Review

In der neuen Konzeptserie „Ich habe … getötet“ des Splitter Verlags geht es um berühmte oder jedenfalls berüchtigte Mörder der Weltgeschichte bzw. deren Ermordungen. Wie bereits die Ich-Perspektive verrät, soll es dabei natürlich auch darum gehen, was die Täter dazu getrieben hat, einen anderen Menschen zu töten. Im zweiten Band soll etwa der Mord an Erzherzog Franz Ferdinand Kaiser von Österreich im Fokus stehen.

In dem vorliegenden Debütanten der Reihe mit dem Titel „Ich habe Abel getötet – Band 1“ wenden sich der französische Comicautor und Texter Serge Le Tendre und Zeichner Guillaume Sorel gebührend dem Ur-Mord zu, den Kain laut der Bibel an seinem Bruder Abel beging.

Doch was steht da eigentlich noch mal im 1. Buch Mose 4, 1-16?

Und Eva […] gebar den Kain […] und gebar Abel, seinen Bruder. Und Abel ward Schäfer; Kain aber ward ein Ackermann. Es begab sich nach etlicher Zeit, daß Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes; und Abel brachte auch von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an […] Und es begab sich, da sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. […] Da sprach der Herr zu Kain: […] Und nun verflucht seist du auf der Erde […] Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, daß ihn niemand erschlüge, wer ihn fände […].
(Bibel: nach Martin Luther; Auslassungen durch den Verfasser)

Da bleiben doch keine Fragen mehr offen, oder? Jetzt dürfte schließlich jeder im Bilde sein, welche Art von Rache-Epos ihn hier erwartet und auch, warum Kain seinem Bruder den Schädel eingeschlagen hat. Zugegebenermaßen erwartete auch der hiesige Verfasser lediglich eine frische, bildliche Interpretation des biblischen Geschehens; aber falsch gedacht.

Das französische Künstler-Duo wählt hier einen gänzlich anderen Weg und man möchte auch gar nicht zu viel verraten, um potenziellen Lesern nicht die Freude an dieser gut durchdachten Geschichte zu nehmen.

Im Mittelpunkt stehen hier der Hirte Hamor und König Nebunezar von Babylon. Letzterer lässt den frommen Hirten von seinen Soldaten abholen. In Babylon angekommen soll Hamor vor dem König niederknien und ihn als seinen König anerkennen. Bei Zuwiderhandlung droht der baldige grausame Tod. König Nebunezar ist ein beängstigender und unberechenbarer Zeitgenosse. Umso überraschender ist es, dass Hamor unmittelbar das Wort an den König richtet. Daraufhin fordert Nebunezar den Ankömmling auf, ihn mit seinem Schwert niederzustrecken; der Herrscher ist wohl des Lebens überdrüssig.

Der gottesfürchtige Hamor erwidert jedoch nur:

Mit dieser Absicht kam ich nicht her, großer König! Das Blut meines Bruders zu vergießen, ist mir unmöglich.

Machthaber Nebunezar verdammt den Hirten dann dazu, fortan jeden Tag an seiner Seite zu verbringen und betraut ihn mit einer merkwürdigen Aufgabe …

Leseprobe aus „Ich habe Abel getötet – Band 1“ (Copyright: Splitter Verlag)

Mehr wird nun aber wirklich nicht mehr verraten. Die Story von Autor Serge Le Tendre überrascht den Leser mit einer frischen Idee und gebraucht die bekannte biblische Vorlage lediglich als Ausgangspunkt. Der Titel der ersten Ausgabe kann Interessierte hier gehörig in die Irre führen. Der Leser erhält eine Geschichte, die er überhaupt nicht erwartet haben kann. Erwartet hätte man wohl (lediglich) den Brudermord in einem frischen Gewand; stattdessen wird man von einem originellen Werk überrascht. Wer sich allerdings eine Interpretation davon erhofft hatte, wie Kain seinen Bruder Abel im Comic-Format erschlägt, der dürfte hier enttäuscht werden.

Die Zeichnungen von Guillaume Sorel inszenieren das Ganze durchgehend stimmungsvoll und atmosphärisch; die Bilder übertragen die Hitze der Umgebung und die Heftigkeit der Emotionen auf die Leser.

Man mag als streng Gläubiger das eine oder andere als blasphemisch empfinden, aber wer grundsätzlich Lust auf ein interpretationsoffenes Bibel-Epos, gekleidet in ein tolles Artwork hat, ist bei „Ich habe Abel getötet – Band 1“ an der richtigen Adresse.

Inhalt

Mord und Totschlag haben immer wieder die Geschichte der Menschheit geprägt, seit Anbeginn der Zeiten. Manchmal markieren sie sogar Schlüsselmomente, Wendepunkte der Historie, und die womöglich weitreichenden Folgen sind auf ewig mit dem Namen der Opfer verbunden – nur sehr selten dagegen mit denen der Täter, sofern man sie überhaupt kennt. So hat wohl jeder schon mal von dem Mord an Erzherzog Franz Ferdinand oder John Lennon gehört.

Schon der erste Band „Abel“ fällt allerdings ein bisschen aus dem Rahmen, beleuchtet Serge Le Tendre („Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit“) hier doch den Ur-Mord, den Kain laut Bibel an seinem Bruder beging.

(Quelle: Splitter Verlag)

Autor

Serge Le Tendre
(*01. Dezember 1946 in Vincennes) ist ein französischer Comicautor und Texter. Bekannt wurde er in den 1980ern mit dem Fantasy-Comic „Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit“, der von Régis Loisel gezeichnet wurde.

(Quelle: Wikipedia)

Details

Format: Hardcover
Veröffentlichung: 01.04.2017
Seitenzahl: 64
Band: 1 von 5
ISBN: 978-3-95839-448-3
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Splitter Verlag

Copyright Cover: Splitter Verlag



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)