Review

Rassismus ist ein Krebsgeschwür, für das es keine Heilung gibt. Das Höchste, worauf wir hoffen können, ist eine Remission.“

Medina, „Infidel“, Splitter Verlag

In einer amerikanischen Großstadt ereignet sich ein Desaster ungeahnten Ausmaßes, als ein junger Mann in einem Mehrfamilienhaus eine Explosion auslöst, die mehrere Todesopfer nach sich zieht. In dieses vom Massenmord gezeichnete Haus beschließen Aisha, ihr Lebensgefährte Tom und dessen Tochter Kris einzuziehen, da Toms Mutter Leslie dort lebt. Für die junge Muslimin Aisha steht die Familie über allem, weshalb sie Leslie unter keinen Umständen alleine lassen möchte.

Allerdings handelte es sich bei dem Bombenleger mutmaßlich um einen islamistischen Terroristen; die Nachbarn reagieren daher – gelinde gesagt – reserviert auf Aishas Anwesenheit. Auch Toms Mutter legte in der Vergangenheit bereits eine rassistische und fremdenfeindliche Einstellung an den Tag. An der positiven Grundeinstellung der jungen Frau vermag das zunächst alles nichts zu ändern. Nach und nach wird Aisha jedoch von düsteren Visionen und Albträumen heimgesucht.

Das neue Zuhause scheint nicht nur ein dämonisches Geheimnis, sondern auch jede Menge Geschichten zu bergen und schon bald entwickeln Aishas finstere Träume ein gefährliches Eigenleben.

Grauenvoller Rassismus

Erst kürzlich haben wir uns den Horror-Film „Relic – Dunkles Vermächtnis“ angeschaut und im Rahmen dieser Besprechung analysiert, dass im Genre-Film zunehmend komplexere Themen verhandelt werden. Die Bandbreite dieser Filme (Demenz, Rassismus, Familie, Trauer und Flüchtlinge) reicht mittlerweile von „Get Out“, über „Hereditary – Das Vermächtnis“, bis hin zur ganz neuen Netflix-Versuchsanordnung „His House“.

In eben diese Kerbe schlägt auch „Infidel“ von Autor Pornsak Pichetshote und Zeichner Aaron Campbell.

Für ihren modernen Grusel-Comic wählen die Künstler einen ganz handelsüblichen Genre-Vertreter: Das „Haunted House“ oder zu Deutsch „Spukhaus“. Freilich verbleibt es nicht bei diesem schlichten Setting.

Leseprobe aus „Infidel“ von Pornsak Pichetshote und Aaron Campbell. (Copyright: Splitter Verlag)

Das uralte Böse in diesem Haus ernährt sich von Fremdenangst und Rassismus. Pichetshote wirft einen gruselig-treffenden Blick auf die gegenwärtige tief gespaltene amerikanische Gesellschaft und legt dabei gezielt den Finger in die Wunde. Eindrucksvoll arbeitet der Autor – geradezu beiläufig – den institutionellen und vor allem den Alltagsrassismus heraus. Die Figuren – allen voran Aisha und ihre beste Freundin Medina – sind dabei greifbar, lebhaft, authentisch und frei von Klischees. Fremdenhass und Rassismus – gerade im Alltag – werden als das Hässliche und als das Böse entlarvt, das sie sind.

Möchte man etwas kritisieren, dann wäre es, dass es dem Comic nicht durchweg gelingt, seine Horror-Story an der Oberfläche mit den gesellschaftskritischen und anspruchsvollen Ansätzen in Einklang zu bringen; zuweilen laufen diese Aspekte eher nebeneinander als miteinander ab.

Das Artwork von Aaron Campbell ist hingegen durchgehend ein Blickfang und vermag die Albträume des Rassismus in packenden und atmosphärischen Bildern einzufangen.

Fazit

„Infidel“ folgt einem gegenwärtigen – begrüßenswerten – Trend und verarbeitet anspruchsvolle, relevante Themen im Genre Horror. Die tatsächlichen Gegebenheiten von Alltagsrassismus, gerade in den USA und insbesondere seit den Anschlägen vom 11. September 2001, werden gekonnt herausgearbeitet in einem Spukhaus mit finsterem Eigenleben. Dabei ist der Comic sicherlich kein Mainstream-Horror und richtet sich eher an ein Publikum, das gerne tiefer schürfen möchte.

Inhalt

Eine Spukhaus-Story für das 21. Jahrhundert!

Aisha, ihr Freund Tom und dessen Tochter Kris haben ihr Leben umgekrempelt und sind umgezogen, um dem Familienleben mit Toms Mutter eine Chance zu geben. Und obwohl die neuen Nachbarn nicht gerade begeistert über eine junge Muslimin im Hijab sind, lässt sich Aisha nicht so einfach unterkriegen und blickt der Zukunft positiv entgegen. Aber als die Albträume, unter denen sie seit dem Umzug leidet, mehr und mehr ein erschreckendes Eigenleben führen, kommt ihr eine grauenhafte Erkenntnis: Ein uraltes Böses lebt in ihrem Haus, und es ernährt sich von Fremdenangst und Rassismus …

(Quelle: Splitter Verlag)

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 01.08.2020
Seitenzahl: 168
ISBN: 978-3-96219-493-2
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)