Review

Müsste man „Low“, das jüngste Comic-Werk von Greg Tocchini und Rick Remender, mit einem Wort zusammenfassen, wäre es vermutlich „brutal“. Brutal-hoffnungslos, brutal-ehrlich, brutal-blutig, brutal-schön.
Das alles zeigte sich bereits im ersten Band, nun setzt das Dreamteam mit „Low – Bevor uns die Morgendämmerung verbrennt“ zum Zweitschlag an.

Kontinuität findet sich zunächst und ganz offensichtlich in der Optik. Tocchini bleibt auch auf diesen Seiten seinem fragmentarisch-emotionalen Stil treu, der unverwechselbare Stimmung beim Leser erzeugt. Ein grober Strich, gelegentlich fast skizzenhaft, kombiniert mit kraftvollem Farbauftrag. Wieder dominieren Farbfamilien die einzelnen Seiten – und gelegentlich könnte man sogar meinen, dass selbst die Panelaufteilung allein nach ästhetischen, nicht nach pragmatischen Gründen entschieden wird.
Beim Lesen wird außerdem klar: Hier ist jemand brutal-kompromisslos. Es stehen keine detailverliebten, epochalen Großszenerien im Vordergrund dieses Werkes, sondern Dynamik. Allerdings fehlt es auch in Band 2 manchmal an der eindeutigen Wiedererkennbarkeit der Charaktere. Nichtsdestotrotz hat sich der Leser schon mehr an den Strich des Künstlers gewöhnt – und die Protagonisten des ersten Teils kann man sich ebenfalls schnell wieder ins Gedächtnis rufen.

Damit kommt man allerdings zunächst nicht ganz so weit. Der zweite „Low“-Band beginnt nämlich mit einem Perspektivwechsel. Zwei junge Frauen streiten sich. Die eine fängt mit geschickten Pinselstrichen die Schönheit eines Tempels ein. Die andere, offensichtlich eine hohe Persönlichkeit in einer der Unterwasserstädte, welche die Menschheit bewohnt, seit die Sonne das Leben auf der Oberfläche unmöglich gemacht hat, entreißt ihr das Bild und verbrennt es. In dieser Stadt ist Kunst verboten, denn Kunst gibt Hoffnung, die es nicht gibt. Die zweite Frau wird wenig später als Ministerin für Gedanken enthüllt, der Frau also, die das Verbot von Hoffnung und Kunst verkörpert. Brutal geht sie gegen den illegalen Kunstmarkt vor. Bis sie sich selbst fragen muss, wie weit sie für diesen Unterdrückungsapparat gehen wird – und ob es nicht doch noch Hoffnung geben kann.

Leseprobe aus "Low - Band 2" (Seite 3) | Copyright: Splitter Verlag

Leseprobe aus „Low – Band 2“ (Seite 3) | Copyright: Splitter Verlag

Stel, die hoffnungsgeplagte Protagonistin aus Band 1 ist hingegen weiter auf dem Weg an die Oberfläche. Dafür benötigen sie und ihre zwei Begleiter allerdings dringend einige Utensilien, für die sie in einer verlassen geglaubten Stadt haltmachen. Einer eigenen Mission folgt hingegen Stels Tochter Tajo.

Schließlich scheint sich dazu noch ein Storyelement mit einem intelligenzbegabten Insektenvolk anzubahnen, hier bleiben die Andeutungen aber eher geheimnisvoll.

Wie feine Risse im Eis, beginnt sich die Story also weiter und weiter zu verzweigen. Bei gleichbleibendem Erzähltempo erhöht sich dadurch die Spannung entscheidend. Man merkt Remender einfach an, dass er hier nicht einfach nur nach Schema F vorgehen will, sondern ein komplexes Gebilde aus Figuren und Beziehungen spannt.

„Low – Bevor uns die Morgendämmerung verbrennt“ ist damit eine würdige Fortsetzung des großartigen ersten Bandes, auch wenn der Leser sich dieses Mal mit fast 60 Seiten weniger begnügen muss. Die gut angelegte und komplexer werdende Story sowie das eigenwillige und packende Artwork zeichnen diesen ungeschliffenen Comic-Diamanten aus. Nur das Warten auf die Fortsetzung wird wohl – brutal.

Handlung

Die Sonne stirbt – mit dieser Tatsache müssen sich die letzten Menschen der Erde anfreunden. Und um den tödlichen Strahlen des sterbenden Sterns zu entkommen, bauen sie riesige Städte am Grund der Ozeane. Doch keine der Sonden, die man aussendet, um einen neuen bewohnbaren Planeten aufzuspüren, wird fündig. Zehntausend Jahre vergehen und allmählich schwindet jede Hoffnung auf Rettung. Doch Stel Caine ist eine unverbesserliche Optimistin. Sie kann und will nicht akzeptieren, dass das Ende unausweichlich ist. Trotz der Schwierigkeiten, Nahrung für die letzten Menschen zu finden. Trotz der riesigen Gefahren der Tiefsee. Trotz einer Sonne, die kurz davor ist, zur Nova zu werden. Stel Caine gibt nicht auf. Sie ist die letzte Hoffnung einer zum Sterben verurteilten Menschheit …

(Quelle: Splitter Verlag)

Autor

Rick Remender
ist ein amerikanischer Comicautor und Künstler, geboren am 06. Februar 1973. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Marvels Uncanny Avengers, die Uncanny X-Force und Venom.

(Quelle: Wikipedia)

Rick Remender – Homepage
Rick Remender – Twitter

Details

Format: Hardcover – Bookformat
Vö-Datum: 01.05.2016
Seitenzahl: 112
ISBN: 978-3-95839-099-7
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer