Review

Nicht nur das DC Black Label wächst und gedeiht weiter fröhlich vor sich hin (zuletzt etwa: „Joker/Harley: Psychogramm des Grauens 1“, „Batman – Der Fluch des Weißen Ritters“); auch das persönliche Imprint Joe Hills, Hill House Comics, gewinnt rasch an Zuwachs („Joe Hill – Ein Korb voller Köpfe“, „Joe Hill – Das Puppenhaus“).

Unter der Schirmherrschaft des Sohnes von Stephen King erscheint mittlerweile die dritte Horror-Mystery-Auskopplung. Und die Leser dürfen sich hier über eine mutige neue Stimme des Horrors freuen. Mit „Joe Hill: Im tiefen, tiefen Wald“ legt Autorin Carmen Maria Machado ihr Debüt in der Welt des grafischen Erzählens vor, wobei sie von gleich zwei talentierten Künstlerinnen unterstützt wird: Zeichnerin Dani alias Dani Strips sowie Koloristin Tamra Bonvillain.

Warum es auch der nächste Streich von Hill House Comics wieder verdammt in sich hat, berichten wir euch im Folgenden.

Verschwiegene Traumata

Octavia und Eldora leben in der Kleinstadt Shudder-To-Think in Pennsylvania und sind bereits seit ihrer Kindheit beste Freundinnen. Eines Tages treffen sich die Mädchen für einen gemeinsamen Kinobesuch. Nach dem Film fehlt ihnen allerdings jegliche Erinnerung an die vergangenen Stunden. Auf dem Weg nach Hause treffen sie auf ein bizarres Monster, woraufhin sie beschließen, dem Geheimnis der Kleinstadt auf den Grund zu gehen.

Analyse und thematische Einordnung

Während wir die Inhaltsangabe bewusst kryptisch und schmal halten, wollen wir uns diesmal nicht nur auf eine Bewertung des Gelesenen beschränken, sondern auch eine Analyse des präsentierten Stoffes anbieten. Wer die Miniserie „The Low, Low Woods“ also noch völlig unbeeinflusst lesen möchte, der überspringt im Idealfall die nächsten Zeilen und kehrt erst nach der Lektüre (irritiert und stirnrunzelnd) hierher zurück.

Carmen Maria Machado präsentiert ein interpretationsoffenes und -bedürftiges Werk, das doch recht vielschichtig und komplex ist. Schauplatz der Horror-Geschichte ist die Kleinstadt Shudder-To-Think, die dem Ort Centralia (Pennsylvania) nachempfunden ist. Diese ist wiederum insbesondere bekannt für einen seit den 1960er-Jahren unter dem Stadtgebiet wütenden Kohlebrand, der die Region nahezu unbewohnbar macht. Und dieses unterschwellige – symbolträchtige – Wüten ist in Machados Erzählung von maßgeblicher Bedeutung. Während der Mensch im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder die Natur vergewaltigt, so ist es (oftmals) der Mann, der immer wieder die Frau unterwirft. Das schlimmste Monster von allen ist der Mensch.

„Es gab Gerede wegen der verschwundenen Jungs. Dass sie leichtsinnig gewesen seien. Die Moral war nicht: Man tut nicht, was sie getan haben! Sondern: Man lässt sich nicht erwischen!“

(Auszug aus „Joe Hill: Im tiefen, tiefen Wald“, Panini Comics)

Dieser Band unter dem Banner von Hill House Comics ist nur auf den ersten Blick eine surreale Geschichte über Monster im Wald und Hexen in einsamen Hütten. Abstrahiert betrachtet handelt die Geschichte von körperlicher und seelischer Vergewaltigung, von den tiefen seelischen Wunden, die verbleiben, von Verdrängungsmechanismen sowie auch und vor allem von Misogynie.

