Review

Zu zweit ein Buch zu schreiben, hört sich zunächst einmal spaßig an – und Autorenduos wie Klüpfel und Kobr beweisen, dass solch ein Gemeinschaftsprojekt zudem sehr erfolgreich sein kann -, es birgt aber auch die eine oder andere Herausforderung, denen sich Schriftstellersolisten nicht stellen müssen.
Schreiben jene im ganz eigenen Stil wie gewohnt drauflos, bedarf es in einem Zweierteam deutlich mehr Absprachen und Entscheidungen. Wählt man beispielsweise einen einheitlichen Stil oder lässt man die Leser erkennen, welche der beiden Autorenpersönlichkeiten für den jeweiligen Abschnitt verantwortlich ist? Henning von Melle und Volkmar Joswig haben sich bei ihrem Roman „Schneesturm“ scheinbar für die einheitliche Variante entschieden, sodass die kompakten 224 Seiten ihres Krimis sprachstilistisch sehr homogen wirken. Nach bereits erfolgten gemeinsamen Veröffentlichungen scheinen die beiden in dieser Hinsicht ein eingespieltes Team zu sein.

Ebenfalls gelungen ist die passende Titelauswahl des Werkes, denn in „Schneesturm“ führen von Melle und Joswig ihre Leser in den Sumpf der Bandenkriminalität und internationaler Drogengeschäfte. Albanien vs. Kolumbien heißt es plötzlich im Norden Deutschlands, denn Drogenbosse beider Länder kämpfen um die Vorherrschaft was den Handel von Kokain anbelangt. In den Strudel dieser Kämpfe, die oftmals blutrünstig und kaltblütig enden, gerät die Familie von Gehlen.

Hauptsächlich verortet in Hannover und Bremen, besitzt „Schneesturm“ eine regionale Färbung, ohne jedoch ein allzu ausgeprägtes Lokalkolorit aufzuweisen. Im Grunde wird auf die Schauplätze und regionalen Eigenheiten sogar so wenig eingegangen, dass sie mit jeder anderen beliebigen Stadt austauschbar wären. Um als vollkommener Regionalkrimi durchgehen zu können, hätten von Melle und Joswig diesbezüglich weitaus konkreter werden können. Als reiner Kriminalroman macht „Schneesturm“ allerdings eine solide, wenngleich auch recht aufgeblähte Figur.

Gleich zu Beginn sehen sich die Leser mit vielen verschiedenen Charakteren konfrontiert. Diese werden jedoch detailreich genug dargestellt, dass man sich schnell im Figurenkarussell von „Schneesturm“ zurechtfindet. Da die einzelnen Figuren im weiteren Verlauf an Profil gewinnen, verliert man zu keinem Zeitpunkt den Überblick.
Erfrischend ist zusätzlich, dass von Melle und Joswig zwar die Ermittlungsarbeit der Polizei ziemlich vordergründig präsentieren, die jeweiligen Ermittler aber nicht in den Fokus von „Schneesturm“ rücken.

Die Morde und Todesopfer, ebenfalls zahlreich vorhanden, platzieren von Melle und Joswig mal eher beiläufig oder zwischen den Zeilen, geschuldet vermutlich dem knappen Umfang des Buches, wodurch es heißt, schnell auf den Punkt zu kommen und Nebenfiguren eben auf rasche Art von der Bildfläche verschwinden zu lassen, mal lassen sie in der Darstellung des Ablebens jedoch auch ihrer Kreativität freien Lauf und geben sich detailreich, aber gleichzeitig authentisch.

Weniger authentisch ist das Agieren des Journalisten Christian Doll, der sich mit der Zeit zu einer Art Held entwickelt und als Strohmann, verdeckter Ermittler, Pressereferent, Familienfreund und -berater seinen eigentlichen Aufgabenbereich erweitert, während er ganz nebenbei noch der Polizei zur Hand geht. Alles zusammengenommen wirkt ein wenig zu aufgesetzt und konstruiert.

