Review

Kazuto Tatsuta zog es dahin, wo sich am 11. März 2011 eine der wohl schrecklichsten Katastrophen seit dem Vorfall in Tschernobyl ereignete – Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Ein Seebeben der Stärke 9 und der darauffolgende Tsunami überschwemmten nicht nur ganze Landstriche, sondern sorgten auch für eine Kernschmelze innerhalb des Atomkraftwerkes. Das verheerende Resultat ist die bis heute radioaktiv verseuchte Umgebung sowie die Zerstörung unzähliger Wohngebiete und Industriebauten.

Da Tatsuta selbst nicht aus der Gegend kommt, er aber den Drang verspürte, mehr über diesen damals lebensfrohen Ort zu erfahren, beginnt er seinen Job als Aufräumarbeiter in der verstrahlten Ruine, die auch unter dem Begriff „1F“ in Japan bekannt ist. Als Mangaka beschreibt der Autor detailliert seine Erfahrungen in Fukushima, den Arbeitsalltag mit seinen Kollegen sowie die Reaktionen der Medien auf den Rückbau im Krisengebiet.

Zunächst einmal sei gesagt, dass es sich hier um einen rein informativen bzw. dokumentierenden Manga handelt. Wer also einen dramatischen Thriller- oder Horrortrip erwartet, ist mit „Reakor 1F: Ein Bericht aus Fukushima“ nicht gut beraten. Hier laufen bestimmt keine mutierten oder missgebildeten Kreaturen herum, die es zu beseitigen gilt. Es geht allein um die Arbeit im und am Gefahrenpunkt. So nüchtern und authentisch, wie die Realität eben sein kann.

Neuankömmlinge werden diesem Werk wohl ein- oder zweimal die Chance geben müssen, sich zu entfalten. Für einen Europäer ist es in der Regel schwer, sich auf diese Thematik empathisch einzulassen, da das Geschehen so unglaublich weit weg stattfand und man einen Großteil darüber nur durch die lokalen Medien erfahren hat. Man hat daher zum Beispiel nicht den Überblick darüber, welche gesellschaftlichen und politischen Probleme nach diesem Vorfall in Japan hinzugekommen sind. Auch diese behandelt Tatsuta in seinem Manga.

Zu einem großen Teil geht es in „Reaktor 1F: Ein Bericht aus Fukushima“ um Tatsutas berufsbezogene Routine, mit der er seinen Arbeitstag gestaltet: Regelmäßige Kontrollen auf Radioaktivität, die Organisation der sozialen Unterkünfte innerhalb der Krisenumgebung, die Arbeit direkt an den Überresten aus Stahl und Beton etc. Dabei beschreibt er alles bis ins kleinste Detail, angefangen von der Schutzkleidung bis hin zur Sicherstellung der gesundheitlichen Unversehrtheit. Ebenfalls geht er auch auf soziale Aspekte ein, denn auch ihn lockte als ehemaligen Arbeitssuchenden neben dem Interesse an Fukushima das Geld. Diesbezüglich legt Tatsuta typische bürokratische und sozialkritische Punkte in der japanischen Gesellschaft offen. In vielerlei Hinsicht wird es einem Europäer auch an diesem Punkt schwerfallen, etwas nachzuvollziehen, was für einen Japaner selbstverständlich ist.

Leseprobe aus "Reaktor 1F: Ein bericht aus Fukushima" (Copyright: Kazuto Tatsuta / Kodansha Ltd. / Carlsen Verlag)

Leseprobe aus „Reaktor 1F: Ein bericht aus Fukushima“ (Copyright: Kazuto Tatsuta / Kodansha Ltd. / Carlsen Verlag)

Hinsichtlich der Zeichnungen wird man auf zwei verschiedenen Strecken fahren. Zum einen die realitätsnahe Visualisierung und zum anderen ein unterhaltender Teil. Es wird übrigens angegeben, dass Tatsuta die „Grenze zwischen Unterhaltung und Journalismus verwischt“, dennoch ist es so, dass man hier nicht den unterhaltenden Nerv trifft. Die Szenen mit den Arbeitskollegen sollen die Stimmung zwar lockern, wirken aber immer wieder albern, als wolle man das Ganze herunterspielen. Und klar ist das immer noch realistisch, zumal hier ein moderner, geordneter Arbeitsalltag mit sozialen Interaktionen geschaffen wurde, als Leser hat man aber oft das Gefühl, dass sich die eigentlich ernste Intention hinter „Reaktor 1F: Ein Bericht aus Fukushima“ nicht vollständig einstellen will, wohingegen die seriösen Darstellungen (beispielsweise die Mimik hinter einer Vollgesichtsmaske) überaus drastisch rüberkommen. Da wird eine juckende Nase unter dem Gesichtsschutz schon mal zu einer quälenden Angelegenheit. Gleichermaßen verhält es sich mit den Landschaftsbildern, welche aber ruhig etwas mehr Platz hätten einnehmen können.

All jenen, die sich für aktuelle und einschneidende Geschehnisse interessieren bzw. die Geschichte dahinter verstehen wollen, kann man den ersten Teil von „Reaktor 1F: Ein Bericht aus Fukushima“ nur empfehlen. Zu Beginn ist es etwas schwierig, in die ganze Thematik hineinzukommen, aber wenn man dem Manga erst einmal eine Chance gegeben hat, gestaltet sich das Lesen doch recht angenehm. Wer etwas Geduld mitbringt, wird mit einem ausgezeichneten Werk belohnt.

Handlung

Kazuto Tatsuta lässt sich als Aufräumarbeiter in der Ruine des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi anstellen, das in Japan als »1F« zum Synonym für ein nationales Trauma geworden ist. Neutral und sachlich beschreibt er seine Arbeit, das Gelände, die Prozedur des Anlegens der Schutzanzüge. Er erzählt von der Angst der Kollegen, die größtenteils aus dem evakuierten Gebiet stammen, von den Subunternehmen bei denen er angestellt ist und denen Verbindungen zur Yakuza nachgesagt werden, von der Radioaktivität ─ nach zwei Monaten hat sein Körper die jährliche Strahlenhöchstdosis aufgenommen und er muss pausieren. Zeit, um als Augenzeuge unter einem Pseudonym seinen Manga zu zeichnen und in Bildern festzuhalten, was von offizieller Seite verschwiegen wird.

In seinem Bericht verwischt Kazuto Tatsuta die Grenze zwischen Unterhaltung und Journalismus. Als Augenzeuge ist es dem Mangaka möglich, die Arbeit im Kraftwerk nach dem Super-Gau detailgetreu zu schildern ─ und auch die Stimmung unter den Kollegen einzufangen.

(Quelle: Carlsen Verlag)

Details

Format: Großtaschenbuch
Veröffentlichung: 01.03.2016
Seitenzahl: 192
ISBN: 978-3-551-76107-1
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Christopher