Review

Mit „Soul on Fire. Leben und Musik von Peter Steele“ erscheint durch Autor Jeff Wagner die Biografie einer wohl unumstößlichen Ikone der Metalszene.

Während viele denken mögen, dass solch eine Veröffentlichung längst an der Zeit war, werden andere sich die Frage stellen: Warum eine Biografie über einen Künstler veröffentlichen, der allen Anschein nach – und das wird auch der Autor Jeff Wagner nicht müde, des Öfteren zu erwähnen – nicht zuletzt aufgrund seiner Introvertiertheit ungern im Rampenlicht stand?
Eine Antwort auf diese Frage bleibt das Buch bis zum Schluss schuldig, auch wenn bereits im Prolog versucht wird, Erklärungsansätze zu liefern. Neben der rhetorischen Frage „Ein Mann, der nackt mit einer Erektion für das Magazin Playgirl posierte, soll zurückhaltend gewesen sein – jemand, der solche Unsicherheit, so viele Ängste und innere Zwiste in seinen Texten offenbarte?“ (Prolog, S. ix) führt Wagner ein Zitat von Type O Negative Keyboarder Josh Silver an, welches lautet: „Das Gute daran, tot zu sein, besteht darin, dass dir scheißegal ist, woran sich die Leute erinnern. Das eigene Vermächtnis ist nur romantisch, solange man lebt.“ (ebd.).
Wie auch immer man dies selbst bewerten möchte, ein seltsamer Beigeschmack bleibt und gipfelt schließlich in jenen angeführten O-Ton von Pamela Ann: „Der Krankenwagen kam recht schnell. Peter stand von der Couch auf, da wölbte sich sein Bauch vor und sackte herunter. Gleichzeitig veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Ich glaube, in dem Moment platzte sein Dickdarm.“ (S. 285). Der Abdruck dieser Zeilen, die weder einen wissenswerten Mehrwert besitzen noch pietätvoll anmuten und – für meinen persönlichen Geschmack – aus ebenjenen Gründen zu sehr in die Privat-, ja schon Intimsphäre des Verstorbenen vordringen, zudem noch längere Zeit nachwirken, da sie am Ende des Buches platziert wurden, lässt den Titel des Kapitels, „Zum Abschied ein Hoch“, doch irgendwie ironisch wirken. Vor allem an dieser Stelle hätte ein wenig mehr Sensibilität nicht geschadet.

Mag Jeff Wagner mit diesem Zitat meiner Meinung nach über das Ziel hinausgeschossen sein, hätte doch die medizinisch fundierte Erklärung für Steeles Tod vollkommen ausgereicht, ergeben andere aufgegriffene und stimmig eingefügte O-Töne an anderer Stelle weitaus mehr Sinn. Indem Wagner mit zahlreichen Wegbegleitern und Familienangehörigen des Musikers sprach und ihre Meinungen und Anekdoten in seinem Buch wiedergibt, fundiert sich nicht nur der Blick auf Steeles Leben und Wirken, sondern dies trägt ebenfalls zur Authentizität der Veröffentlichung bei.
Bis zurück in Peter Steeles Kindheit nimmt der Leser teil an einem Leben, das damit nachvollziehbar wird, während die Sympathien und das Verstehen für den Künstler mit zunehmender Seitenzahl steigen.

Eine größere Rechtfertigung für die Erstellung der Biografie „Soul on Fire“ mag jedoch die ausgiebige Beschäftigung mit der Musik Peter Steeles sein. Detailliert wird hier – oft songweise – auf die Alben von seinem Erfolgsprojekt Type O Negative, aber auch auf Frühwerke des Musikers (z.B. mit seiner Band Carnivore) eingegangen. Leser, die die erwähnten Titel kennen, haben jene dadurch umgehend im Ohr und erleben ihre Entstehungsgeschichte ebenso mit wie ihre anschließend geschilderten Auswirkungen auf die Hörer und Medien.

In diesen zuletzt genannten Belangen wird „Soul on Fire“ der Ikone Peter Steele durchaus gerecht; was man vom Lektorat allerdings nur bedingt behaupten kann. Jenes würde wohl – zwar nicht den Lesefluss maßgeblich störend – immerhin dem Perfektionismus des Musikers nicht entsprechen. Zudem wiederholen sich viele Fakten und Anführungen auf den insgesamt stolzen 308 Seiten der Biografie. Zu verschmerzen ist dies insofern, dass sich Jeff Wagners Text, übersetzt von Andreas Schiffmann, sehr gut und leicht lesen lässt.

Alles in allem eignet sich „Soul on Fire“ aber nicht nur für Fans, sondern – besonders durch die hervorragende Aufarbeitung Steeles musikalischen Schaffens – ebenfalls für Interessierte, die den Werdegang eines Mannes erfahren wollen, der nicht einfach nur Musik gemacht, sondern vielmehr gelebt hat und eine ganze Szene maßgeblich prägte.

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Inhalt

„Soul On Fire“ – eine Geschichte, die zu erzählen längst überfällig war.

„Soul on Fire“ bietet einen umfassenden Blick in das öffentliche Leben und die Privatsphäre eines der komplexesten und provokantesten Charaktere der Musikszene. Peter Steeles einzigartige Vision bleibt ohne Beispiel – von seinen unbändigen Anfängen mit Carnivore bis zu den Platin-Sellern Type O Negative, mit denen er den Status eines Halbgottes erlangte. Er hinterließ einen unauslöschlichen Eindruck bei seinen Fans und verpasste der Popkultur ein blaues Auge, sei es zu Hochzeiten des New York Hardcore in den 1980ern, als Bass-Vampir mit Verzerrer und Grabesstimme oder auf dem Titel des Playgirl 1995.

(Quelle: Verlag Nicole Schmenk)

Autor

Jeff Wagner lebt in Greensboro, North Carolina. Er ist der Autor von „Mean Deviation: Four Decades of Progressive Heavy Metal“ (2010, Bazillion Points), trug zu Martin Popoffs „Rush: The Illustrated History“ (2013, Voyageur Press) bei und war von 1997 bis 2001 Redakteur des Magazins „Metal Maniacs“. Sein erstes Carnivore-Album kaufte er 1986. Tagsüber arbeitet er gerne bei InsideOut Music, stellt abends veganen Käse her und schaut generell so oft wie möglich Baseball-Übertragungen.

(Quelle: Verlag Nicole Schmenk)

Details

Format: Gebundene Ausgabe
Vö-Datum: 20.11.2016
Seitenzahl: 308 / 16 farbige Fotoseiten
ISBN: 978-3-943022-34-6
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Verlag Nicole Schmenk

Copyright Cover: Verlag Nicole Schmenk



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde