ist der Druck körnig und reflektiert stärker. Hier sollte nachgebessert werden – und wenn man einmal dabei ist, könnte man die Fotos auf den Seiten auch direkt noch etwas größer darstellen.

Lässt man sich von diesen technischen Mankos nicht beirren, entführt Mielzarjewicz den Leser – oder besser Zuschauer – in das moderne Äquivalent des Vanitas-Stilllebens. Egal ob nun Fotografie-Liebhaber, Architektur-Nerd, Geschichts-Fan oder Harz-Wanderer: Mit diesem Buch werden viele Geschmäcker glücklich!

Inhalt

Erneut begibt sich Marc Mielzarjewicz auf die Spur verlassener und verfallener Gebäude, diesmal quer durch den Harz jenseits der Touristenströme. Heilstätten, Sanatorien, Industrieanlagen, verfallene Schlösser und Bahnhöfe, Eisenhütten und Ferienheime geraten dabei in seinen unverwechselbaren Fokus. Wie schon in den Bänden zuvor entdeckt der Fotograf die reizvollen Details fernab der Totale. Sein einzigartiges Spiel mit Licht, Schatten und Formen sowie sein archäologischer Blick machen auch diesen fünften Band zu einem außergewöhnlichen Betrachtungserlebnis.
In prägnanten Texten stellt Sabine Ulrich die fotografierten Objekte vor.

(Quelle: Mitteldeutscher Verlag)

Fotograf und Autorin

Fotograf – Marc Mielzarjewicz
geboren 1971 in Halle, Studium der Wirtschaftswissenschaften. Fotografiert seit Mitte der 80er Jahre mit Schwerpunkt Architektur- und Detailfotografie, marode (Industrie-)Architektur, Ausstellungen zum Thema Industrieromantik. Er lebt heute in Halle und arbeitet in Leipzig.

(Quelle: Mitteldeutscher Verlag)

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Autorin – Sabine Ullrich
geboren 1966, Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und Neueren Deutschen Literatur an der LMU München. Lebt und arbeitet in Magdeburg. Zahlreiche Veröffentlichungen über Architektur und lokalgeschichtliche Themen.

(Quelle: Mitteldeutscher Verlag)

Details

Format: gebundener Bild-Text-Band mit Textbeiträgen von Sabine Ullrich (s/w-Abbildungen)
Vö-Datum: 28.03.2013
Seitenzahl: 160
ISBN: 978-3-95462-010-4
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Mitteldeutscher Verlag

Copyright Cover: Mitteldeutscher Verlag



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer