Review

Die Liste der Lovecraft-Adaptionen des preisgekrönten Mangaka Gou Tanabe hat mittlerweile ein erhebliches Ausmaß angenommen (zuletzt: „H.P. Lovecrafts Cthulhus Ruf“, „H.P. Lovecrafts Der Schatten aus der Zeit“, „H.P. Lovecrafts Der leuchtende Trapezoeder“). Der hohe qualitative Standard bleibt indes durchgehend erhalten. Der Zeichner widmet sich seinen künstlerischen Umsetzungen mit ungewöhnlicher Akribie und Liebe zum Detail.

Ein verfluchter Ort des kosmischen Horrors

Ein junger Mann macht eine Rundreise durch Neuengland. Im Zuge dessen besucht er historische Stätten und folgt den Spuren seiner Vorfahren, um einen Stammbaum seiner Familie aufzustellen.

Um über Newburyport nach Arkham zu gelangen, muss er über Innsmouth fahren. Vor seinem Aufbruch hört er blasphemische und schauerliche Gerüchte über die Hafenstadt. Diese ranken sich um eine Seuche, einen Pakt mit dem Teufel bzw. dunklen, unerkannten Mächten sowie fischartige Wesen und übernatürliche Geschöpfe. Entgegen aller Warnungen macht sich der Student in die verschlafene Hafenstadt Innsmouth auf, um seine Neugier und Faszination zu befriedigen. Diese Station seiner Reise hätte er jedoch besser ausgespart, denn die entsetzlichen Verhältnisse, der durchdringende Gestank und die merkwürdigen Einwohner übertreffen sämtliche Gerüchte und Befürchtungen.

Aufgrund dieses irrwitzig alptraumhaften Aufenthalts geraten für den Erzähler vermeintliche Gewissheiten ins Wanken und die eigene Existenz wird auf den Kopf gestellt.

Jagt Gänsehaut über den Rücken

Im Hinblick auf die kritische Auseinandersetzung mit „H.P. Lovecrafts Der Schatten über Innsmouth“ können wir uns ausnahmsweise recht kurzfassen. In qualitativer Hinsicht können wir ganz überwiegend auf die bisherigen Besprechungen Bezug nehmen. Auch diese Geschichte des Grauens ist vom Künstler meisterhaft adaptiert.

Thematisch haben wir es mit dem berüchtigten kosmischen Mystery-Horror aus Lovecrafts Feder zu tun, welcher seinen Niederschlag in einer vom Zerfall gezeichneten, finsteren und von Menschen verlassenen Hafenstadt findet.

Leseprobe aus „H.P. Lovecrafts Der Schatten über Innsmouth“ von Gou Tanabe. (Copyright: Carlsen Manga)

Wie so oft verhandelt auch diese brillante Schauergeschichte die Angst vor dem Unbekannten und Bedrohlichen. Das anfängliche Gefühl der Überlegenheit und der wissenschaftlichen wie touristischen Neugier weicht zügig blankem Entsetzen, wenn der Erzähler zunächst von alptraumhaften Erscheinungen heimgesucht und in der Folge wahrhaftig von amphibienartigen Kreaturen mit unmenschlichen Fischaugen verfolgt wird. Die unmittelbare konkrete Gefahr durch die Verfolger und Anhänger des Fischgottes Dagon geht dann über in die abstrakte Gefahr und Erkenntnis, dass nichts ist wie zuvor angenommen. Innsmouth stellt nicht weniger als das Menschsein und die Menschlichkeit des Erzählers infrage, der sich später wünschen wird, er hätte nie den Stammbaum seiner Familie aufzuzeichnen versucht.

Visuell ist auch diese Ausgabe wieder ein Triumph. Atmosphärisch dicht und mit psychologischer Eindringlichkeit gelingt es Gou Tanabe abermals, eine Sogwirkung zu entfalten, die die Leserschaft tief in diese übersinnliche Gruselgeschichte hineinzieht. Die detailbesessenen Bildkompositionen suchen ihresgleichen und zeugen von einem außergewöhnlich vielschichtigen Können.

Fazit 

Die ohnehin schon lange Liste brillanter Lovecraft-Adaptionen von Gou Tanabe ist um einen weiteren Titel rund um einen Hafen der Abnormität reicher.


H.P. Lovecrafts Der Schatten über Innsmouth

Inhalt

Monstrositäten im vom Gestank heimgesuchten Innsmouth – H.P. Lovecraft & Gou Tanabe in Hochform

Was sind das für Wesen, die dem jungen Robert Olmstead in Innsmouth derart misstrauisch und abweisend begegnen? Fasziniert von den unheimlichen Geschichten um die heruntergekommene Hafenstadt und deren Bewohner versucht der Student dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Doch schnell muss er feststellen, dass ihm weitere Nachforschungen zum Verhängnis werden können … abgesehen von dem Geheimnis, das sich ihm erst Jahre später offenbart und dem er nicht mehr entfliehen kann.

(Quelle: Carlsen Manga)

Details

Format: Softcover
Veröffentlichung: 31.05.2022
Seitenzahl: 448
ISBN: 978-3-551-76717-2
Sprache: Deutsch
Verlagshomepage: Carlsen Verlag

Copyright Cover: Carlsen Verlag



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)