Review

Die Bezeichnung „beeindruckend“ ist angesichts des Titels und Inhalts der Autobiografie „Mit 11 wurde mein Körper zur Ware“ von Kerry Cohen vielleicht ein bisschen unangebracht und prinzipiell fällt es nicht leicht, eine Bewertung zu einer Niederschrift über das Leben einer Person vorzunehmen, denn wie können wir uns anmaßen, über Werdegänge mit möglichen Fehlern und schicksalhaften Wendungen zu urteilen. Es ist also nicht vordergründig der Inhalt, der hier im Fokus der Rezension stehen und ausschlaggebend für die Punktvergabe sein wird, sondern vielmehr die Art und Weise wie Kerry Cohen ihre zeitgeraffte Lebensgeschichte an die Leser transportiert.

Wie der Titel „Mit 11 wurde mein Körper zur Ware“ schon vermuten lässt, erzählt Kerry Cohen über jenen Lebensabschnitt, der bestimmt war von Sex, letztendlich hervorgerufen durch die Suche nach Liebe und Geborgenheit. Im zarten Alter von elf Jahren war ihr dies noch nicht bewusst, umso anschaulicher nimmt der Leser in „Mit 11 wurde mein Körper zur Ware“ teil an ihrem Entwicklungsprozess, der zunehmend verbunden ist mit ihrer wachsenden Reife und aus Erfahrungen gewonnen Erkenntnissen.

Relativ nüchtern berichtet Kerry Cohen von wechselnden sexuellen Beziehungen, der Sucht nach körperlicher Nähe und emotionaler Tiefe. Partiell mag dies auf einige Leser sehr sachlich und emotionslos erscheinen, andererseits passt ihr Schreib- und Mitteilungsstil jedoch zum Kernthema des Buches, nämlich dass sie sich selbst und ihren Körper lange Zeit als „Ware“ respektive „Sache“ wahrgenommen und eingesetzt hat. Trotz dieser recht distanzierten Schreibweise bleibt der Leser daher nicht gänzlich von Gefühlen unberührt, erst recht dann nicht, wenn man hinter die Fassade zu blicken versucht und sich gedanklich über das Lesen hinaus mit Cohens Lebensgeschichte auseinandersetzt. Und auch wenn der warnende Charakter des Geschriebenen nicht so ganz zum Ausdruck gebracht wird, so mag man am Ende des Buches doch dem auf dem Klappentext zu findenden Satz bzw. der rhetorischen Frage zustimmen: „In diesem fesselnden Buch erzählt Kerry Cohen ihre dramatische Lebensgeschichte als warnendes Beispiel, denn wer will schon von sich sagen: Mit 11 wurde mein Körper zur Ware?“

In den Darstellungen der sexuellen Aktivitäten bleibt Kerry Cohen angemessen detailarm. Dies unterstreicht, dass es in ihrem Buch nicht darum geht, einen Beitrag zur erotischen Literatur zu liefern, sondern die Dramatik, das Schicksal und die Tragik ihres hier umrissenen Lebensabschnitts zu betonen – auch wenn man jene Facetten unter Umständen erst bei genauerer Betrachtung erkennen wird.

Kerry Cohen (Copyright: Heather Hawksford)

Kerry Cohen (Copyright: Heather Hawksford)

Obwohl Kerry Cohen von Extremen berichtet, besteht auch für jene Leser, die diesen jeweiligen Grad der Ausprägungen nicht teilen, dennoch die Möglichkeit, ihre Handlungsweisen nachzuvollziehen oder sich in einigen Beweggründen und Entscheidungen sogar wiederzufinden. Durch die hohe Authentizität ist somit immer ein Maß an Identifikationsmöglichkeit geboten.

Überarbeiten sollte man das Buch allerdings noch einmal bezüglich Lektorat bzw. Korrektorat, denn – ob Übersetzungsmängel oder fahrige Arbeit bei der Durchsicht – die Fehlerquote ist für den Umfang von 320 Seiten zu hoch. Fehlende Wörter, fehlerhafte Groß- und Kleinschreibung, Buchstabendreher oder -vertipper (z.B. leben statt legen, krampft statt klampft, leibt statt liebt) stören – zumindest in ihrer auftretenden Häufigkeit – hier oftmals den Lesefluss.

Alles in allem ein empfehlenswertes Werk, das tiefe Einblicke in ein außergewöhnliches Leben bietet, das – vielleicht nicht in dem Ausmaß, aber im Ansatz – von vielen nachvollziehbar und eventuell sogar in abgeschwächter Form Parallelen zur eigenen Denkweise aufwirft. Letztendlich ist es schließlich das Bestreben eines jeden Menschen, Geborgenheit und Liebe zu erfahren, lediglich der Weg, diese Bedürfnisse zu stillen, unterscheidet sich.

Inhalt

„Ich widme dieses Buch allen Mädchen, die wie „dieses Mädchen“ sind – allen, die solch ein Mädchen kennen. Und allen, die sich fragen, wer „dieses Mädchen“ wohl in Wirklichkeit sein mag.“ – Kerry Cohen

Sie ist elf, als sie lernt, wie Männer auf sie reagieren. Wie Männer auf Mädchen reagieren. Und der Wunsch wahrgenommen zu werden, lässt sie einen Weg einschlagen, von dem sie selbst weiß, dass er sie in den Abgrund führen wird.
Was Liebe ist, weiß sie nicht, sie ist noch viel zu jung. Und so denkt sie, Sex zu haben ist das Gleiche. Es wird die Sucht, die sie treibt. Nicht nur die Sucht nach Sex, es ist die Sucht nach Geborgenheit und nach Nähe.

In diesem fesselnden Buch erzählt Kerry Cohen ihre dramatische Lebensgeschichte, ihren Weg vom Kind zur stadtweit bekannten Schlampe, die es mit jedem treibt, und versucht zu begreifen, was mit ihr geschah, um andere vor einem ähnlichen Schicksal zu warnen und vielleicht zu bewahren.
Denn wer will schon von sich sagen: Mit 11 wurde mein Körper zur Ware?

(Quelle: U-line Verlag)

Autorin

Kerry Cohen wurde am 15. September 1970 in Cleveland (Ohio) geboren und ist eine amerikanische Autorin. Sie schreibt auch unter anderem unter dem Namen Kerry Cohen Hoffmann.
Kerry Cohen lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Portland, Oregon.

(Quelle: Wikipedia)

Kerry Cohen – Homepage
Kerry Cohen – Facebook
Kerry Cohen – Twitter

Details

Format: Taschenbuch
Veröffentlichung: 31.05.2015
Seitenzahl: 320
ISBN: 978-3-944154-20-6
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: U-Line Verlag

Copyright Cover: U-Line Verlag



Über den Autor

Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde