Review

Eine Hommage 

Vor nicht allzu langer Zeit haben wir uns mit der neuesten Manga-Adaption von Gou Tanabe zum Lovecraft’schen Œuvre befasst, nämlich in unserem Text zu „H.P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns 2“. In der Besprechung zum unmittelbaren Vorgänger „H.P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns 1“ haben wir bereits herausgearbeitet, wie sehr H. P. Lovecraft die kreativen Köpfe der nachfolgenden Generationen – als Meister der Horrorliteratur und Beschwörer der Angst vor dem Unbekannten und dem Bedrohlichengeprägt hat. Man denke nur an den teuren Trash „Alien vs. Predator“, die „Alien“-Filmreihe ganz im Allgemeinen, an den weiteren 80er-Klassiker „Das Ding aus einer anderen Welt“ oder aus jüngster Vergangenheit etwa an „Underwater – Es ist erwacht“. Expeditionen in die Antarktis, bizarre und faszinierende Wesen im ewigen Eis – unzählige Schriftsteller und Genre-Filmemacher haben sich von Lovecraft inspirieren lassen: John Carpenter, James Cameron und noch so viele mehr.

Zu den Inspirierten gehört auch einer der Söhne von Stephen King. Joe Hill, seines Zeichens Schirmherr eines persönlichen Imprints innerhalb des DC Black Labels, legt nach dem Auftakt („Ein Korb voller Köpfe“) mit „Joe Hill – Schiff der lebenden Toten“ (US-Original: „Plunge #1-6“) erst seinen zweiten selbst geschriebenen Band unter dem Banner von Hill House Comics vor.

Dabei findet er in einem Interview, welches ebenfalls im Paperback abgedruckt ist, keine allzu rühmlichen Worte über seinen zweiten Streich. Es sei „keine erstklassige Idee“ und es werde dem künstlerischen Team „keinen Preis für große Kunst“ einbringen. Gerade im Vergleich zu „Ein Korb voller Köpfe“ sei das vorliegende Werk – mehr oder weniger – „aus dem Nichts entstanden“ – getragen von der Idee, John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ die Ehre zu erweisen.

Ob die Äußerungen von Hill in diesem Zusammenhang ein unnötiges Understatement sind, verraten wir euch im Folgenden.

Parasiten aus einer fremden Welt

Vor Jahrzehnten ist ein Öltanker spurlos in der Antarktis verschollen. Es gab kein Lebenszeichen. Doch nach 40 Jahren entsendet die „Derleth“ ein Notsignal. Offenbar gibt es noch lebende Mitglieder der Besatzung – oder doch nicht?

Ein schmieriger Firmenvertreter sucht den bärbeißigen Kapitän Carpenter [sic!] und seine Crew auf, um diese für eine Rettungs- und Bergungsmissionen anzuheuern.
Vorgeblich geht es darum, die bedauernswerten Besatzungsmitglieder eines verschollenen Schiffs zu retten; die eigentlichen Motive sind freilich weit weniger altruistisch und sehr viel profitorientierter.

Gemeinsam mit einem Forschungsteam machen sich Carpenter und seine Crew dennoch auf die Suche nach dem Bohrschiff Derleth. Und sie sollen die Überlebenden auch tatsächlich aufspüren – oder besser gesagt: die vermeintlich Überlebenden. In der Ödnis erwartet die Mannschaft das Grauen, denn die Frauen und Männer der Derleth sind von einem parasitären Wurm – einer Art Schwarmbewusstsein – aus einer anderen Welt befallen, der lebende Tote hervorbringt.

Hommage und Frische

Zugegebenermaßen ist „Plunge“ – aus der Gedankenschmiede von Joe Hill höchstselbst – nicht die tiefgründigste oder innovativste Arbeit unter seinem DC-Label Hill House Comics. Und dennoch handelt es sich um ein künstlereigenes Understatement – um die oben aufgeworfene Frage gleich zu beantworten.