Anders die Aufklärung der unterschiedlichen und sich stetig erweiternden Mordfälle. Sie gewinnen zunehmend an weiteren Facetten und Wendungen, führen in verschiedene Richtungen und halten damit die Spannung im „Schneesturm“ aufrecht.

Henning von Melle & Volkmar Joswig (Copyright: von Melle / Joswig)

Henning von Melle & Volkmar Joswig (Copyright: von Melle / Joswig)

Insgesamt haben sich von Melle und Joswig in „Schneesturm“ aber sehr viel vorgenommen, schließlich möchte man hier Drogengeschäfte und kriminelle Handlungen mit internationalem Ausmaß unterbringen. So gibt sich die Handlung nicht nur mit Drogen“kartellen“ aus Albanien und Kolumbien zufrieden, sondern packt noch die russische Mafia, Triaden und den IS oben drauf. Angesichts der nur 224 Seiten recht viel; zugleich eine offen gehaltene Option auf eine Fortsetzung.

In dieser sollte man dann aber in Sachen Korrektorat/Lektorat ein wachsameres Auge haben, denn für die Knappheit des Buches stolpern die Leser zu oft über vermeidbare Fehler wie fehlende (z.B. auf den Seiten 10, 81, 171 und 210) oder zu viel geschriebene (vgl. S. 6 oder 217) Wörter.

Erfahrene, leidenschaftliche Krimi-Leser und jene, die auf einen waschechten Regiokrimi hoffen, greifen eher zu einem anderen Werk, für Neulinge des Genres ist „Schneesturm“ jedoch empfehlenswert, gewappnet sollte man aber für die Menge an inhaltlichen Ideen sein, denn letztlich wird man feststellen, dass ein Drogenkrieg unter Kolumbianern und Albanern eigentlich völlig ausgereicht hätte, um einen runden Krimi zu fabrizieren.

Inhalt

Als der Bremer Reeder und Patriarch August von Gehlen unter ungeklärten Umständen stirbt, kocht die Gerüchteküche in der Hansestadt. Sowohl in seinem geschäftlichen wie auch privaten Umfeld gibt es mehrere Personen, die ein Motiv haben: die Söhne, die mit dem Vater im Dauerkonflikt liegen, die junge Ehefrau mit Kontakten zur russischen Mafia, verärgerte Geschäftspartner …
Während Polizei und Presse ihre Arbeit aufnehmen, entbrennt in anderen Städten Norddeutschlands ein blutiger Bandenkrieg um die Vorherrschaft im internationalen Drogengeschäft. Als sich der Verdacht erhärtet, dass auch die Reederei von Gehlens darin verwickelt sein könnte, nimmt der Fall Dimensionen an, die alle Beteiligten an ihre Grenzen bringen.

(Quelle: Schardt Verlag)

Autoren

Henning von Melle
arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich national wie auch international als Schriftsteller. Sein Werk umfasst Romane, Songtexte, Theaterstücke, Bühnenprogramme, u. v. m. Er gilt zusammen mit seinem Partner Volkmar Joswig als Erfinder des Literatainments, d. h. ihre Leseabende bieten Unterhaltungsprogramme mit Humor und Musik, in denen seine Büchertexte eingebettet sind.

Henning von Melle – Homepage

Volkmar Joswig
geboren in Bremen, studierte Literaturwissenschaft und Journalistik. Seither arbeitet er für namhafte Magazine im In- und Ausland und berichtet zudem über aktuelle Geschehen für verschiedene Tageszeitungen. „Schneesturm“ ist sein dritter Roman.

Volkmar Joswig – Homepage

(Quelle: Schardt Verlag)

Details

Format: Taschenbuch, Broschur
Vö-Datum: 01.06.2015
Seitenzahl: 224
ISBN: 978-3-89841-782-2
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Schardt Verlag

Copyright Cover: Schardt Verlag



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde