Review

Linkshänder haben es schon nicht leicht: Scheren, die nicht schneiden, Schreibutensilien, die nicht kooperieren, Maschinen, die ganz und gar nicht „mit links“ zu bedienen sind … Doch was wäre, wenn Linkshändigkeit – quasi als Entschädigung – eine vollkommen neue Welt eröffnen würde?

Das Linkshänderland im gleichnamigen Romandebüt von Lara De Simone bietet allen Linkshändern weltweit ein zweites – digitales – Zuhause. Eine Nachbildung der echten Welt, die allerdings trotz ihrer Programmierbarkeit nicht perfekt ist. Stattdessen ist es auch in der Simulation nötig, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und menschlichen Bedürfnissen nachzugehen, ja, sogar sterben kann man im LHL. Zwar konnten Ressourcenprobleme bewältigt werden, dafür gibt es umso größere Probleme mit der Regierung dieser „schönen neuen Welt“.

Von all dem ahnt die 13-jährige Trix nichts. Eine Schule, die sie noch nicht richtig kennt, nur eine Freundin an selbiger, eine neue Wohngegend und neben dem Joggen kein anderes Hobby, viel scheint es in ihrem Leben nicht zu geben bis Liam an ihre Tür klopft. Der 16-Jährige nähert sich ihr nicht aus romantischen Gründen, sondern quasi aus „beruflichen“: Liam ist Linkshänder und hat im LHL von seinem Mentor den Auftrag bekommen, sich um Trix als Mentee zu kümmern. Denn im Gegensatz zum „normalem“ Linkshänder, der bereits kurz nach der Geburt zwei Computer-Chips nahe der Augen implantiert bekommt, die das Einloggen in die digitale Welt ermöglichen, ist Trix eine verkappte Linkshänderin, die bisher ohne die Technik und somit ohne das LHL lebte. Durch einen Trick gelingt es Liam, sie in eine Klinik zu locken, in der ihr die nötige Hardware verpasst wird. Obwohl ihr Jahre des Übens fehlen und sie Liam zunächst keinen Glauben an die Existenz der Parallelwelt schenken möchte, ist sie als „VL“ ein Naturtalent. Schnell gewöhnt sie sich an ihr zweites Leben: Per Gedankenwunsch kann sie sich zu jeder Zeit ins LHL einloggen und beginnt dort die Grundausbildung an der Akademie, in deren Zusammenhang sie mit Liam schon bald ihren ersten gefährlichen Auftrag – eine Spionageaktion bei den Aufständigen, einer revolutionären Gruppe im LHL – annehmen muss.

Neben dieser Storyline werden direkt zu Beginn der Erzählung noch weitere Charaktere vorgestellt. Verschiedene Perspektivwechsel geben dem Leser dabei zwar tiefere Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt der insgesamt drei Protagonisten, gleichzeitig stiftet es zu Beginn ein wenig Verwirrung. Da bisweilen unklar ist, wie sich die einzelnen literarischen Mosaikstückchen am Ende zu einem Bild zusammensetzen, ist der Einstieg in die Geschichte etwas holprig. Gerade das jüngere Publikum, an das sich der Sci-Fi-Spionage-Roman richtet, hat hier erst mal einiges zu verdauen.

Lara De Simone (Copyright: Olivier Favre)

Lara De Simone (Copyright: Olivier Favre)

Leseratten werden hier jedoch bestimmt dranbleiben, denn die junge Autorin hat sich in ihrem ersten Roman viele interessante Fragen rund um die Themen Technik, Loyalität und Revolution vorgenommen. Gestalterischer Schwachpunkt der gut inszenierten Story ist jedoch die Tiefe. Beispielsweise bleiben die Charaktere eher unausgestaltet, am Ende der rund 350 Seiten kennt der Leser Trix, Liam und die anderen gerade einmal oberflächlich. Und während in der Mitte die Spannung etwas abflacht, hätten ein paar technische oder gesellschaftliche Details zumindest eine nette Abwechslung geboten. So bleibt bisher aber vieles im Dunklen.

Was sich zuerst als Mangel herausstellt, könnte natürlich auch Taktik sein, denn für einen Anschlussroman bieten sich so noch einige offene Baustellen an. Die Autorin, anscheinend selbst übrigens keine Linkshänderin, verpackt hier die Frage nach der perfekten Welt in den Beginn einer Spionagegeschichte, ohne auf ausgelutschte Schemata zurückzugreifen. Hier sollten Jugendbuchfans der spannenderen Genres definitiv mal eine Kostprobe nehmen!

Inhalt

Eine computergesteuerte Welt, die das Leben auf der Erde simuliert? Eine Welt, zu der nur Linkshänder Zutritt haben und in der man schon mit zwölf Jahren volljährig ist?
Die 13-jährige Trix ist wie vom Schlag getroffen, als sie von diesem mysteriösen Linkshänderland (LHL) erfährt. Über zwei Mikrochips in ihrem Gehirn ist sie mit dem LHL vernetzt und kann ihren Avatar steuern. Sie muss lediglich in Gedanken den Wunsch formulieren, sich ins LHL einzuloggen und schon sieht es in der realen Welt so aus, als würde sie schlafen. Wie ihr Mentor Liam, 16, beginnt sie eine Ausbildung zur Spionin. Und schon bald stecken die beiden in einem gefährlichen Auftrag, bei dem sie an eine Untergrundgruppe geraten, die sich gegen das LHL auflehnt. Damit setzen sie nicht nur ihre Freundschaft, sondern vor allem auch ihr Leben aufs Spiel.

(Quelle: Baumhaus / Bastei Lübbe)

Autorin

Lara De Simone, geb. 1993 in Heidelberg, gewann 2012 Preise bei verschiedenen Jugendschreibwettbewerben. Die ersten Ideen zu „Linkshänderland“ hatte sie bereits mit 13 Jahren. Aktuell studiert sie Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim.

(Quelle: Baumhaus / Bastei Lübbe)

Details

Format: Hardcover
Vö-Datum: 15.08.2014
Seitenzahl: 352
ISBN: 978-3-8339-0117-1
Sprache: Deutsch
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Verlagshomepage: Bastei Lübbe

Copyright Cover: Baumhaus / Bastei Lübbe



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer