Review

Wer ist der Chef im Ring?

Er ist nicht der Erste und er wird nicht der Letzte sein. Der Therapeut Dr. Benjamin Arnell möchte den Joker nicht nur psychologisch analysieren und psychotherapeutisch behandeln, nein, er möchte den wahnsinnigen Killerclown sogar heilen. Ob der junge Familienvater dabei aus altruistischen oder aus egoistischen Motiven agiert, das weiß er selbst nicht so genau.

Jedenfalls verändern sich die Kräfte- und Machtverhältnisse innerhalb der Gesprächstherapien rasant. Während es Ben wenig bis überhaupt nicht gelingt, vertiefte Einblicke in die Psyche des Clownprinzen des Verbrechens zu gewinnen, schafft es der Joker spielerisch, sich einen festen Platz in den Gedanken und Gefühlen seines labilen Gegenübers zu reservieren. Schon bald verfolgt Dr. Arnell die Arbeit im Arkham Asylum bis in die heimischen vier Wände und sogar noch in seine Träume hinein. Spätestens als der Psychologe zu Hause ein ausgesprochen bizarres Kinderbuch auffindet und der Joker mit dem Wissen um die Namen von Frau und Sohn auftrumpfen kann, verliert er jegliche Kontrolle im Arzt-Patienten-Verhältnis. Es entspinnt sich ein Katz-und-Maus-Psychospiel, bei dem Ben gar nicht merkt, wie sehr er manipuliert wird.

Darüber hinaus wird die Existenz des Dunklen Ritters durch tragische Ereignisse in der Kindheit von Bruce Wayne infrage gestellt.

Manchmal reicht schon ein kleiner Schubser

Wer unsere Besprechungen regelmäßig verfolgt, der kommt nicht umhin zu wissen, dass wir große Bewunderer der Arbeit des kanadischen Alleskönners Jeff Lemire sind („Berserker Unbound“, „Black Hammer 4: Age of Doom Buch 2“, „Thanos Megaband 1: Tödlicher Titan“).

Dass Lemire gerade mit seinem hiesigen Kompagnon Andrea Sorrentino in der Lage ist, etwas ganz Besonderes abzuliefern, das haben die beiden unlängst mit ihrer großartigen Hit-Serie „Gideon Falls“ (zuletzt „Gideon Falls 4: Das Pentoculus“) eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Nunmehr nutzt das brillante Dream-Team also erstmals die kreativen Freiheiten, die ihnen das Black Label von DC bietet, und legt „Joker: Killer Smile“ vor. Dabei handelt es sich um eine eigenständige und abgeschlossene Geschichte, in deren Fokus die nicht greifbare Psyche des geisteskranken Jokers und vor allem die labile Persönlichkeit der neu eingeführten Figur des Dr. Ben Arnell stehen. Es ist eine Geschichte von Wahnsinn, Obsession und absolutem Kontrollverlust.

Dabei fällt schon auf den ersten Blick ins Auge, dass Lemire und Sorrentino hier kein komplettes Neuland betreten. So hat freilich bereits die junge Psychologin Dr. Harleen Quinzel alias Harley Quinn erfolglos versucht, den Killerclown von seinem zerstörerischen Wahnsinn zu heilen oder diesen jedenfalls zu ergründen („Harleen 3“, „Joker/Harley: Psychogramm des Grauens 1“, „Harley Quinn: Mad Love“); nur um diesem am Ende gänzlich unterlegen und vollkommen ausgeliefert zu sein. Und obwohl „Joker: Killer Smile“ also eine thematische Richtung einschlägt und Aspekte verhandelt, die selbst unter dem Banner des Black Label schon eingehend beleuchtet worden sind, setzt kein Sättigungseffekt oder gar eine Überdrüssigkeit des Lesers ein.

Leseprobe aus „Joker: Killer Smile“ von Jeff Lemire und Andrea Sorrentino. (Copyright: Panini Comics)

Das liegt einerseits schlicht daran, dass Jeff Lemire ein hervorragender Geschichtenerzähler ist.
Seine Geschichte ist ein intensiver Psycho-Thriller, der gekonnt eine unheimliche wie bedrohliche Atmosphäre aufbaut, und noch dazu einen fiesen Plot Twist zu bieten hat („Joker: Killer Smile #1-3“).
Das letzte Kapitel „Batman: The Smile Killer #1“ macht hingegen Anleihen bei Genre-Größen wie „Shutter Island“ und rekurriert thematisch bisweilen auf „Batman: Der letzte Ritter auf Erden“.
So ist „Killer Smile“ sicherlich nicht von Grund auf neu erdacht, aber dennoch lebt das Buch von seiner Spannung, seiner Stimmung und vor allem seinen Charakteren.

Andererseits profitiert die Black Label-Story von der – abermals – grandiosen Inszenierung durch Andrea Sorrentino. Einerlei, ob das Panel-Design, das Gespür für die Gestaltung der einzelnen Seiten oder die Figurengestaltung; Sorrentino brilliert in jeder Hinsicht. Bei diesen Bildern bahnt sich der Wahnsinn seinen Weg unmittelbar zum Leser.

Fazit

Mit „Joker: Killer Smile“ setzt sich der Triumphzug des Black Label (vgl. Comic-Highlights des Jahres 2020) ungebrochen fort: Eine packende Geschichte, eingehüllt in fantastische Bilder.


Joker: Killer Smile

Inhalt

Der neueste Kracher unter dem Black Label ist ein echter Joker-Psychothriller, der unter die Haut geht!

Das Kreativteam hinter den Comic-Erfolgen Old Man Logan und Gideon Falls erzählt einen abgeschlossenen, packenden Psycho-Thriller über Batmans Erzfeind: Dr. Ben Arnell arbeitet als Psychologe in der Irrenanstalt Arkham Asylum und will den Joker durch eine Gesprächstherapie heilen. Doch schon nach wenigen Sitzungen schleicht sich der Wahnsinn des Killerclowns in Dr. Arnells Leben und in seine Familie. Außerdem bekommt auch Bruce Wayne eine Therapie …

(Quelle: Panini Comics)

Autor

Jeff Lemire
(*21. März 1976) ist ein kanadischer Comicautor und Autor.
Lemire ist bekannt für seine launischen, humanistischen Geschichten und seinen skizzenhaften, filmischen Schwarzweiß-Zeichenstil.

(Quelle: Wikipedia)

Jeff Lemire – Homepage | Jeff Lemire – Twitter

Details

Format: Hardcover
Vö-Datum: 02.02.2021
Originalausgaben: Batman: The Smile Killer 1, Joker: Killer Smile 1-3
Seitenzahl: 156
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Panini Verlag

Copyright Cover: Panini Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)