Review

John Nivens Bücher sind immer etwas Besonderes.
Das ist insofern bemerkenswert, weil Niven in seinem „früheren“ Leben A&R Manager bei einer Plattenfirma war und erst sehr spät beschlossen hat, dass er es mit dem Schreiben versuchen will. Zum Glück hat er sich dazu entschieden, denn sonst wären geniale Bücher wie „Coma“, „Gott bewahre“ oder „Kill your Friends“, welches sogar verfilmt werden soll, nie erschienen.

John Nivens neuester Streich heißt „Straight White Male“ und ist wie schon „Coma“ und „Kill your Friends“ wieder als fiktive Biografie angelegt.

Der Protagonist, Kennedy Marr, ist erneut, wie es bei John Niven üblich ist, als klarer Antiheld angelegt, denn offensichtlich kann sich Niven sogenannte Arschlöcher am besten ausdenken.

Kennedy Marr ist in bescheidenen Verhältnissen in Irland geboren und aufgewachsen, bevor er entdeckt hat, dass er durchaus gut schreiben kann. Mittlerweile lebt er in Los Angeles und verdient haufenweise Geld mit dem Schreiben von Romanen und Drehbüchern. Er lebt einen extrem exzessiven Lebensstil, der von Alkohol, Drogen, Sex und Prügeleien dominiert wird, und benimmt sich dementsprechend so gut wie immer daneben.

Trotz der Tatsache, dass Kennedy Marr also die Definition eines eingebildeten, neureichen Arschlochs ist, das der Meinung ist, die Welt würde sich ausschließlich um ihn drehen, findet ihn der Leser schnell erst interessant und dann tatsächlich sympathisch. Ersteres ist begründet durch die perfekte Ausarbeitung dieser Figur. Letzteres durch die Tatsache, dass man seine Handlungen in der Regel auf irgendeine Art und Weise nachvollziehen kann.

„Straight White Male“ beinhaltet auch einen nicht zu unterschätzenden Anteil an dramatischen Momenten und diese sind es letztendlich, die dafür sorgen, dass man dieses Buch nicht einfach aus der Hand legen kann.
Immer wieder spekuliert man über Auswirkungen verschiedener Handlungen des Protagonisten und möchte zudem wissen, warum er so geworden ist, wie er nun mal ist.

John Niven (Copyright: Jas Lehal)

John Niven (Copyright: Jas Lehal)

John Niven spielt mit dem Wissensdurst seiner Leser und lässt sie seine Figur nach und nach begreifen. Immer mehr Tiefgründigkeit schleicht sich in das Profil des Kennedy Marr und so begreift man recht schnell, dass es sich eben nicht „nur“ um ein Arschloch handelt.

Zudem gibt es gelungene Cliffhanger, die ihre Wirkung nicht verfehlen und zum Weiterlesen animieren.

„Straight White Male“ ist auf vielschichtige Art und Weise unterhaltsam.
Zum einen gibt es eine große humoristische Komponente, die sich insbesondere dann entfaltet, wenn Kennedy Marr seine Schimpftiraden loslässt, bei denen er kein Blatt vor den Mund nimmt.
Auch die Voyeuristen in uns werden befriedigt, da John Niven das Leben als erfolgreicher Autor in Hollywood derart plausibel und glaubhaft vermittelt, dass man schnell denkt, dass es genauso abläuft. Es fühlt sich ein wenig an wie ein Blick hinter die Kulissen.

„Straight White Male“ macht aber auch nachdenklich und zündet nach einer gewissen Zeit eine riesige Bombe, die eine dramatische Wendung sondergleichen hervorruft.
Inhaltlich werde ich auf diese selbstverständlich nicht eingehen, da sich Spoilern nicht gehört, aber Fakt ist, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlt.

„Straight White Male“ ist also ein enorm erfrischendes Buch, welches seine Leser auf vielseitige Art und Weise unterhält.
Fans der bisherigen Bücher von John Niven sollten auf jeden Fall zugreifen und auch jene, die mal „etwas anderes“ lesen möchten, sollten ernsthaft über einen Kauf nachdenken.

Klappentext

„Sie alle hatten sich an der Liebe vergangen, diese Männer. Hatten sich alle an ihr versündigt, und jetzt zahlten sie die Zeche dafür. Am Telefon hatten sie ihren Frauen von Konferenzen und Terminen erzählt, während neben ihnen im Bett diese Mädchen schliefen – eine Patina aus getrocknetem Sperma auf ihren gebräunten Flanken. Auf den Flügen nach Hause suhlten sie sich in den Liegesesseln von First und Business Class, gierten nach den Beinen der Stewardessen, löschten Textnachrichten, E-Mails und Anrufprotokoll, legten sich Lügen und die Haare zurecht.“

(Copyright: Heyne Hardcore)

Autor

John Niven, geboren in Ayrshire im Südwesten Schottlands, spielte in den Achtzigern Gitarre bei der Indieband The Wishing Stones, studierte dann Englische Literatur in Glasgow und arbeitete schließlich in den Neunzigern als A&R-Manager einer Plattenfirma, bevor er sich 2002 dem Schreiben zuwandte.
2006 erschien sein erstes Buch, die halbfiktionale Novelle Music from Big Pink über Bob Dylan und The Band in Woodstock; 2008 landete er mit dem Roman Kill Your Friends – einer rabenschwarzen Satire auf die Musikindustrie – einen internationalen Bestseller. Es folgten die Romane Coma, Gott bewahre und Das Gebot der Rache. John Niven schreibt außerdem Drehbücher.
Er lebt derzeit in Buckinghamshire, England.

(Copyright: Heyne Hardcore)

Details

Format: Broschiert
Veröffentlichung: 20.01.2014
Seitenzahl: 384
ISBN: 978-3-453-26848-7
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Heyne Hardcore

Copyright Cover: Heyne Hardcore



Über den Autor

Stefan †
Stefan †
Die Lücke, die Stefan als Magazinmitbegründer, Administrator, Redakteur und Freund durch seinen plötzlichen und viel zu frühen Tod im Dezember 2014 hinterlässt, bleibt groß. Er wird immer in unseren Herzen und ein Teil des DeepGround Magazines bleiben.