Review

Über den Bildband

„Fremd sein ohne fremd zu sein“ beschäftigt sich mit den nicht bis weniger sichtbaren Schichten des Lebens, hier besonders mit der Frage und dem Umstand, was „fremd sein“ in einer globalisierten Welt eigentlich bedeutet.

Auf der Suche nach einem „Zuhause“ hat die Literatur Matthias Messmer und Hsin-Mei Chuang stets begleitet. Im vorliegenden Buch haben die beiden sowohl poetisch, literarisch und – passend dazu – fotografisch umgesetzt, was es heißt, eine neue Heimat zu finden, zu versuchen, „anzukommen“ und mit der Wandlung umzugehen.

Fremd sein: Der Versuch einer Definition

Das Reisen und das Leben auf diesem Globus ist so einfach wie nie geworden, aber selten wird die Frage gestellt, welche Gefühle einen dabei begleiten. Neugier, Hoffnung, Zweifel oder gar Angst? Wie lernt man mit dieser „Transition“ umzugehen, besonders abseits dieser „Zwischenwelten“, die exemplarisch für Aufbruch stehen, wie Bahnhöfe und Flughäfen?

Man sollte sich zuerst fragen, was „Fremde“ oder „fremd sein“ überhaupt bedeutet.
Definiert wird es als etwas vom Vertrauten wahrgenommen Abweichendes, als etwas tatsächlich oder vermeintlich Andersartiges oder weit Entferntes, Abgrenzendes.
Kurz gesagt: Fremd ist alles, was unbekannt ist, und oftmals steht man dem neugierig, aber auch zweifelnd und gar ängstlich gegenüber.

Fotografie meets Literatur

In atmosphärischen Bildern zeigt sich Hsin-Mei stets im Qipao, dem typisch chinesischen, eng anliegenden Kleid, das grundsätzlich als Symbol der Modernisierung Chinas gesehen wird, besonders in den 1920er und 1930er Jahren in Shanghai. Dies kann durchaus als Schritt in die Unabhängigkeit interpretiert werden, aber trotzdem bleibt sie sich der Tradition gewahr.

Einblick in „Fremd sein ohne fremd zu sein“. (Copyright: Matthias Messmer und Hsin-Mei Chuang)

Diese Fotografien sind wohlüberlegt abgestimmt auf die ebenso gezielt ausgewählten Auszüge aus der Weltliteratur. So trifft die Autorin mit ihrer Darstellung der haltenden Kerze stimmig den Auszug Patrick Modianos wieder, wenn vom „Licht in der Hand für alle Dora Bruders“ geschrieben wird.
Ebenso treffend und frei nach Eileen Changs „Rote Rose und Weiße Rose“ spiegelt sich die familiäre Szene zwischen dem eher unbeteiligten und fernab sitzenden Mann und den beiden Frauen ab, die sich mit dem Handlesen beschäftigen. Auch der rote Fleck auf der Landkarte aus Gullivers Reisen wird nüchtern und trotzdem stimmig umgesetzt, wie auch dieser Auszug aus dem Literaturklassiker fotografisch dargeboten den Einband des Buches als solches bestimmt und das Gefühl von Transit (als eine Durchreise) vermittelt.
Auch die Grinse-Maske in Abstimmung mit Ödön von Horváths „Zur schönen Aussicht“ könnte passender nicht sein, denn wie oft lächelt man, obwohl dies nur eine aufgesetzte Maske ist, um die wahre Gefühlswelt zu verschleiern? Auch das Ausführen des Plastik-Tieres und der Rückzug vom Trubel der modernen Metropole zum Kontrast dunkler Gassen des „alten“ Chinas spricht Bände.

In insgesamt 32 Bildern und einem kleinen Gang durch eine ausgewählte Weltliteratur geben Messmer und Chuang ihrer eigenen inneren Welt eine Stimme im Außen und lassen an ihrer Gefühlswelt teilhaben und diese verstehen lernen.
Die Fotos zeigen Hsin-Mei Chuang nicht selten „ver-rückt“ (entwurzelt?) in Bildern des Alltags, des Zerfalles. Aber auch der Ruhe und Intimität in der inneren Welt wird visuell Platz eingeräumt. Selten „passt“ sie ins Bild, wirkt oft suchend, meist alleine und nicht selten gar isoliert, aber sie bleibt offenbar immer bei sich.
Es gibt Momente der Hoffnung und des Teilens von Emotionen mit dem Blick in eine gemeinsame Richtung. Nicht selten wird mit religiösen Symbolen „gespielt“, was Hoffnung und Zuversicht widerspiegelt.