Leseprobe aus „Joe Hill: Im tiefen, tiefen Wald“. (Copyright: Panini Comics)

Ist eine Frau intelligent und strebt nach mehr, passt sie also nicht in das klassische Bild des selbstlosen Frauenopfers in der Familie, so ist sie – oftmals bis heute – mit direkter Ablehnung konfrontiert. Oder sie wird gar – wie hier – mit der Verfolgung als Hexe entmenschlicht, da sie sich der vermeintlich angestammten Rolle der domesti­zierten Gattin und Mutter eigenwillig entzieht. Auch diese Eingeschränktheit und Beschränktheit wird durch den Ort des Geschehens, die hoffnungslose Kleinstadt, akzentuiert, die keine hinreichende Aussicht auf Besserung bietet. Im gesamten Verlauf arbeitet Machado überaus gekonnt mit Anspielungen, Querverweisen und sprachlichen Finessen: So spielt der Lethe eine Rolle, einer der Unterwelt-Flüsse der griechischen Mythologie (Vergessen, Vergessenheit), der hier für das Verschweigen von Gewalt steht. Ferner wird immer wieder auf den Roman „The Awakening“ von Kate Chopin angespielt, der thematisch die Autonomie und die Souveränität der Frau behandelt.

Dabei muss der Comic Gewalt und insbesondere Vergewaltigung nie explizit zur Schau stellen, da es ihm ohne dies gelingt, eine durchweg bedrohliche und mysteriöse Stimmung zu kreieren. Dies verdankt Machado sowohl Zeichnerin Dani, die die Geschichte in impressionistischen und surrealistischen Bildern einfängt, als auch Tamra Bonvillain, die eine passende blass-düstere Farbgebung beisteuert.

Wir erheben hier weder einen Anspruch auf Vollständigkeit, noch glauben wir, den einzigen oder wahren „Lektüreschlüssel“ für den Mystery-Comic vorgelegt zu haben. Dies ist jedenfalls unsere Lesart des Stoffes.

Fazit

Auch das nächste Buch aus dem Label Hill House Comics enttäuscht nicht. „Joe Hill: Im tiefen, tiefen Wald“ ist ein brisantes und komplexes Werk und katapultiert Carmen Maria Machado direkt auf die Horror-Landkarte. Sowohl der interpretationsoffene Stoff als auch die recht skizzenhaften Zeichnungen sind aber ganz bestimmt nicht jedermanns Sache. Gerade im Vergleich zum Auftakt-Band von Joe Hill handelt es sich weniger um Mainstream-Horror; das Buch richtet sich eher an ein interessiertes Nischenpublikum.

Joe Hill: Im tiefen, tiefen Wald: Bd. 1

Inhalt

Die 1990er in der Kleinstadt Shudder-To-Think in Pennsylvania. Octavia und Eldora sind beste Freundinnen, seit sie einem Monster begegnet sind und es zur Strecke gebracht haben. Auf einmal kreuzen weitere bizarre, bösartige Kreaturen ihren Weg, und Octavia und El entdeckten nach und nach das finstere Geheimnis ihrer Heimatstadt.

(Quelle: Panini Comics)

Autorin

CARMEN MARIA MACHADO
ist eine Autorin von u. a. fantastischen und erotischen Kurzgeschichten, Kritiken sowie Essays, die in so renommierten Publikationen wie dem The New Yorker in den USA oder Granta in England, aber auch dem bekannten amerikanischen Science-Fiction-Magazin Lightspeed erscheinen.

Die 1986 geborene Amerikanerin mit kubanischen und österreichischen Wurzeln, die mit ihrer Ehefrau in Philadelphia lebt, nahm u. a. am bekannten Clarion Workshop für Autoren teil, wo sie von Ted Chiang, Cassandra Clare, Holly Black, Jeffrey Ford und anderen Größen der modernen fantastischen Genre-Literatur unterrichtet wurde. Ferner wurde Machado von Ray Bradbury, Kelly Link, Shirley Jackson, Angela Carter, Helen Oyeyemi, Yōko Ogawa, Karen Russell und Gabriel García Márquez inspiriert und beeinflusst, wie sie selbst sagt.

2017 veröffentlichte sie ihre Kurzgeschichtensammlung „Ihr Körper und andere Teilhaber“, 2019 das Memoire „In the Dream House“. Machado wurde bereits für den National Book Award und den Nebula Award nominiert. Dieser Band unter dem Banner von Hill House Comics stellt ihr Debüt in der Welt des grafischen Erzählens dar.

(Quelle: Panini Comics)

Details

Format: Softcover
Veröffentlichung: 15.12.2020
Originalausgaben: The Low, Low Woods 1-6
Seitenzahl: 164
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Panini Comics

Copyright Cover: Panini Comics



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)