Leseprobe aus „Joe Hill – Schiff der lebenden Toten“. (Copyright: Panini Comics)

Denn wer das Spiel auf der Klaviatur des Horrors derart gekonnt beherrscht wie ein Joe Hill und eine (zwar) bekannte Geschichte so erzählt, der braucht sich nicht zu sorgen, ob seine Erzählung gelesen wird. Und erzählen kann Joe Hill. Die gesamte Geschichte ist inhaltlich (Arktis, Derleth, Carpenter, etc.) gespickt mit Anspielungen und Motiven, mit Zitaten, Entlehnungen und Bezugnahmen auf literarische und filmische Vorbilder; indessen ergeht sie sich nicht in einer schlichten Ehrerbietung. Hill rührt die altbekannten Lovecraft-Zutaten neu zusammen und reichert diese noch um einige deftige Cronenbergsche Body Horror-Momente an, wenn sich z.B. die wurmartigen Parasiten durch die leblosen Augenhöhlen des Käpt’n der Derleth schlängeln; und er rundet diese wohlschmeckende Science-Fiction-Horror-Mahlzeit durch die fantastischen Bilder von Top-Zeichner Stuart Immonen („Falcon & Winter Soldier“) ab, der sich als vortreffliche Wahl herausstellt.

Immonen ist nämlich nicht nur dazu in der Lage, die unappetitlichen Horror- und Schaueffekte in Szene zu setzen; nein, es gelingt ihm ebenso routiniert, starke und charmante Charaktermomente sowie Witz in seiner zeichnerischen Arbeit unterzubringen.

An seiner Seite glänzt der Koloristen-Veteran Dave Stewart („Black Hammer 1: Vergessene Helden“), der die Geschichte Hills und das Artwork Immonens atmosphärisch durch seine Farbpalette ins rechte Licht rückt.

Fazit

Joe Hill möchte mit seiner Geschichte um einen unbekannten wie unheimlichen Feind auf den Spuren von John Carpenter, James Cameron und H. P. Lovecraft wandeln – und das gelingt!

Dabei ist dieser Band sicherlich nicht derart tiefenpsychologischer Natur wie etliche der Vorgänger. Er bietet indessen eine packende 80er Horror-Hommage mit eigenen Ideen und ist atmosphärisch passend in Szene gesetzt von Comic-Veteran Stuart Immonen und Koloristen-Veteran Dave Stewart. Ganz großes Kino in Buchform.


Joe Hill: Schiff der lebenden Toten

Inhalt

Packender Horror-Thriller von „Locke & Key“-Schöpfer Joe Hill

Eine Hommage an John Carpenter, James Cameron und H. P. Lovecraft.

1983 verschwand das Bohrschiff Derleth. Vierzig Jahre später, nach einem verheerenden Tsunami, taucht es wieder auf und sendet ein automatisches Notsignal aus der Nähe eines abgelegenen Atolls in der Beringstraße. Käpt‘n Carpenter und seine Crew, der Geschäftsmann David Lacome und die Marinebiologin Moriah Lamb, sollen das Schiff in arktischen Gewässern bergen. Doch dort erwartet sie das Grauen …

(Quelle: Panini Comics)

Autor

JOE HILL
heißt eigentlich Joseph Hillström King und ist einer der Söhne von Stephen King. Als Joe Hill machte er zunächst mit Prosa-Kurzgeschichten auf sich aufmerksam, seither schrieb er mehrere gefeierte düster-fantastische Romane: Blind, The Fireman, das als TV-Serie verwirklichte Christmasland sowie das verfilmte Teufelszeug. An der Comic-Front ist Locke & Key das Prunkstück in Hills Bibliografie: Die 2008 gestartete Panel-Serie bescherte ihm den Eisner Award und den British Fantasy Award, nachdem ihm seine Kurzgeschichten und Romane bereits den Bram Stoker Award, den World Fantasy Award, den Thriller Writers Award und den International Horror Guild Award einbrachten. 2020 wurde Locke & Key von Netflix als Streaming-Serie adaptiert, während Hill und Zeichner Gabriel Rodriguez ein Sequel und sogar ein Crossover mit Neil Gaimans SANDMAN-Universum inszenierten. Darüber hinaus steht Joe Hills Name auf Comics wie Das Cape, dem Prequel Wraith: Todesfahrt ins Christmasland, Thumbprint, Tales from the Darkside – Geschichten aus der Schattenwelt und selbst einem Spider-Man-Heft. Mit seinem berühmten Vater arbeitete der 1972 geborene Hill an den mittlerweile multimedial präsentierten Geschichten Vollgas alias Road Rage und Im hohen Gras zusammen.

(Quelle: Panini Comics)

Joe Hill – Homepage | Joe Hill – Twitter

Details

Format: Softcover
Vö-Datum: 25.05.2021
Originalausgaben: Plunge 1-6
Seitenzahl: 172
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Panini Verlag

Copyright Cover: Panini Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)