Review

„We are all mad here“ – dieses Zitat verbindet wohl jeder direkt mit Lewis Carrolls Stoff von „Alice im Wunderland“. Das kleine Mädchen, das durch den Kaninchenbau direkt in ein wirres, verrücktes Abenteuer fällt, in dem man nie ganz sicher ist – wer bin ich? Wer bist du? Und wo sind wir eigentlich? Alice bietet schon seit vielen Jahren Unmengen an Künstlern Interpretationspotenzial – in der Literatur, in der Musik, im Film. Kein Wunder also, wenn auch eine Mangaka nicht die Feder von diesem Stoff lassen kann. Und wenn diese Person auch noch Kaori Yuki heißt, dann wissen wir, dass sie der Aussage „we are all mad here“ garantiert gerecht werden wird.

In ihrem neuesten Coup „Alice in Murderland“ schickt sie die Leser auf eine Mad Tea Party: Jeden Monat findet im Hause Kuonji – einer reichen und einflussreichen Familie – eine Teeparty statt, zu der alle neun Geschwister erscheinen müssen. Am 19. Geburtstag des ältesten Bruders Zeno ist es wieder einmal so weit. Doch diese Teeparty wird anders, als alle vorhergehenden. Denn als Mutter Olga, Oberhaupt des Clans, den Wunsch ausspricht: „Ich möchte, dass ihr Geschwister euch gegenseitig umbringt, bis nur noch einer übrig ist!“ eskaliert die Tea Party und es beginnt ein Kampf um Leben und Tod.

Mitten in dem ausbrechenden Chaos kann die viertälteste Tochter Stella einfach noch nicht fassen, was geschieht. Sie hält das Ganze noch für einen bitterbösen Scherz, als ihr Lieblingsbruder Zeno tödlich verwundet wird. Stellas Schmerz lässt in ihr ein Monster erwachen und sie verwandelt sich in „Bloody Alice“…

Es ist eine düstere Szenerie, die hier gezeichnet wird, denn auch wenn die neun Geschwister allesamt nicht wirkliche Blutsverwandte, sondern „nur“ adoptiert sind, so ist die Pflicht, einander bis auf den Tod zu bekämpfen, schon eine grausame. Zu Beginn ist das Ganze auch etwas verworren und nicht sofort nachzuvollziehen. Wer mit Kaori Yukis Erzählart nicht vertraut ist, könnte vielleicht ein bisschen Anlaufzeit brauchen, um in die Geschichte hinein zu kommen.

Im Laufe des ersten Bandes erfahren die Leser aber immer mehr über die Hintergründe für diese blutrünstige Tradition der Familie. Das zu Beginn noch etwas wirre und nicht ganz nachvollziehbare Szenario erhält so mehr Boden und entwickelt sich zu einer spannenden Geschichte.

Mit dem Originalstoff hat „Alice in Murderland“ auf den ersten Blick jedoch nicht mehr viel zu tun – auf den zweiten dafür umso mehr. Denn auch wenn die Namen für die Angestellten der Familie ein wenig aufgesetzt wirken – Schwarzhasen und Weißhasen – so werden wiederum schon zu Anfang bestimmte Charaktere wie die rote Königin, das weiße Kaninchen und eben auch Alice geschickt indirekt angedeutet. Hinzu kommen weitere Einflüsse aus Literatur und Realität, die nicht unbedingt gebunden an das Wunderland sind, hier aber definitiv gut hinpassen. Es ist ein freierer Zugang zum Stoff, gelöst von den gewohnten Erwartungen. Was bleibt, ist dieses fesselnde, doppeldeutige Spiel der Identitäten. Wer ist Freund? Und wer will einem doch einfach nur den Kopf abschlagen?

Dazwischen streut Kaori Yuki ihre gewohnte Kombination aus Sarkasmus, schwarzem Humor und einer latent anzüglichen bis erotischen Komponente als Würze ins Geschehen ein. Zusammen mit ihrem feinen, detailreichen Zeichenstil ist hier ein leckerer Tee gebraut worden, der sowohl eingefleischten Yuki-Feinschmeckern als auch Kost-Novizen munden wird. Bleibt noch die Frage, wie sich der Geschmack in den kommenden Bänden entfalten wird.

Handlung

Jeden Monat treffen sich die Mitglieder der superreichen und extrem einflussreichen Familie Kuonji zu ihrer „Mad Tea Party“ – die einzige bewährte Familientradition. Auf einem jener Treffen teilt die Mutter Olga Kuonji ihren neun Kindern eine völlig unerwartete und schreckliche Nachricht mit: Die Geschwister müssen solange gegeneinander kämpfen, bis nur noch einer von ihnen lebt und so zum neuen Oberhaupt des Clans wird …

Die blutigen Spiele sind eröffnet!

(Quelle: Carlsen Verlag)

Details

Format: Taschenbuch
Veröffentlichung: 26.01.2016
Seitenzahl: 178
ISBN: 978-3-551-74392-3
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Silvana
Silvana
A Cat is Purrfect.