Die Wirkweise

Die Umsetzung berührt sofort. Nicht zuletzt, da sie auch ein Stück meiner eigenen Geschichte ist – der Geschichte einer „Nomadin“, die den Großteil ihres Lebens im Ausland verbringt, zwar ihr Land nach außen repräsentieren soll, sich aber davon immer weiter (sowohl räumlich als auch innerlich) distanziert und gleichzeitig versucht, sich dem Neuen zu öffnet, sich zu integrieren, aber nie wirklich (ganz) dazu gehört – und dabei erkennt, dass dieses Leben eine Reise zu sich selbst ist.

Einblick in „Fremd sein ohne fremd zu sein“. (Copyright: Matthias Messmer und Hsin-Mei Chuang)

Lebte ich selbst einige Jahre in China und davor in Indien (und reiste innerhalb Asiens), kann ich mehr als nachvollziehen, was es heißt, diesen Schritt zu gehen und mehrere Jahre fern der Heimat zu verbringen. Allerdings lernte auch ich, die Außenwelt zu akzeptieren und viele eigene Glaubenssätze zu überdenken. Diese Akzeptanz war erst schmerzhaft. Oft genug fühlte ich mich „fremd“, allein und isoliert und bekam dieses Gefühl als Spiegel von außen ebenso deutlich zu spüren. Aber als ich erkannte, dass jeder Wandel zuerst im Inneren beginnt, änderte sich alles und ermöglichte einen Perspektivwechsel.

Auch ich fühle mich – wie in den Fotos – am Alltag teilhabend, aber nie gänzlich verstehend, alleine und mittlerweile sogar entwurzelt, aber anstatt dies negativ zu betrachten, lernte ich, dieses Gefühl der „Wandlung“ auch als eigene Wandlung zu werten und somit eine meist objektive Position mit „gesunder Distanz“ einzunehmen: Dem Gastland, dem Heimatland und mir selbst gegenüber.

Fazit

Man wird zuerst auf sich selbst zurückgeworfen und lernt, dass „fremd“ oder „anders“ zu sein nicht besser oder schlechter ist, sondern eben genau das: „fremd sein ohne fremd zu sein“.


fremd sein ohne fremd zu sein: Matthias Messmer, Hsin-Mei Chuang

Inhalt

Die moderne Welt gibt vor, ein globales Dorf zu sein. Trotzdem sind wir noch immer Fremde, fast überall. Empfindungen von Heimatlosigkeit und Dazwischen-Sein verfolgen uns an den unterschiedlichsten Orten. Die Sehnsucht, irgendwann irgendwo anzukommen, ist zu einem allgegenwärtigen Phänomen unserer Zeit geworden.

Migration hat schon immer zur Menschheitsgeschichte gehört, ist heute aber ein besonders aktuelles Thema. Die Wege, wie Migrant*innen eine neue Heimat finden – ob in Form eines Ortes oder eines Gefühls – sind so facettenreich wie ihre Biografien.

In diesem Projekt haben sich die beiden Kulturforscher dem Gefühl des Dazwischen-Seins über die Literatur angenähert. Dabei verankern sie ihre mit literarischer Nahrung angereicherten inneren Landschaften in der äußeren Welt: Mit der Kamera in der Hand und mit einem seidenen Cheongsam im Koffer suchten sie Orte auf, die ihre Sehnsüchte widerspiegeln.

(Quelle: Till Schaap Edition)

Autoren

Matthias Messmer ist Autor, Fotograf und promovierter Soziologe.
Hsin-Mei Chuang ist Autorin, Kulturforscherin und Übersetzerin.

Messmer und Chuang haben an unterschiedlichen Orten der Welt gelebt. Zentrale Bedeutung ihres Schaffens nahmen dabei dokumentarische und gesellschaftskritische Arbeiten ein. Ihre Zusammenarbeit fruchtete u.a. in den Büchern „China’s Vanishing Worlds“ (MIT Press, 2013) sowie „China an seinen Grenzen“ (Reclam, 2019).

Seit einiger Zeit beschäftigt sich das Duo vermehrt mit den weniger sichtbaren Schichten des Lebens.

(Quelle: Till Schaap Edition)

Homepage 1 | Homepage 2

Details

Format: Gebundene Ausgabe
Vö-Datum: 20.09.2021
Seitenzahl: 72 Seiten (32 Farbabbildungen + 16 Mini-Storys)
ISBN: 978-3-03878-058-8
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Till Schaap Edition

Copyright Cover: Till Schaap Edition



Über den Autor

Daggy
So ist das Leben, sagte der Clown mit Tränen in den Augen, und malte sich ein Lächeln ins Gesicht.