Review

Das wunderbare und jetzt schon ruhmreiche Black Label von DC Comics ist durch das persönliche Imprint von Joe Hill, seines Zeichens Sohn von Horror-Gigant Stephen King, noch einmal erheblich interessanter und facettenreicher geworden. Unter dem erwachsenen Hill House Comics-Banner erschien hierzulande kürzlich bereits der bizarre 80er-Horror-Auftakt mit „Joe Hill – Ein Korb voller Köpfe“ aus der Feder des versierten Hill höchstselbst.

Nunmehr liegt auch die zweite Auskopplung, die gesamte Miniserie „The Dollhouse Family #1-6“, in dem Paperback „Joe Hill – Das Puppenhaus“ erstmals komplett auf Deutsch vor. Dabei ist der Titel lediglich ein Hinweis auf die Schirmherrschaft Hills über sein persönliches Imprint innerhalb des Black Labels. Das Werk stammt diesmal indessen von dem Kreativ-Team aus Autor M. R. Carey und Zeichner Peter Gross.

Ein finsterer Rückzugsort

Als Kind erhält die junge Alice von ihrer Mutter ein altes, antiquarisches und liebevoll gestaltetes Puppenhaus, das sich bereits seit Jahrhunderten im Familienbesitz befindet. Zügig ist die Antiquität ihr liebstes Spielzeug und ihr bevorzugter Rückzugsort. Alice wächst nämlich in einem von Gewalt geprägten Haushalt auf, in dem der prügelnde Vater regelmäßig die Mutter misshandelt, demütigt und einschüchtert. Um sich dem Haustyrannen zu entziehen, widmet sich Alice den friedlichen Bewohnern ihres Puppenhauses.

Doch das uralte Puppenhaus birgt unbegreifliche Geheimnisse. Und eines Tages streckt das verborgene Böse im Inneren seine Finger auch nach Alice eigener Tochter aus. Diesem übermächtigen dämonischen Feind kann sich Alice nur gemeinsam mit ihrer eigenen kleinen Familie entgegenstellen.

Ein Mystery-Horror-Comic mit Tiefgang

Den Trend, sich im Genre-Film und -Comic zunehmend (wieder) mit komplexeren und anspruchsvolleren Themen zu befassen, haben wir an anderer Stelle bereits ausführlich beleuchtet („Relic – Dunkles Vermächtnis“, „Infidel“).
Diesem Zusammenspiel aus klassischem Horror – mit durchweg bedrohlicher Stimmung – mit einem Familien-Drama gibt sich auch Autor M. R. Carey gekonnt hin.

Protagonisten Alice wählt in ihrer Verzweiflung aufgrund des gewalttätigen Vaters das kleine Puppenhaus als – vermeintlichen – Rückzugsort für sich und ihre Gefühle. Dabei prägt das emotionale Erleben, wie der Vater die eigene Mutter misshandelt, freilich das Bild, das die junge Tochter von Mutter und Vater, Familie und Vertrauen hat.

Leseprobe aus „Joe Hill – Das Puppenhaus“ von M. R. Carey und Peter Gross. (Copyright: Panini Comics)

Derartige intime innerfamiliäre Beziehungen müssen aufgrund der kindlichen Erfahrungen erst ganz neu erarbeitet werden. Mit derartigen Symbolen und Bildern arbeitet Carey vortrefflich, indem Alice über ihr geliebtes Puppenhaus nach und nach in eine dämonische Welt der Isolation gerät. Dass das Puppenhaus seit Generationen in der Familie existiert, mag so interpretiert werden, dass der Hang zur Gewalt zwar nicht angeboren bzw. von den Genen geprägt ist, Gewalt aber doch immer Gewalt hervorbringt.

Schade ist, dass diese Zweigleisigkeit des Erzählten, also die bisweilen psychologische Betrachtung und Interpretationsmöglichkeit, gen Ende der Geschichte mehr und mehr in den Hintergrund rückt; es wird dann zu einer Schlacht gegen das dämonische Böse gewechselt. Dies zu monieren, ist indessen schon Klagen auf ganz hohem Niveau.

Die Zeichnungen von Peter Gross schaffen eine düstere Atmosphäre; es gelingt ihm gleichermaßen, das familiäre Unbehagen sowie das übernatürliche Böse in Szene zu setzen.

Fazit

„Joe Hill – Das Puppenhaus“ ist tatsächlich der nächste Geniestreich unter dem Banner des Black Labels. M. R. Carey und Peter Gross zeigen eindrucksvoll die ganze Bandbreite ihrer Fertigkeiten in einem fantastischen Horror-Comic.

Inhalt

M. R. Carey und Peter Gross erzählen die Geschichte der jungen Alice, die inmitten häuslicher Gewalt aufwächst. Ihr Rückzugsort: Ein uraltes Puppenhaus, dessen Bewohner lebendig sind – und das Alice sogar selbst betritt! Doch sie ist auch hier vor Finsternis und Gewalt nicht sicher …

(Quelle: Panini Comics)

Details

Format: Softcover
Vö-Datum: 17.11.2020
Originalausgaben: The Dollhouse Family 1-6
Seitenzahl: 164
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Panini Verlag

Copyright Cover: Panini Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)